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Politik | 14.11.2019

Aus IZ46/2019, S. 1

Von Gerda Gericke und Friedhelm Feldhaus, Alexander Heintze, Robin Göckes

In diesem Artikel:

"Schöne Grüße aus Connewitz"

Quelle: Imago Images, Urheber: Martin Müller
Je enger es in den Städten wird, desto wahrscheinlicher werden Konflikte um die Nutzung der verbliebenen Räume.

Quelle: Imago Images, Urheber: Martin Müller

Zwei Vermummte überfallen die Prokuristin eines Projektentwicklers in Leipzig in ihrer Wohnung und schlagen zu. Die Antwort der Immobilienbranche sind vor allem besondere Schutzmaßnahmen - und dabei vernachlässigt sie die Ursachenforschung.

"Erst brennen Barrikaden und Mülltonnen, dann werden Wehrlose angegriffen - der Weg zum politischen Mord ist nicht mehr weit, wenn der Rechtsstaat nicht mit allen Mitteln und aller Konsequenz eingreift." Burkhard Jung (SPD), Leipziger Oberbürgermeister, hält sich nicht mit halbgaren Stellungnahmen auf. Eine 34-jährige Prokuristin des Unternehmens Wassermühle Immobilien war Anfang November in ihrer Wohnung von mutmaßlich linksextremen Tätern attackiert und niedergeschlagen worden. Die Täter flüchteten mit den Worten "Schöne Grüße aus Connewitz".

Wenig später tauchte auf dem Szeneportal Indymedia im Internet ein Bekennerschreiben auf. Darin begründete die "Kiezmiliz" die Tat mit dem Bauprojekt Südcarré von Wassermühle Immobilien. Der Projektentwickler realisiert im politisch links geprägten Stadtteil Connewitz 40 Eigentumswohnungen mit "hochwertiger Ausstattung". Den Angreifern geht diese Veränderung des Stadtteils offenbar zu weit. Man habe die Verantwortliche dort treffen wollen, wo es ihr weh tut: "in ihrem Gesicht".

Kaum eine Woche ohne Attacke

Ob das Schreiben authentisch ist, lässt sich bislang nicht belegen. Dennoch haben Politik und Ordnungsbehörden eine Sonderkommission gegründet, die sich mit linksextremistisch motivierten Taten beschäftigen soll. Und die Immobilienbranche grübelt, wie mit der Gewalt umzugehen ist, die ihr entgegenschlägt. Schließlich ist der Angriff in Leipzig bei weitem nicht die einzige Aktion der vergangenen Wochen und Monate, bei der die Branche im Fokus von gewalttätigen Protesten stand (vgl. Grafik "Kaum eine Woche ohne neuen Anschlag").

So schlimm wie der jüngste Vorfall auch sei, sagt etwa Iris Wolke-Haupt, Geschäftsführerin der kommunalen Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, richtig neu sei das ja alles nun nicht. "Bei uns brennen keine Kräne. Bei uns ist auch noch niemand aus der Neubauabteilung attackiert worden. Aber unsere Mitarbeiter in der Beständeverwaltung in den Kiosken und in der zentralen Vermietung sind tätlich angegriffen worden. Das macht mich ratlos", gesteht sie ein. Die Reaktion Wolke-Haupts: "Ich sichere meine Mitarbeiter inzwischen ab. Wir haben vor den Kiosken Wachschutz stehen."

Mit ihrer Einschätzung liegt Wolke-Haupt richtig. Tatsächlich ist der gewalttätige Protest gegen die Immobilienbranche kein Phänomen, das in den vergangenen Monaten entstanden ist. Wohnungsbaugesellschaften und Immobilienfirmen stünden seit geraumer Zeit "ganz oben auf der Liste der Linksextremisten", warnte Sinan Selen, Vizepräsident des Bundesverfassungsschutzes, Anfang des Jahres auf einer Sicherheitstagung. Nach den Zahlen des Bundesinnenministeriums verzeichneten die Ordnungsbehörden in etwa alle drei Tage eine Gewalttat, die sie in der Statistik der politisch motivierten Kriminalität dem Unterpunkt "Umstrukturierung (Gentrifizierung)" zurechnen. Das kann ein fliegender Pflasterstein oder auch ein brennendes Auto sein. Solche Fälle sind bundesweit zu beobachten, auf Indymedia werden beinahe im Tagesrhythmus entsprechende Bekennerschreiben hinterlassen, die zwar oft auch mit einem Foto des verursachten Schadens versehen werden, allerdings in den seltensten Fällen zu verifizieren sind.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Gerda Gericke
Mit Vandalismus und Löchern in den Scheiben hat das Baugruppenprojekt "li01" in der Leipziger Straße in Berlin zu kämpfen.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Gerda Gericke

