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Unternehmen | 12.08.2010

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Aus IZ32/2010, S. 4

Von Christoph von Schwanenflug

In diesem Artikel:

"Kunden waren das Kaiserhaus und alle Fürsten"

Bild: Jüdisches Museum Frankfurt
Immobilienanzeige aus dem Frankfurter Theater-Almanach von 1898. Die Geldanlage in Hypotheken war damals weit verbreitet. Privatleute gaben Geld an den Makler, der gegen eine Gebühr im Grundbuch eine Hypothek eintragen ließ, die jährlich verzinst wurde.

Bild: Jüdisches Museum Frankfurt

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EIN PROVISIONSSTREIT AUS DEM JAHRE 1890

"Gleichzeitig gestatten wir uns die ergebene Mittheilung ..."

Auch 1890 mussten die Makler ihrem Geld schon hinterherlaufen. Das zeigt die zähe Auseinandersetzung zwischen Israel Schmidt Söhne und der Stadt Frankfurt um Provisionen für den Kauf von Grundstücken, die die Kommune für den Bau einer Straße brauchte. Am Ende gab die Maklerfirma nach, um einen Gerichtsprozess und negatives öffentliches Aufsehen zu vermeiden.

Frankfurt am Main Ende des 19. Jahrhunderts, an allen Ecken und Enden wird gebaut. Neue Stadtviertel mit Mietwohnungen entstehen, riesige Summen fließen in eine moderne Infrastruktur (1888 Eröffnung des Hauptbahnhofs). In diese Zeit fällt der Ausbau der Schillerstraße (Sitz der Börse) zu einer großzügig dimensionierten Geschäftsstraße. Beim Ankauf der dafür nötigen Grundstücke bedient sich die Stadt der Maklerfirma Israel Schmidt Söhne (ISS).

Nachdem die Grundstücke gekauft waren, stellt ISS der Stadt am 5. März 1890 für den Kauf dreier Liegenschaften eine Provisionsrechnung über insgesamt 5.200 Reichsmark. Adressat ist Oberbürgermeister Johannes von Miquel persönlich. Der Rechnungsbetrag setzt sich zusammen aus 0,5% Käuferprovision, die die Stadt zu zahlen hat, sowie einer Verkäuferprovision für zwei Liegenschaften von 1%, deren Übernahme laut ISS die Kommune zugesagt hat. Außerdem erinnert ISS Miquel daran, dass der Firma auch "für Bemühungen bei den Vorverhandlungen" eine Vergütung in Aussichtgestellt wurde - "und überlassen es Euer Hochwohlgeboren solche zu bestimmen". Da die Stadt nicht zahlt, schreibt ISS fünf Wochen später eine Mahnung über besagten Betrag. Darin wird noch an weitere Zahlungsverpflichtungen der Stadt erinnert. "Gleichzeitig gestatten wir uns die ergebene Mittheilung, daß, falls die Verhandlungen mit Herrn Alber erledigt sind, uns auch hiervon eine An- und Verkaufsprovision zu gut kommt."

Während Israel Schmidt Söhne mahnt, hat stadtintern eine Debatte eingesetzt, wie mit der Provisionsrechnung des Immobilienmaklers zu verfahren sei. Der Stadtbaurat hält 4.000 Mark für angemessen, die Stadtkämmerei sogar 8.890 Mark, da inzwischen drei weitere Grundstücke durch Vermittlung von ISS für den Bau der Schillerstraße gekauft worden seien. Der Kämmerei sei es aber gelungen, in Vergleichsverhandlungen die Ansprüche von ISS auf 7.460 Mark zu drücken.

OB-Büro wirft Maklerfirma Preistreiberei vor

Geradezu empört weist die Stadtkanzlei (Büro des Oberbürgermeisters) die Ansicht der Kämmerei zurück. (Inzwischen schreiben wir schon den 21.Oktober 1890 und ISS hat immer noch kein Geld gesehen.) Der Kanzleibeamte übt mit Bezug auf zwei Transaktionen scharfe Kritik an der Arbeit des Maklers: "Die Tätigkeit der Fa. Schmidt hat in beiden Fällen nur darin bestanden, die Besitzer der Liegenschaften zur Unterzeichnung eines Schlusszettels mit exorbitantem Preiß zu veranlassen und ob dieses Vorgehen...genügend Anlass gibt, um genannter Firma eine besondere Vergütung für ihre „Tätigkeit" zuzubilligen, erscheint mir doch mehr als fragwürdig."

