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| 21.11.2002

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Aus IZ24/2002, S. 12

Von Dr. Elmar Schütz, Prof. Hildebrand Machleidt, IZ

In diesem Artikel:

Mehrfachbeauftragung vs. kooperatives Verfahren

Die Vielzahl der Projektbeteiligten mit ihren unterschiedlichen Interessenschwerpunkten ist eines der Hauptprobleme in der Projektentwicklung. Konflikte sind der Normalfall, nicht die Ausnahme. Dennoc [...]

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Die Autoren: Dr. Elmar Schütz leitet die Abteilung Stadtplanung der Vivico Real Estate GmbH, Frankfurt am Main. Die 2001 gegründete Abteilung soll für eine hohe städtebauliche und architektonische Qualität der Vivico-Projekte sorgen.

Architekt und Stadtplaner Prof. Hildebrand Machleidt leitet das Machleidt + Parner Büro für Städtebau, Berlin. Zehn Mitarbeiter kümmern sich um die Arbeitsfelder räumliche Entwicklungsplanung, städtebauliche Rahmenplanung, Sanierungsplanung, Stadtentwurf, Bauleitplanung, kommunale Planungsberatung, städtebauliche Verfahrenssteuerung und Moderation.

Prozessoptimierung in der Projektentwicklung

Inhaltsübersicht

1. Prozessmanagement führt zur Optimierung in der Projektentwicklung - Einführung

2. Der Workshop als zielführendes Instrument der Projektentwicklung

3. Gutachterverfahren, Mehrfachbeauftragung

4. Investorenauswahlverfahren

5. Aktionsplanung

6. Beteiligungen (insb. Bürger-)

7. Städtebauliche und architektonische Wettbewerbe

8. Ausblick

Praxisbeispiel: Revaler Viereck

Revaler Viereck ist der Projektnahme für die Entwicklung des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks an der Warschauer Straße im Bezirk Fiedrichshain-Kreuzberg in Berlin. Die Vivico Real Estate GmbH entwickelt hier auf einem ca. 10,5 ha großen Areal ein neues Quartier mit einer lebendigen Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Kultur und Handel.

In Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der zuständigen Bezirksverwaltung ist im September 2001 ein diskursives Verfahren ausgelobt und im Februar 2002 abgeschlossen worden. Im Zuge dieses Verfahrens konnten innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit schwierige fachliche, politische und wirtschaftliche Fragestellungen geklärt werden. So wurde zum Beispiel eine Lösung für die Integration und Nutzung erhaltenswürdiger Bauten gefunden, die die Geschichte des Areals widerspiegeln und dem neuen Quartier Identität geben können. Für zeitgemäßes, innerstädtisches Wohnen wurden ebenso tragfähige Konzepte entwickelt wie für die Platzierung und Gestaltung des Einzelhandels, der für die Entwicklung des Quartiers Initialcharakter haben soll. Für schwierige Erschließungsfragen wurden Lösungen gefunden, ebenso für die Forderung nach einem modularen Aufbau des städtebaulichen Konzepts, das eine sukzessive Realisierung zulässt. Während die Senatsverwaltung stark auf die Einbindung der Entwicklung in die überörtliche Planung geachtet hat (Leitbild Spreeraum), war der Bezirk, vertreten durch Baustadtrat Dr. Schulz, als Träger der Planungshoheit von Anfang an auf einen Ausgleich der Interessen aus. Dies ist gelungen.

Schon im Zuge der Vorbereitungen, aber erst recht im Verfahren selbst konnte ein weit gehendes Verständnis aller Beteiligten für die gegenseitigen Bedürfnisse und Handlungsmotive hergestellt werden. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass auf der Basis des Verfahrensergebnisses einer örtlichen Initiative, der die kulturelle und gewerbliche (Wieder-)Nutzung alter Bausubstanz am Herzen liegt, ein Angebot für den Verbleib auf Teilen des Areals gemacht werden konnte. Diese Initiative (RAW Tempel e.V.) war ebenso im Verfahren als so genannte Sachverständige vertreten wie einige andere Interessengruppen und Bürgervertreter (z.B. Stadtteilmanagement Boxhagener Platz) und zahlreiche Fachexperten aus Immobilienwirtschaft, Verkehr, Ökologie, Denkmalschutz, Altlasten etc.

Das Verfahren wurde moderiert von Prof. Hildebrand Machleidt, Berlin. Neben Grundstückseigentümer-, Landes- bzw. Bezirksvertretern fungierte Prof. Urs Kohlbrenner, Berlin, als unabhängiger Obergutachter. Als Gutachter waren beauftragt: Architekturbüro Heinrich Böll, Essen, Kees Christiaanse/Astoc Architects & Planners, Rotterdam/Köln, und Architekturbüro Walter Noebel, Berlin.

Das städtebauliche Konzept von Kees Christiaanse/Astoc wurde vom Obergutachtergremium als Basis für die weitere Bebauung vorgeschlagen (s. Abbildung oben). In der Begründung hieß es hierzu: "Vor allem positiv bewertet wird (...) der prozesshafte und strategische Ansatz, der dem Entwurf zu Grunde liegt und somit Teil des Kulturanspruches ist. Die vorgestellte Arbeit basiert auf einem Entwicklungsprozess aus sich heraus. (...) Das Stadtverständnis dieses Entwurfes unterscheidet sich somit deutlich von den anderen Entwürfen. Es handelt sich primär nicht um einen städtebaulich-entwerferischen Ansatz, sondern um den Beginn eines strategischen Prozesses."

