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Unternehmen | 19.11.2020

Aus IZ47/2020, S. 17

Von Thorsten Karl

In diesem Artikel:

"Wir sind die Chancenregion"

Quelle: BMR, Urheber: Benjamin Legrand
Das Ruhrgebiet war während des Strukturwandels zu sehr mit sich selbst beschäftigt, findet Rasmus C. Beck.

Quelle: BMR, Urheber: Benjamin Legrand

Ruhrgebiet. Rasmus C. Beck ist der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Business Metropole Ruhr. Ab dem kommenden Frühjahr wird er Chef der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Duisburg sein. Was er in seiner Zeit in Essen verändert hat und welche Herausforderungen auf ihn künftig in Duisburg warten, erklärt Beck im Gespräch mit der Immobilien Zeitung.

Immobilien Zeitung: Ihr geplanter Wechsel aus der Business Metropole Ruhr (BMR) in die Duisburger Wirtschaftsförderung haben viele als überraschend empfunden. Immerhin bleiben Sie dem Ruhrgebiet treu. Wie kam es zu der Veränderung?

Rasmus C. Beck: So ganz einfach und schnell ist diese Frage nicht ausreichend zu beantworten. Wirtschaftsförderung in unterschiedlichen Facetten beschäftigt mich schon mein ganzes Berufsleben. Ich bin in Stuttgart geboren und habe in Tübingen an einem Lehrstuhl für regionale Entwicklungstheorie studiert. Nach meinem Studium fand ich ein interessantes Angebot bei der Wirtschaftsförderung Dortmund im Bereich dortmund project. Dieses Projekt war sehr spannend: Es entstand nach dem beinahe schlagartigen Ende von Kohle und Stahl in Dortmund aus einem Entwicklungskonzept, das die Stadt zusammen mit McKinsey erarbeitet hatte. Bei der Wirtschaftsförderung war ich dann in verschiedenen Positionen rund fünf Jahre beschäftigt. Eine gute Zeit!

IZ: Und Sie sind im Revier heimisch geworden.

Beck: Nach einer Episode in Hannover bei der hannoverimpuls GmbH. Sie ist die Wirtschaftsförderung der Stadt und Region Hannover. Die Gesellschaft ging auch aus einem McKinsey-Konzept hervor und ich konnte mich dort schnell besonders in Branchen- und Internationalisierungsthemen weiterentwickeln. In der Region Hannover war ich dann zuletzt als Prokurist tätig, bis die Business Metropole Ruhr (BMR) anfragen ließ.

IZ: Also war es ein lukratives Angebot, das Sie zurück in das Ruhrgebiet gelockt hat?

Beck: Das war gar nicht der primäre Grund. Meine Familie und ich wohnten bereits in Witten, ich wurde dreimal Vater und pendelte damals immer nach Hannover. Gerade als wir uns überlegt hatten, dorthin zu ziehen, kam das Angebot der BMR aus Essen. Da fiel uns die Entscheidungsfindung natürlich sehr viel leichter - was kann es außerdem Spannenderes geben, als für die Wirtschaftsförderung in "Deutschlands größter Stadt" verantwortlich zu sein?

IZ: Was haben Sie in Essen vorgefunden?

Beck: Die BMR war ein Unternehmen mit gewissen Herausforderungen, die typisch sind für regionale Akteure im Sandwich zwischen Kommunen und Land. Ich will es so erklären: Die BMR forderte die lokalen Wirtschaftsförderungen im Ruhrgebiet auf, ihr Ressourcen oder ein Mandat zu liefern, damit sie besser arbeiten kann. Die lokalen Wirtschaftsförderungen wiederum argumentierten, die BMR solle erst einmal beweisen, was sie kann, bevor man das Allerheiligste, also die Zuständigkeit, liefert.

"Am Anfang gab es eine Pattsituation"

IZ: Es war also Misstrauen, das Ihnen entgegengebracht wurde?

Beck: Es gab eine Pattsituation. Die lokalen Wirtschaftsförderungen befürchteten, dass ihre Arbeit künftig von der BMR gemacht werden solle. Aber ganz klar: Gründerförderung oder Bestandspflege beispielsweise für Hamm oder Oberhausen kann man nicht aus Essen machen. Das geht nur vor Ort. Das musste ich erst einmal klarstellen. Mein Credo lautete: Welche Angebote brauchen die lokalen Kollegen, damit sie von der BMR profitieren?

IZ: Und das Credo zog dann?

Beck: Heute sind wir in der Region ein sehr gutes Team, in dem man sich vertraut und auch große Dinge gemeinsam anpackt. Angefangen haben wir mit einer Art Allianz der Willigen, wodurch wir Geschwindigkeit bei neuen Projekten aufnehmen konnten. Es mussten nicht immer alle mitmachen, wer später auf den fahrenden Zug zusteigen wollte, war immer herzlich eingeladen. Dieses System der Freiwilligkeit hat sich inzwischen bei allen Aktivitäten der BMR bewährt. Letztlich haben wir durch die Geschwindigkeit, mit der wir agieren konnten, und durch Prozessoptimierungen alle Wirtschaftsförderungen mit an Bord holen können.

IZ: Um welche Themen ging es da?

Beck: Es ging um Interessenbündelung in der Strukturpolitik, internationales Standortmarketing, Flächenentwicklung und die Immobilienwirtschaft. Die wurde damals von manchen als so eine Art Orchideenthema angesehen. Das habe ich immer anders gesehen, sie war immer eines der drei Topthemen des Ruhrgebiets.