Die Vorfälle verteilen sich fast auf das gesamte Bundesgebiet. Die Städte Berlin, Leipzig, Bremen und Hamburg tauchen allerdings vergleichsweise oft auf. Das ist zwar kein Beleg dafür, dass der Branche in diesen Städten tatsächlich besonders viel Gewalt entgegenschlägt, es untermauert aber die Wahrnehmung der einzelnen Akteure vor Ort. Ganz besonders häufig haben es die Angreifer dabei auf zwei Firmen abgesehen: Vonovia und Deutsche Wohnen. Sie sind alleine schon aufgrund ihrer Größe beliebte Ziele für Attacken.

Immer mehr Sabotageakte bei Baumaßnahmen

"Ein Schwerpunkt liegt auf Berlin", sagt Deutsche-Wohnen-Sprecher Marko Rosteck. In der Tat habe sich das Klima verschärft. "Wir beobachten zunehmend Anschläge beispielsweise auf unsere Bürostandorte oder auf Fahrzeuge des Unternehmens. Dabei kann es sich unter anderem um Graffiti handeln, eingeschlagene Scheiben oder Farbbeutelanschläge", berichtet Rosteck. Neben gezielten Attacken beobachte sein Unternehmen auch "eine Zunahme von Sabotageakten im Zuge von Baumaßnahmen ebenso wie bewusste Sachbeschädigung an der technischen Infrastruktur unserer Gebäude, beispielsweise an Aufzügen".

Auch in Bremen brennt es schon mal. Die jüngsten Taten betreffen ein Büro der Hansestadt Bremen Immobilien (HBI) im Bremer Viertel. Im Eingangsbereich der Filiale am Ostertorsteinweg hatten Täter in der vergangenen Woche Müll und Altpapier entzündet und in der Nacht darauf "Sold out" in roter Farbe auf die Scheibe gesprüht.

"Dieser Vorfall hat eine neue Qualität"

Der Überfall auf die Wassermühlen-Mitarbeiterin in Leipzig wird sowohl von Branchenvertretern wie von der Politik als neues Phänomen eingeschätzt. Damit sei eine rote Linie überschritten worden. Das sieht auch Juliane Nagel so. Sie sitzt für die Linke im Leipziger Stadtrat und wurde per Direktmandat in den Sächsischen Landtag gewählt. Im Stadtteil Connewitz gilt Nagel als gut vernetztes Sprachrohr. "Dieser Vorfall hat eine neue Qualität. Ich gehe aber stark davon aus, dass es ein Einzelfall bleiben wird. Auch deshalb, weil Teile der linken Szene die Aktion öffentlich sehr stark kritisiert haben. Das ist übrigens etwas, was ich in dieser Form auch noch nicht wahrgenommen habe", stellt sie klar.

Im Oktober war beim Bremer Eigentümerverband Haus & Grund die Glasfassade durch Steinewerfer zerstört worden. Schaden: 70.000 Euro. Ingmar Vergau, Geschäftsführer von Haus & Grund Bremen, gibt sich kämpferisch: "Wir werden unser Verhalten in puncto Öffentlichkeitsarbeit nicht ändern. Das sind politisch-geistig fehlgeleitete Menschen." Gegen Terrorismus sei keiner gewappnet. "Die gehen jetzt immer weiter", befürchtet er.