Nach nur kurzer Überarbeitung des Christiaanse-Konzepts konnte darauf aufbauend die Entwurfsfassung für den Bebauungsplan bereits im Sommer dieses Jahres vorgelegt werden. Wenn es wie geplant weiterläuft, wird Mitte nächsten Jahres der Bebauungsplan beschlossen. Damit sind inkl. einer dem Verfahren vorgeschalteten Machbarkeitsstudie weniger als drei Jahre für die Konzeptionierung und Baurechtschaffung vergangen. Wer sich mit der Entwicklung großer, ehemals durch Bahn oder Industrie genutzter Areale auskennt, wird bestätigen, dass dies ein gutes Ergebnis ist.

(c) Immobilien Zeitung; Quelle: Machleidt/Schütz

Glossar

GRW

"Grundsätze und Richtlinien für die Wettbewerbe auf den Gebieten der Raumplanung, des Städtebaus und des Bauwesens" aus dem Jahre 1995 (GRW 1995). Diese stellen gem. § 25 der Verdingungsordnung für freiberufliche Leistungen aus dem Jahre 1997 (VOF 1997) die "einheitlichen Richtlinien" unter "Mitwirkung der Architekten- und Ingenieurkammern an der Vorbereitung und Durchführung von Wettbewerben" dar. Gemäß geltendem Recht sind sie nur für öffentliche Auftraggeber verbindlich. Vor diesem Hintergrund und in Folge der Komplexität der GRW haben die Architektenkammern Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens die "Regeln für Architektenwettbewerbe" im Jahre 2001 herausgegeben (RAW 2001). Diese richten sich in erster Linie an private Auftraggeber (als Empfehlung), sind aber auch für die öffentliche Hand anwendbar. Beide Regelwerke haben den fairen und lauteren Leistungswettbewerb zum Ziel. Die RAW enthält dazu die auf ein Mindestmaß reduzierten Bestimmungen.

Nähere Informationen im Internet z.B. unter http://www.aknds.de/cgi-bin/infodienst.

Gutachter

Die in einem Gutachterverfahren beauftragen Planer und Architekten, die parallel (Mehrfachbeauftragung) die gleiche Aufgabenstellung gutachterlich (daher der Name) im Sinne des § 42 i.V.m. § 33 HOAI bearbeiten.

Obergutachter

Der oder die mit der Beurteilung der Planungsleistungen der Gutachter im Verfahren betrauten Fachleute. Die Obergutachter, auch Jury genannt, sind vergleichbar den Fach- und Sachpreisrichtern bei Wettbewerben. Ein Gutachterverfahren kommt jedoch mit einer geringeren Zahl von Jurymitgliedern aus (drei bis fünf). Auch müssen die unabhängigen Fachjuroren nicht die Stimmenmehrheit besitzen.

Wettbewerbssumme und Basishonorar

Begriffe aus den GRW. Demnach stellt der Auslober einen verbindlichen Gesamtbetrag zur Verfügung, der auf die Preise und Ankäufe verteilt wird (Wettbewerbssumme). Berechnungsgrundlage ist das Honorar, das für geforderte Leistung nach HOAI zu zahlen wäre (Basis-

honorar). Angesichts der Zahl der zu vergebenden Preise ist die Wettbewerbssumme ein Mehrfaches des Basishonorars. Sie steigt jedoch degressiv mit der Höhe des Basishonorars.

Ankauf

Begriff aus den GRW. Mit Ankäufen sollen Arbeiten ausgezeichnet werden, die dem Auslober besondere Anregungen für die Verwirklichung der Aufgabenstellungen liefern oder eine besondere Teillösung beinhalten. Sie sind also nicht umfassend preiswürdig. Der Auslober erkauft sich mit dem zuerkannten Betrag das Nutzungsrecht an der Lösung (daher der Name), muss für deren Umsetzung (in Realisierungswettbewerben) jedoch den Verfasser in Arbeitsgemeinschaft mit einem Preisträger beauftragen.

Auslober

Begriff aus den GRW. Der Auslober ist Herr des Verfahrens. Er schließt auf der Basis oder in Anlehnung an o.g. Regelwerke Verträge mit den Wettbewerbsteilnehmern bzw. Gutachtern (Werkvertragscharakter) und den Preisrichtern bzw. Obergutachtern (Dienstvertragscharakter), die in der Regel durch Annahme der schriftlichen Auslobung durch die Verfahrensteilnehmer zu Stande kommen.

Kolloquium

Begriff aus den GRW. Im ursprünglichen Wortsinn das Miteinander-Sprechen (lat.). Im engeren Sinne der GRW ist das Kolloquium ein Zusammentreffen, an dem die Wettbewerbsteilnehmer vom Auslober und vom Preisgericht in die Wettbewerbsaufgabe eingeführt werden. Im weiteren Sinne der von den GRW abweichenden Verfahren sind die Kolloquien alle Treffen, bei denen die Verfahrensbeteiligten untereinander Informationen austauschen, (Zwischen-)Ergebnisse präsentieren oder gemeinsam arbeiten (vgl. Workshop im Beitrag von Hans Rausch im Rahmen dieser Artikelserie).

Moderator

Vgl. Moderation im Beitrag von Hans Rausch im Rahmen dieser Artikelserie.

(c) Immobilien Zeitung; Quelle: Machleidt/Schütz

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