IZ: Aber das Ruhrgebiet erschien immer recht einig bei seinem Messeauftritt auf der Expo Real in München.

Beck: Als ich zur BMR kam, stand der gemeinsame Messeauftritt gerade auf der Kippe. Einige kleine Städte wollten gar nicht mehr mit einem gemeinsamen Stand nach München, andere überlegten, mit einem eigenen Stand auszustellen. Ich konnte es verstehen: Der bestehende Auftritt mit den Abgrenzungen und Mäuerchen zwischen den Städten drückte eigentlich das Gegenteil dessen aus, was wir sein wollten: das Ruhrgebiet. Der neue, gemeinsame Stand mit dem neuen Design war 2014 ein gemeinsamer erster Erfolg: für die Kommunen im Ruhrgebiet und die BMR.

IZ: Und die Investoren kommen jetzt zuhauf?

Beck: Ja! Wir brauchen aber immer noch mehr Leute aus der Region, die in ihre Objekte investieren. Aber wir brauchen natürlich auch jeden von außen, der hier Immobilien baut oder erwirbt. Denn das ist ja ein Commitment: Seht her, ich glaube an die Zukunft meines Geldes in dieser Region.

IZ: Und das haben auch alle Player im Revier verstanden?

Beck: Ja. Wir haben sogar vor kurzem die regionale Maklerrunde hinbekommen. Also, die im Ruhrgebiet tätigen Büromakler und Wirtschaftsförderungen treffen sich und tauschen mittlerweile ihre Zahlen aus.

IZ: Wo sehen Sie denn die Stärken des Standorts Ruhrgebiet?

Beck: Das Ruhrgebiet mit seinen 53 Städten und Kommunen ist ja weder eine eigene Verwaltungseinheit noch eine Gebietskörperschaft. Vielmehr ist es eine große Urbanität, die von den Menschen als ein Standort wahrgenommen wird. Das Ruhrgebiet findet sozusagen in den Köpfen statt. Seine große Stärke ist seine Durchlässigkeit. Es bietet so viele Chancen. Das Ruhrgebiet ist nie ganz fertig, aber hier ist alles möglich. Es ist eine Chancenregion in Deutschland.

IZ: Bei so viel Lob drängt sich natürlich die Frage nach den Schwächen der Region Ruhrgebiet auf.

Beck: Eine Schwäche ist sicher, dass man im Strukturwandel sehr mit sich selbst beschäftigt war und weniger damit, wie man im Wettbewerb mit anderen Regionen aufholen und wachsen kann. Dass man ein regionales, authentisches Zukunftsprofil im Standortwettbewerb braucht, hat sich erst vor gar nicht allzu langer Zeit in den Köpfen durchgesetzt. Dafür aber mit großer Geschwindigkeit, die mich wirklich positiv überrascht hat. Was dem Ruhrgebiet noch fehlt, ist eine griffige Perspektive, wie sie Edmund Stoiber für München mit dem Slogan "Mit Laptop und Lederhose" geprägt hat. Die Lederhose im Ruhrgebiet ist der Förderturm. Aber der Platz des Laptops in der Erzählung muss noch abschließend gefüllt werden. Aber hierfür gibt es viele Ansätze - beispielsweise der Standortfaktor Wissen, der sich mit seinen 22 Hochschulen und über 250.000 Studierenden hier so stark ausdrückt wie nirgendwo anders in der Republik.

IZ: Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. Warum der Wechsel nach Duisburg?

Beck: Ein Grund ist, weil ich nach sieben Jahren an der Spitze der BMR eine neue Herausforderung in der Region gefunden habe, in der ich nun deutlich operativer handeln kann. Die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (GfW) wird sich im kommenden Jahr komplett neu aufstellen. Die alten Gesellschafter aus der Wirtschaft scheiden aus und die neue Gesellschaft wird zu 75% von der Stadt und zu 25% von wichtigen städtischen Gesellschaften geprägt sein. Die neue GfW wird auch mit deutlich mehr Finanzmitteln ausgestattet sein.

"Das Wichtigste: Duisburg hat eigene Fläche"

IZ: Der Standort selbst reizt Sie nicht?

Beck: Oh doch! Duisburg ist schon immer eine internationale Stadt gewesen durch den Hafen und die Lage an den beiden Flüssen Rhein und Ruhr. Sie hat eine lange Historie und zahlreiche Assets, wie die Universität und den Hafen. Und, das Wichtigste: Duisburg hat Fläche, und zwar Fläche, die der Kommune gehört und die jetzt entwickelt wird. Damit meine ich beispielsweise das Güterbahnhofsareal und das Projekt 6 Seen Wedau. Duisburg wird in seinem Süden mit Düsseldorf zusammenwachsen. Das ist alleine deshalb schon sicher, weil Düsseldorf sein Wohnungs- und Flächenproblem ohne Duisburg nicht wird lösen können.

IZ: Und, abschließende Frage, was wünschen Sie der BMR?

Beck: Ich wünsche ihr jemanden, der weiter frische Impulse in die BMR bringt und sie in ihrer Rolle stärkt. Denn letzten Endes werde auch ich in Duisburg von einer starken Region profitieren. Auch dank meiner Tätigkeit in der BMR ist das Ruhrgebiet meine Heimat geworden, das sage ich als Schwabe. Ich will nicht mehr zurück.

IZ: Herr Beck, danke für das Gespräch.

Das Interview führte Thorsten Karl.