Sicherheitskonzepte unter der Lupe

Während Vergau trotz der Angriffe keinen Wachschutz engagieren will, erhöhen andere in der Branche ihre Sicherheitsvorkehrungen. "Ohne dazu ins Detail gehen zu wollen, reagieren wir als Unternehmen natürlich darauf und tun alles, um unsere Mitarbeiter zu schützen. Dazu gehört auch eine enge Abstimmung mit Polizei und Landeskriminalamt", sagt Deutsche-Wohnen-Sprecher Rosteck. Christoph Gröner, Chef der CG Gruppe, ergreift ebenfalls Maßnahmen zum Schutz seiner Mitarbeiter. Künftig sollen alle einen Notrufkontakt im Telefon gespeichert haben, der den direkten Draht zu einem privaten Sicherheitsunternehmen ermöglicht. Die Sicherheitsleute seien dann in kurzer Zeit vor Ort. Vorerst ist der Service für Mitarbeiter in Leipzig, Dresden und Berlin geschaltet, eine Ausweitung für die anderen Standorte erfolgt zeitnah, heißt es.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Gerda Gericke
Auf der Baustelle der CG Gruppe in der Rigaer Straße in Berlin ist der Wachschutz im Container rund um die Uhr vor Ort.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Gerda Gericke

Auch Wassermühlen Immobilien setzt auf ein Sicherheitskonzept, mag aber nicht näher ins Detail gehen. Darüber hinaus wolle das Unternehmen den Diskurs mit dem Stadtteil suchen. "Wir werden versuchen, mit den lokalen Akteuren in einen Dialog einzutreten, um alternative Gestaltungsmöglichkeiten einer verträglicheren Gentrifizierung aufzuzeigen", sagt Firmenchef Bruno Gerber. Dafür, dass sein Unternehmen ins Visier geriet, hat er eine einfache Erklärung. "Der Bauträger, welcher Stein auf Stein baut, ist sichtbar und wird dadurch zum Ziel. Der mehrfache preistreibende Grundstückhandel und das bewusste Nichtbebauen von Grundstücken ist für die Gesellschaft zwar fühl-, aber eben nicht sichtbar." Die angegriffene Kollegin habe ihre Arbeit noch nicht wieder aufgenommen, sagt Gerber. "Ihr geht es körperlich so weit gut, ihre weitere psychische Verarbeitung des Angriffs wird sich zeigen. Ob und wann sie in ihr Tätigkeitsgebiet zurückkehren wird, entscheidet sie selbst, hierbei unterstützen wir sie wie immer nur möglich", erklärt er.

In Leipzig wird seit etwa zehn Jahren über Mietsteigerungen und dergleichen diskutiert, nun spitze sich die Debatte aber zu, räumt Nagel ein. "Es gibt eine gewisse Eskalation. Jetzt verdichtet es sich, weil viele Neubauten entstehen, in denen die Kaltmieten erst bei 10 bis 12 Euro/m² beginnen. Diese Veränderung des Stadtteils macht den Menschen Angst", sagt sie. "Die fragen sich natürlich, ob und wie diese Neubaumieten auch auf ihre Bestandsmieten zurückschlagen werden."

"Bündnis für mehr Akzeptanz von Neubau"

Klaus-Peter Hesse, Geschäftsführer des Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA), sieht im Geschäftsmodell der Stadtteilaufwertung oder Gentrifizierung kein Problem. Vielmehr sei es die Wahrnehmung von außen. "Dass wir soziale Verantwortung tragen, ist im Bewusstsein unserer Mitgliedsunternehmen verankert. Aber wir haben ein Glaubwürdigkeitsproblem", meint er. Die Branche müsse sich von schwarzen Schafen abgrenzen und deutlich machen, dass sie nachhaltig agiere. "Wir brauchen ein Bündnis für mehr Akzeptanz von Neubau. Auch um bei den Menschen Verständnis zu wecken und ihnen die Angst vor Veränderung zu nehmen."