Dass das Büro des Oberbürgermeisters gegenüber ISS plötzlich eine fast feindselige Haltung einnimmt, hat vielleicht damit zu tun, dass der OB kurz vorher gewechselt hatte (Nachfolger von Miquel, der zum preußischen Finanzminister avancierte, wurde Franz Adickes). Die neue Stadtspitze jedenfalls meint, dass die Stadt gegenüber ISS schon Entgegenkommen zeigen würde, wenn sie nur 1.425 Mark zahlte. Kurze Zeit später fällt der Magistrat schließlich eine Entscheidung: Israel Schmidt Söhne soll maximal 3.000 Mark bekommen.

Die Aufgabe, von dieser Position aus mit ISS zu verhandeln, fällt der Kämmerei zu. Diese berichtet, dass die Firma den Vergleich nach anfänglich „entschiedener" Weigerung angenommen habe. Die Provision fließt gleichwohl auch jetzt noch nicht, wie die Korrespondenz über den Provisionsstreit, die sich im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte erhalten hat, zeigt. In den Akten taucht überraschend das Schreiben eines Rechtsanwalts vom 9. Januar 1891 auf. Er verlangt im Namen von ISS "volle Befriedigung" der Forderung von 8.840 Mark und droht mit Klage. Dem Schreiben ging offenbar ein Vergleichsvorschlag voraus, den die Stadt abgelehnt hatte.

In dem Brief legt der Rechtsanwalt noch einmal die Position von Israel Schmidt Söhne dar. Bezugnehmend auf drei Kaufverträge lesen wir: "In den Kaufverträgen hat sich die Stadtgemeinde diesen Verkäufern gegenüber ausdrücklich verpflichtet, die Maklerspesen allein zu tragen. Die Herren Israel Schmidt Söhne besitzen von diesen sämmtlichen drei Verkäufen Verpflichtungsscheine ... Außer den hiernach den Herren zukommenden 5710 Mark fordern dieselben auf Grund eines ihnen von Herrn Finanzminister Dr.Miquel ertheilten Versprechens von der Stadtgemeinde ein halb Prozent Provision der resp. Kaufpreise, welche betragen .... 3130 Mark so dass die Forderung von im Ganzen 8840 Mark begründet ist."

Provisionsstreit wird Thema im Stadtparlament

Die Klageandrohung geht für ISS nach hinten los: Vier Tage später ist der Provisionsstreit Thema im Stadtparlament und damit öffentlich. Die Stadtverordneten lehnen die Zahlung von Maklergebühren ab, ermächtigen jedoch den Magistrat, „ohne Anerkennung irgendeiner Verbindlichkeit zu Abfindung aller Ansprüche" 3.000 Mark an ISS zu zahlen. Offenbar unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte nimmt Israel Schmidt Söhne das Angebot der Stadt an. Die Maklerfirma betont aber, dies nur zu tun, um einen Prozess mit der Stadt zu vermeiden. Die Annahme des Angebots wird außerdem an die Bedingung geknüpft, "dass diese Angelegenheit hierdurch definitiv erledigt ist und nicht nochmals zum Gegenstande einer Verhandlung in der Stadtverordnetenversammlung gemacht wird".

"Euer Hochwohlgeboren..."

An die heutige Unterredung mit Euer Hochwohlgeboren bezugnehmend überreichen wir Ihnen beigefaltet unsere Provisionsliquidation, für unsere Bemühungen beim Zu Standekommen des An- respektive Verkaufes der darin bezeichneten Objecte. Die ehemaligen Besitzer derselben haben uns, laut Revers die übliche Verkaufsprovision von je 1 Prozent der Verkaufssumme im Falle des Ankaufs durch die Stadtgemeinde zugesichert, welche Verpflichtung die Stadtgemeinde als Käuferin zur Zahlung übernommen habe. Von Seiten Euer Hochwohlgeboren wurde uns die übliche Käuferprovision von 1 halb Prozent bewilligt ... Für unsere Bemühungen bei den Vorverhandlungen, Unterhandlungen und Feststellung der Preisforderungen mit den übrigen Besitzern der an die Schillerstraße anstoßenden Grundstücke, Taxation derselben etc. wurde uns ebenfalls eine Vergütung in Aussicht gestellt und überlassen es Euer Hochwohlgeboren solche zubestimmen.

Aus dem Rechnungsschreiben von Israel Schmidt Söhne an den Frankfurter Oberbürgermeister Johannes von Miquel, 1890