Sie verwenden
iz.de als
Gastnutzer
Alle Leistungen ansehen

{{vm.izPaket[vm.user.izPaket].title}}

Ihre Leistungen

Märkte | 23.01.2020

Aus IZ04/2020, S. 14

Von Christoph von Schwanenflug

In diesem Artikel:

Die Zukunft des Einzelhandels ist 129 Jahre alt

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug
Schäffer in Osnabrück: Haushalts- und Spielwaren auf vier Etagen.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug

Die Krise von Karstadt und Kaufhof wird oft als Krise des Warenhauses bzw. des mit ihm verwandten Kaufhauses gedeutet. Vanessa Waldvogel, Inhaberin des Spiel- und Haushaltswarengeschäfts Schäffer in Osnabrück, und Achim Weitkamp, Mitinhaber der Maklerfirma Lührmann aus Osnabrück, erheben Einspruch gegen diese Sichtweise. In ihren Augen ist nicht nur der stationäre Einzelhandel quicklebendig, auch der Kaufhaus-Gedanke erlebe eine Renaissance. "Wir bezeichnen uns seit fünf Jahren wieder als Kaufhaus, und zwar sehr selbstbewusst", sagt Waldvogel.

Als Schülerin hätte sich Vanessa Waldvogel nie vorstellen können, das Geschäft ihrer Eltern zu übernehmen. Nichts lag ihr ferner, als sich in den von ihrem Urgroßvater gegründeten Laden zu stellen. Nach Lehr- und Wanderjahren außerhalb ihrer Heimatstadt Osnabrück tat sie es 1998 dann doch. Bereut hat sie es nicht. "Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Ich bin ein neugieriger Mensch und meine Aufgaben hier sind so vielseitig." Schäffer, 1891 gegründet, ist eines der führenden Fachgeschäfte für Spiel- und Haushaltswaren in Deutschland und erstreckt sich auf 2.700 m² Fläche über vier Etagen.

Früher gab es in jeder besseren Stadt einen Schäffer. Mittlerweile nicht mehr. Abt in Ulm? Hat zwar 2019 in neuen Räumen eröffnet, gehört aber jetzt zum Imperium des Drogeriemarkts Müller. Lorey in Frankfurt? Ist sogar noch rund 100 Jahre älter als Schäffer, hat aber keine Spielwaren und außerdem gerade sein Stammhaus verkauft. Im Rahmen des Umzugs ins Einkaufszentrum MyZeil wird sich die Firma von rund 4.000 m² auf 1.200 m² verkleinern.

Entwicklungen wie diese verändern die Selbstwahrnehmung. Schäffer stellt fest, etwas Besonderes zu sein. "Wir bezeichnen uns seit fünf Jahren wieder als Kaufhaus, und zwar sehr selbstbewusst, weil wir wieder so selten geworden sind wie das Warenhaus vor 150 Jahren", sagt Waldvogel (über den Unterschied der beiden Betriebsformen siehe Kastentext "Kaufhäuser und Warenhäuser"). Selbst im Internet zieht der Fachgeschäft-Bonus. Schäffer hat einen Onlineshop, verkauft aber auch über Amazon. "Zum Teil kaufen die Kunden bei uns, obwohl wir ein paar Euro teurer sind - weil wir ein Fachhändler sind."

Eine Besonderheit von Schäffer ist das Rahmenprogramm des Ladens. Waldvogel und ihr Geschäftsführerkollege Tobias Schonebeck nutzen die Verkaufsfläche regelmäßig für Veranstaltungen. Letztes Jahr luden sie zur "Nacht im Kaufhaus". 240 Kinder wurden mit ihren Eltern nach Ladenschluss mehrere Stunden lang in der Spielwarenabteilung bespaßt. Geboten werden außerdem Lesungen, Theater, Lego-Events, Spieleabende, Kochkurse und Grill-Seminare. Das Programm für die Schäffer-Kochkurse ist 40 Seiten stark und reicht von "Lass Wokken" über "Bella Italia" bis zu "Faszination Mann". Es ist in keinster Weise übertrieben, wenn Waldvogel behauptet: "Wir sind nicht nur ein Spiel- und Haushaltswarengeschäft, sondern auch ein Veranstalter." Was Schäffer macht, ist die Zukunft. Einer Studie des Centerentwicklers Unibail-Rodamco-Westfield zufolge wird bald ein Großteil der Verkaufsfläche nicht mehr Produkten, sondern Erlebnissen gewidmet sein (siehe "Wir wollen den Tinder-Laden").