Matthias Bernt vom Leibniz Institut für Raumbezogene Sozialforschung kann dieser Ansicht nichts abgewinnen. "Gentrifizierung und bezahlbarer Wohnraum sind in den letzten zehn Jahren eigentlich in allen deutschen Großstädten zum Problem geworden", sagt er. Gentrifizierungsprozesse seien in der Forschung ein viel beschriebenes Phänomen. "Es gilt dabei, verschiedene Arten von Verdrängung zu unterscheiden", erläutert der Experte. Neben der tatsächlichen physischen Verdrängung spiele etwa die ökonomische Verdrängung durch steigende Mieten und auch der Verdrängungsdruck durch eine sich schnell wandelnde Nachbarschaft eine wichtige Rolle. "Im Ergebnis haben wir aber immer eine komplette Veränderung der Sozialstruktur", stellt Bernt fest. Dass die Branche lediglich ein Glaubwürdigkeitsproblem habe, hält er deshalb für falsch. "Natürlich steckt hinter diesen Prozessen eine systemische Logik. Wer nimmt denn bei einer Neuvermietung eine Miete unterhalb des Marktniveaus, wenn es keine entsprechende Regulierung gibt?", fragt er.

Transparenz und Vertrauen

Das Bewusstsein, dass die Branche soziale Verantwortung trägt, setze sich immer stärker durch, glaubt hingegen Susanne Eickermann-Riepe. Sie ist German Real Estate Leader bei PwC und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Instituts für Corporate Governance in der deutschen Immobilienwirtschaft. "Wenn man sich anschaut, wie sich die Welt in den letzten zehn Jahren verändert hat, dann spielt ,schneller, höher, weiter' nicht mehr allein die tragende Rolle. Es ist eine Veränderung im Gang. Vielleicht müssen wir aber auch an den Punkt kommen, an dem wir sagen, es muss eine neue Bescheidenheit geben", meint sie. Bis die soziale Verantwortung bei allen wirklich im Bewusstsein ist, werde es noch dauern. "Aber wir sind auf einem guten Weg - auch wenn es noch mehr Transparenz braucht, um das glaubhaft zu vermitteln."

Der Branche einseitig die Schuld für die Probleme zu geben, findet sie nicht richtig: "Das Bemühen, lebenswerte Räume zu schaffen, ist deutlich zu sehen." Schwierig werde dies allerdings aufgrund der vielen Zielkonflikte rund um das Thema Wohnraum, wie etwa den Klimaschutz und die daraus resultierenden Vorgaben. "Wenn Politik und Wirtschaft gemeinsame Ziele definieren würden, wäre das eine gute Chance, Lösungen zu finden. Dazu würde dann zum Beispiel auch gehören, dass die Städte bereit wären, nicht an den Höchstbietenden zu verkaufen, sondern öfter zu Konzeptvergaben greifen", versucht sie weitere Beteiligte mit ins Boot zu holen. Marco Weicholdt, Coworkingmanager und Start-up-Scout bei Basislager Coworking, glaubt an Partizipation und die Entwicklung gemeinschaftlicher Wohnquartiere, um die Situation zu befrieden. Zu Gegenwehr komme es dann, wenn sich die Menschen ausgeschlossen fühlen. Helfen könne da nur "das Gefühl, was beitragen zu können".

"Etwas vom Ertrag abgeben"

Politikerin Nagel sieht das anders. Die Immobilienbranche ignoriere oft schlicht, dass ihre Projekte auch für sozialen Unfrieden sorgen. "Oft wird die Verdrängung einfach in Kauf genommen, auch wenn ich der Branche nicht unterstelle, dass sie ihr eigentliches Ziel ist", sagt sie. Ähnlich urteilt Torsten Kracht, Geschäftsführer von Instone Real Estate Leipzig: Die Branche solle sich an die eigene Nase packen. Die private Wirtschaft müsse "zwingend erkennen", dass sie soziale Infrastruktur zu entwickeln habe und für den Bau bezahlbarer Wohnungen sorgen muss. "Das geht nicht überall", sagt Kracht, "aber ich glaube, das geht in sehr vielen Objekten." Nötig zur Befriedung sei es - und folgt damit der Logik von Sozialforscher Bernt -, "etwas von seinem Ertrag abzugeben, um der Gesellschaft was Gutes zu tun".

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