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Märkte | 28.11.2019

Aus IZ48/2019, S. 4

Von Daniel Rohrig

In diesem Artikel:
  • Unternehmen:
    Deutsche Bundesbank
  • Organisationen:
    Europäische Zentralbank (EZB)
  • Personen:
    Claudia Buch, Luis de Guindos

EZB und Bundesbank kritisieren die Folgen ihrer eigenen Nullzinspolitik

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Daniel Rohrig
Langsam dämmert es offenbar sowohl der Bundesbank als auch der EZB, dass ihre umstrittene Politik der Null- und Strafzinsen auch eine Reihe von Risiken verschärft.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Daniel Rohrig

Die Niedrigzinspolitik wird nach Ansicht der Bundesbank, aber auch der verantwortlichen Europäischen Zentralbank (EZB), zu einem Risiko. Steigende Immobilienpreise führten zu einer Überschätzung von Kreditsicherheiten. Trotz der Erkenntnis ist keine Kurskorrektur in Sicht.

Die Verwundbarkeit hat zugenommen." Mit diesem Satz fasste die Vizepräsidentin der Bundesbank, Claudia Buch, die Ergebnisse des diesjährigen Finanzstabilitätsberichts in Frankfurt zusammen. "Die niedrigen Zinsen setzen die Zinsmargen der Kreditinstitute zunehmend unter Druck." Sie belasteten deren Profitabilität und stellten so ein Risiko für die Finanzstabilität dar. Das betreffe in hohem Maße die Immobilienbranche, "denn 50% der Bankkredite sind Immobilienkredite".

Das klingt aus dem Mund der Volkswirtin aus Westfalen ungewohnt klar. Denn bislang galt sie nicht als Kritikerin der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Nur vorsichtig setzte sie sich in den vergangenen Monaten für einen sehr langsamen Anstieg der Zinsen ein.

Noch ungewohntere Töne schlägt der Financial Stability Review (FSR) der EZB an. Und zwar nicht deshalb, weil er zu einer anderen Einschätzung wie der Stabilitätsbericht der Bundesbank kommt, sondern weil er in ein ähnliches Horn bläst und sogar noch ein Stück konkreter wird. Der Vizepäsident der EZB, Luis de Guindos, sieht ganz besonders Nichtbanken wie Investmentfonds, Versicherungsunternehmen, Kapitalgesellschaften und Pensionsfonds als Risikofaktor. Auf den Immobilienmärkten würden "niedrige Finanzierungskosten eine stärkere Fremdfinanzierung von risikoreicheren Unternehmen fördern". Diese Risiken müsse man "kontinuierlich und genau überwachen", sagte er bei der Vorstellung des Berichts einen Tag vor den Bundesbank-Einschätzungen. Hier seien jetzt die Behörden gefragt, die alle "verfügbaren Tools" verwenden sollten, um "das Auftreten von Sicherheitslücken zu beheben."

Banken wie private Haushalte gehen laut einer Umfrage der Bundesbank sowohl in der Stadt als auch auf dem Land in den kommenden Jahren von weiter steigenden Immobilienpreisen aus. "Damit besteht die Gefahr, dass Marktteilnehmer die vergangene Entwicklung zu optimistisch in die Zukunft fortschreiben und dabei die Wertigkeit von Sicherheiten überschätzen", befürchtet Bundesbank-Vertreterin Buch. Die Kreditinstitute hätten ihre Fristentransformation ausgeweitet, um ihre Erträge im Zinsgeschäft zu stabilisieren. EZB-Vize de Guindos sieht derzeit die Wohnimmobilienpreise im Euroraum um mehr als 7% überbewertet.

Immobiliendatenlücken immer noch zu groß

Buch kritisierte in diesem Zusammenhang die nach wie vor großen Datenlücken der Banken und anderen Finanzierer im Immobilienbereich. "Wir haben zu wenige Daten über belastbare Standards." Der Ball liege nun bei der Politik. Diese müsse den gesetzlichen Umfang der Datengrundlagen bestimmen. Wie genau diese Grundlagen aussehen könnten, ließ die Vizepräsidentin allerdings offen.

Jeder zweite Wohnungsbaukredit hat nach den Auswertungen der Bundesbank mittlerweile eine Zinsbindungsfrist von mehr als zehn Jahren. Und: "Jedes Jahr steigt die Zahl dieser langfristigen Kredite um 2% bis 3%." Gerade deshalb fordert Buch eine adäquate Bepreisung von Kreditrisiken und eine bankeninterne Kalkulation mit auskömmlichen Margen. Immerhin gebe es keine Anzeichen für kreditgetriebene Risiken im Land. "Die Verschuldung der Haushalte nimmt nicht nennenswert zu."

Was letztlich für Marktbeobachter nichts Neues ist, klingt aus dem Munde derjenigen, die für die anhaltende Niedrigzinspolitik verantwortlich sind, überraschend. Obwohl es nicht das erste Mal ist, dass die Risiken der Null- und Strafzinspolitik genannt werden. Mario Draghi etwa hatte sich im Sommer unerwartet in den Reigen der Mahner eingereiht, wenngleich nicht als damaliger EZB-Chef, sondern als Vorsitzender des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken. Er warnte ebenfalls vor einer Überhitzung des Immobilienmarkts in Europa. Neben der hohen Verschuldungsgefahr von Haushalten und der Bilanzschwäche der Banken hatte der Italiener alternative Finanzierer auf dem Immobilienmarkt im Visier. Diese seien im Vergleich zu Banken nur wenig reguliert. Sollte ein Abschwung kommen, würde dies das Blasenrisiko deutlich verstärken - in erster Linie auf dem Wohnungsmarkt, aber auch auf dem Gewerbeimmobilienmarkt.

Höhere Risikobereitschaft bei Nichtbanken

Claudia Buch, die auf die Gefahren durch alternative Finanzierer nur indirekt einging, sieht für Deutschland die Systemrisiken zumindest für die Banken durch die bereits im Frühsommer beschlossenen Anhebung der antizyklischen Kapitalpuffer um 0,25% in Deutschland zumindest verringert. Sinn dieses Kapitalpuffers ist es, eine übermäßige Einschränkung der Kreditvergabe in Stressphasen zu verhindern. "Die Kreditinstitute werden dazu überwiegend ihr Überschusskapital nutzen", vermutet Buch.

Dennoch macht die Zentralbank im Euroraum indirekt, aber unmissverständlich klar, dass es aus ihrer Sicht weiterhin wichtige Gründe für ihre umstrittene Politik gibt und auf kurz- und mittelfristige Sicht nicht mit einem Kurswechsel zu rechnen ist. Ihr macht weiterhin die Eigenkapitalrendite der Banken Sorgen. Diese, so heißt es in einer Mitteilung zum FSR-Bericht, "wird voraussichtlich weiter unter Druck geraten". Als Gründe sind die "schwächeren Konjunkturaussichten" und "anhaltende Kostenineffizienzen und Überkapazitäten" aufgeführt. Letztlich war aber auch von der Bundesbank bei der Vorstellung des Stabilitätsberichts kein Signal an die EZB hörbar, ihre Zinspolitik zu überdenken.

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