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Märkte | 17.10.2019

Aus IZ42/2019, S. 4

Von Robin Göckes

In diesem Artikel:
  • Unternehmen:
    Bank für Sozialwirtschaft, Terranus
  • Organisationen:
    Bundesministerium für Gesundheit, Universität Bremen
  • Personen:
    Markus Bienentreu
  • Immobilienart:
    Senioren-/Pflegeimmobilien

Ein Geschäftsmodell unter Beobachtung

Quelle: Pixabay, Urheber: rawpixel
Die Entwicklung des Pflegemarkts in Deutschland und die Kosten, die daraus entstehen, werden kritisch beobachtet.

Quelle: Pixabay, Urheber: rawpixel

Immer öfter entziehen sich Servicewohnangebote für Senioren der klassischen Einordnung von ambulanten und stationären Einrichtungen. Eigentlich ist das politisch gewollt. Doch nun regen sich Zweifel, denn erste Untersuchungen zeigen, dass neue Versorgungsformen höhere Kosten nach sich ziehen als klassische Modelle.

Das Bundesgesundheitsministerium hat die Veränderungen des deutschen Pflegemarkts kritisch im Blick. Besonders die Entwicklung zahlreicher neuer Versorgungsformen, die sich der klassischen Einteilung in "ambulant" oder "stationär" entziehen, wird beobachtet. "Neue Wohnformen können innovative Ansätze beinhalten", heißt es aus dem Ministerium in der Antwort auf eine Anfrage der Immobilien Zeitung. Allerdings gebe es "ernst zu nehmende Hinweise, dass neue Versorgungsformen höhere Kosten als eine vergleichbare stationäre Versorgung auslösen". Der Mehrwert für die Betroffenen sei bislang hingegen nicht eindeutig nachgewiesen.

Ernst zu nehmende Hinweise auf höhere Kosten, ein bislang nicht nachgewiesener Mehrwehrt - bei diesen Worten dürften einige Akteure, die ihr Geld in neuen Betreuungswohnkonzepten stecken haben oder es mit ihnen verdienen, zusammenzucken. Schließlich ist das, was vom Ministerium mit "höheren Kosten" bezeichnet wird, nicht weniger als ihre Gelegenheit zur Gewinnmaximierung.

Markus Bienentreu, Geschäftsführer der Pflegeheimberatung Terranus, kennt solche Konzepte. "Was wir in den letzten Jahren ganz klar sehen, ist, dass einige Akteure weggehen von der stationären Pflege und stattdessen lieber ambulante Wohnformen realisieren, etwa in Form einer Tagespflege mit angeschlossenen Wohngruppen und noch einigen Angeboten des betreuten Wohnens", erklärt er. Eigentlich seien solche Konzepte jedoch aus seiner Sicht nicht mehr wirklich ambulant. "Sie werden aber so bewertet und die Anbieter können doppelt so hohe Umsätze erwirtschaften wie mit einer vollstationären Pflegeeinrichtung. Etwa dann, wenn Bewohner neben der ambulanten Pflegeleistung im betreuten Wohnen zusätzlich in der Tagespflege betreut werden." Zudem seien die baulichen Vorgaben für alternative Wohnformen für Senioren einfacher zu erfüllen als etwa die Vorschriften für ein klassisches Pflegeheim. "Da greifen nicht die Regeln der Landesheimbauverordnungen. Und auch für den Brandschutz sind die Vorgaben einfacher zu erfüllen", erklärt Bienentreu.

Mit seiner Einschätzung der grundsätzlichen Trends weg vom klassischen Pflegeheim liegt Bienentreu richtig. Das ergeben Daten, die Forscher der Universität Bremen im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums für die Studie "Ambulantisierung stationärer Einrichtungen im Pflegebereich und innovative ambulante Wohnformen" analysiert haben. So lasse sich etwa aus den Daten der Kreditanfragen zu Projekten in der Altenpflege bei der Bank für Sozialwirtschaft ein besonders starker Rückgang bei Projekten erkennen, die lediglich auf stationäre Pflege setzen. "Während diese im Jahr 2007 noch etwa 80% der Anfragen ausmachten, betrug der Anteil im Jahr 2015 nur noch knapp unter 30%. Zugleich stiegen die Anfragen für Verbundprojekte, welche sowohl Wohneinrichtungen umfassten als auch voll- oder teilstationäre Pflegeeinrichtungen, Kurzzeitpflege, Ärzte oder ähnliches, auf nahezu 60 %", heißt es in der Studie.

Und auch bei seiner Schätzung der Umsätze, die sich durch das geschickte Ausnutzen neuer Pflegestrukturen erzielen lassen, liegt Markus Bienentreu nicht weit von den Ergebnissen entfernt, die die Forscher zusammengetragen haben. Laut Studie kann ein Anbieter je nach Pflegegrad des Bewohners seine Einnahmen in Relation zur vollstationären Pflege durch eine Kombination von betreutem Wohnen mit Tagespflege und häuslicher Krankenpflege bis zum 2,5fachen erhöhen. Befragungen legten zwar nahe, dass diese Möglichkeit zur Einnahmemaximierung derzeit lediglich in Ausnahmefällen ausgeschöpft werde, "allerdings gehen die befragten Akteure angesichts der theoretisch erreichbaren Leistungsunterschiede davon aus, dass bei gleichbleibender Gesetzeslage zunehmend Projekte entstehen werden, die auf die Kombination ambulanter und teilstationärer Leistungen sowie deren weitreichende Ausschöpfung ausgelegt sind".

Bereits im Jahr 2017 seien bei den Sozialversicherungsträgern Mehrausgaben in Höhe von 276 Mio. bis 608 Mio. Euro durch die anwachsende Nutzung innovativer ambulanter Wohnformen aufgelaufen. "Ein Teil dieser Mehrausgaben entsteht im Bereich von betreutem Wohnen mit Nutzung teilstationärer Leistungen", heißt es in der Studie. Eine genaue Aufschlüsselung gibt es nicht. Die große Spanne in der Mehrkostenschätzung ergebe sich aus der unzureichenden Datengrundlage.

Diese sei für die Beurteilung aller neuen Versorgungskonzepte ein Problem, besonders aber beim betreuten Wohnen, "vor allem aufgrund einer geringeren ordnungsrechtlichen Regulierung dieses Bereichs". Angesichts der drohenden Mehrausgaben ist es nicht verwunderlich, dass die Politik sich über die finanziellen Rahmenbedingungen für neue Wohnformen wie Servicewohnen Gedanken macht. Doch auch ein anderer Aspekt könnte in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Denn nicht allein die finanziellen Aspekte der neuen Wohnformen für Senioren werden derzeit kritisch beleuchtet, sondern auch die Qualität der Pflege und Betreuung. So unterliegen betreute Wohnformen weniger starken Kontrollen als stationäre Einrichtungen, abhängig allerdings jeweils vom Landesrecht. Und auch die personellen Anforderungen sind deutlich geringer. "Einzig Hamburg definiert als Anforderung an betreutes Wohnen, dass dort Betreuungspersonal regelmäßig vor Ort erreichbar sein soll", heißt es in der Studie.

Das Bundesministerium für Gesundheit verweist auf Anfrage der Immobilien Zeitung zu möglichen Überlegungen für Verschärfungen auf laufende Gespräche im Qualitätsausschuss Pflege. Dort werde derzeit über die Frage diskutiert, "inwieweit noch spezielle Qualitätskriterien für neue Wohnformen formuliert werden sollten".

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