Schäffer ist ein Kommunikationszentrum des innerstädtischen Einzelhandels in Osnabrück. Aber lohnt sich dieser ganze Aufwand, nur um am Ende ein paar Töpfe mehr zu verkaufen? Würde es nicht reichen, einfach schönes Geschirr in den Laden zu stellen und Schluss? Sind all diese Veranstaltungen nicht sehr mühsam? "Das weiß ich nicht", antwortet Waldvogel. "Konsum muss nicht mehr sein." Die Kunden erwarteten viel. "Das ist der Fluch bei einer Firmengeschichte von 150 Jahren. Der Anspruch der Kunden ist wahnsinnig hoch." Weitkamp hakt beim Wort "mühsam" ein. Er findet er unpassend, weil "negativ belegt". "Engagement ist passender oder Herausforderung." Wenn er am Abend, wenn die Kinder im Bett seien und Ruhe herrsche, noch einmal zwei Stunden am Computer arbeite, wolle er auch nicht, dass jemand das als "mühsam" bezeichne. "Das ist Teil meines Lebens." Ähnlich sieht Kaufhaus-Besitzerin Waldvogel die Sache. Menschen in ihrem Laden zusammenzubringen, dieses ganze Veranstaltungsding, gerade das scheint ihr am meisten zu geben.

Quelle: Lührmann
Handel trifft Immobilienbranche. Vanessa Waldvogel im Gespräch mit Lührmann-Chef Achim Weitkamp. IZ-Redakteur Christoph von Schwanenflug (Mitte) schreibt mit.

Quelle: Lührmann

Aber für wen macht Schäffer das alles? "Wir haben oft versucht, unsere Zielgruppe festzulegen. Es geht nicht", sagt Waldvogel. "Der Herr, der sich für seinen fünften Grill interessiert, ist ebenso dabei wie das Mädchen, das mit Tränen in den Augen sein Taschengeld auf den Tresen legt, um sich eine Barbiepuppe zu kaufen. Oder die Omi, die einen neuen Dichtungsring für ihren Schnellkochtopf braucht."

Wie immer, wenn Leute zusammensitzen, die mit Einzelhandel zu tun haben, kommt die Rede irgendwann auf Kaufhof und Karstadt. Waldvogel und Weitkamp glauben nicht an eine glorreiche Zukunft des neuen Warenhausriesen. "Weil die zentral gesteuert sind", sagt Waldvogel wie aus der Pistole geschossen. In der Kaufhof/Karstadt-Organisation fehle der Platz für selbstbestimmtes Arbeiten. Weitkamp schließt sich dieser Analyse an. Er nimmt den Veranstaltungskalender von Schäffer in die Hand. "Was könnte Ihnen ein Filialleiter von Kaufhof in die Hand drücken? Die neuesten Sonderangebote." Bei Schäffer hätten die Abteilungsleiter einen eigenen Verantwortungsbereich, sagt er, z.B. im Einkauf. "Das kriege ich auch als Kunde mit. Der Unterschied ist im Service zu spüren." Waldvogel nickt. Zum Thema Selbstverantwortung fällt ihr das Hotel Ritz Carlton in New York ein. "Da hat jeder Mitarbeiter bis hinunter zum Zimmermädchen ein eigenes Budget, etwa um unzufriedene Kunden zu entschädigen."

Weitkamp sieht die Karstadts dieser Welt an den Konsumgewohnheiten scheitern. "Die Warenhäuser haben zum Teil 20.000 m² Verkaufsfläche. Da kannst du Ware reinballern, bis der Arzt kommt, aber bevor ich kilometerweit durch ein Kaufhaus laufe, um ein Handtuch zu kaufen, bestelle ich es doch lieber online." Die Warenhäuser hätten ihre Zeit gehabt, nach dem Zweiten Weltkrieg. "Damals waren die Küchen und Schränke noch leer." Die Zukunft gehöre Handelsformaten der Nähe und der Vertrautheit. Dem Supermarkt zum Beispiel. "Wir sind doch gerne da, wo wir uns auskennen." Wegen des Karstadt/Kaufhof-Siechtums eine Krise der Innenstadt herbeizureden, ist etwas, was ihn kolossal nervt. "Wer kann nur so eine Oberflächlichkeit formulieren?"

In Schäffer sieht Weitkamp den Beweis, dass der stationäre Einzelhandel allen Unkenrufen zum Trotz quicklebendig sei. "Viele Händler haben sich in den letzten Jahren zwar deutlich weniger expansiv gezeigt, dennoch kann aus unserer Sicht nicht von einer Krise des Einzelhandels gesprochen werden." Die Gründe für eine verhaltenere Expansion sieht er in einer fehlenden Verzahnung der Vertriebskanäle und in den Mieten. "In München ist die Spitzenmiete für Läden zwischen 80 m² und 120 m² in den vergangenen Jahren um 35,7% gestiegen."

Könnte Schäffer überleben, wenn das Unternehmen nicht in einer eigenen Immobilie säße, sondern die in der Innenstadt von Osnabrück üblichen Mieten bezahlen müsste? "Wir berechnen auch eine Miete. Die ist allerdings in den letzten 20 Jahren nicht so gestiegen", antwortet Waldvogel. Zudem hat Schäffer das Erdgeschoss und damit seine beste Verkaufsfläche an Mango und Douglas vermietet. "Damit ich ruhig schlafen kann", sagt Waldvogel. Wer bei Schäffer einkaufen will, muss immer erst eine Treppe hinauf. "Die Kunden haben zehn Jahre gebraucht, um uns das zu verzeihen", räumt Vanessa Waldvogel ein.

Kaufhäuser und Warenhäuser

Die Unterscheidung zwischen Kauf- und Warenhäusern geht auf das preußische Warenhausgesetz von 1900 zurück. Es bestimmte, dass Häuser, die mehr als vier Warengruppen anboten und einen Umsatz von mehr als 400.000 Mark in einer Warengruppe erwirtschafteten, Warenhäuser - und eben keine Kaufhäuser - waren und eine Zusatzsteuer entrichten mussten. Mit dem Gesetz wollten die Gegner des Warenhauses diesem Steine in den Weg legen. Heute werden die Begriffe häufig synonym verwendet. Definitorisch gibt es jedoch Unterschiede. "Das Kaufhaus ist ein größeres Einzelhandelsgeschäft, das Waren aus mehreren Branchen, davon mindestens aus einer in tiefer Gliederung, anbietet. Bedienung und Beratung gehören ebenfalls zum Leistungsumfang und können auf Kundenwunsch abgerufen werden", heißt es in "Definitionen zur Einzelhandelsanalyse" der Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung (gif). Am verbreitetsten seien "Textilkaufhäuser". Davon spreche man bei mindestens 1.000 m² Verkaufsfläche. Das Warenhaus ist laut gif ein "großflächiger Einzelhandelsbetrieb, der in der Regel auf mehreren Etagen breite und überwiegend tiefe Sortimente mehrerer Branchen" anbiete. Laut Amtlicher Statistik müsse mindestens 3.000 m² Verkaufsfläche vorliegen. Christoph von Schwanenflug

Legende:

  • Haus
  • Straßenabschnitt
  • Wohnquartier
  • Ortsteil
  • Ort
  • Bundesland / Land
  • Projekt

In Netzwerken weiterempfehlen

Kostenfrei für Abonnenten

Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland

Unser Service für IZ-Abonnenten:
Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland - täglich aktuell, übersichtlich geordnet und kostenfrei!