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Politik | 04.10.2019

Aus IZ40/2019, S. 58

Von Monika Hillemacher

In diesem Artikel:

In Hannibal II herrscht die große Leere

Quelle: Stadt Dortmund, Urheber: Roland Gorecki
Nach einer Kontrolle durch Stadt und Feuerwehr mussten die Bewohner von Hannibal II ihre Wohnungen verlassen.

Quelle: Stadt Dortmund, Urheber: Roland Gorecki

Vor zwei Jahren wurden in Nordrhein-Westfalen Wohnhochhäuser wegen Mängeln beim Brandschutz geräumt. Mehrere hundert Menschen mussten raus aus ihrem Zuhause. In den Gebäuden in Dortmund und Bochum tut sich seither nichts.

"Ärgerlich bis zum Es-geht-nicht mehr" nennt Rainer Stücker, Vorstand des Mietervereins Dortmund, das, was mit dem riesigen Wohnkomplex Hannibal II passiert. Oder eher nicht passiert. Seit 2017 stehen die 412 Wohnungen leer. Damals rückte die Stadt an und ließ das Haus wegen gravierender Mängel beim Brandschutz räumen. Rund 750 Menschen mussten innerhalb kurzer Zeit ihr Zuhause verlassen. Ähnliches erlebten die Mieter des Lohring-Hochhauses in Bochum. In Wuppertal traf es 71 Bewohner eines Hauses, das die Kommune wegen "unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben" dichtmachte. Auslöser der schlagzeilenträchtigen Aktionen war die Brandkatastrophe des Londoner Grenfell Towers im Juni 2017. Sie kostete 72 Menschen das Leben. Mutmaßliche Ursache waren brennbare Fassaden-Dämmstoffe kombiniert mit anderen Mängeln. In Deutschland rückten daraufhin landauf, landab Behörden und Feuerwehren zur Überprüfung von Hochhäusern aus. Ein Ergebnis waren die Räumungen in Dortmund, Bochum und Wuppertal. Das Wuppertaler ist das einzige der drei Häuser, in das die Mieter wieder einziehen durften. "Die Vorgaben der Brandschutzbehörden wurden 2017 sehr kurzfristig durch uns umgesetzt. Die Mieter konnten innerhalb weniger Wochen zurückkehren. Mit dem Vermietungsstand sind wir sehr zufrieden", sagt Robert Döring, Sprecher des Eigentümers Vivion, ehemals Intown. Das Problem waren die Rettungswege.

Vivion gehört auch Hannibal II, wo "allgemeine Brandschutzmängel" auffielen. Für die Bewohner scheint eine Rückkehr in die heimischen vier Wände in weite Ferne gerückt. "Das Objekt wird mindestens noch fünf, sechs Jahre leer stehen", mutmaßt Stücker. Ein Grund ist ein Gerichtsstreit zwischen Vivion und der Stadt Dortmund. Vivion hält die Räumung für unrechtmäßig und klagte gegen die Ordnungsverfügung. Das Verfahren zieht sich bereits seit 2017 vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Ein Entscheidungstermin steht in den Sternen. Bislang würden lediglich Schriftsätze ausgetauscht. Eine mündliche Verhandlung habe noch nicht stattgefunden, bestätigen Beteiligte. Zu Details schweigen beide Seiten.

Der Mieterverein kreidet Vivion ein Spiel auf Zeit an. Das Unternehmen habe in der Sache statt eines Eilantrags "sofort das reguläre Hauptverfahren angestrengt" - wissend, dass dieses lange dauern würde. "Und jetzt dümpelt das Ganze." Mit dem Ergebnis, dass dem Wohnungsmarkt 412 Einheiten fehlten. Und die Mieter erst einmal da bleiben, wo sie unterkamen: in städtischen und privaten Ersatzwohnungen und sogar in einer Übergangseinrichtung.

Quelle: Stadt Bochum, Urheber: Lutz Leitmann
Auch im Lohring-Haus in Bochum wohnt niemand mehr.

Quelle: Stadt Bochum, Urheber: Lutz Leitmann

An die 40 der ursprünglich rund 380 Mietparteien möchten nach Kenntnis des Mietervereins gerne zurück und halten deshalb den Mietvertrag mit Vivion aufrecht. Der Eigentümer selbst habe niemandem gekündigt. Grundsätzlich bleibt bei Räumung der Mietvertrag bestehen", erläutert Stücker. Weil aber von einem 100%igen Mangel auszugehen sei, bekomme ein Eigentümer keine Miete. Deshalb generiere der Eigentümer mit Hannibal II keinen Cashflow. "Das ist schon ein Phänomen im Immobilienbereich", meint Stücker. Stattdessen produziert das Gebäude Kosten, unter anderem für einen Sicherheitsdienst, der die unfreiwillig leergezogene Immobilie an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr bewacht. Hinzu kommt die juristische Auseinandersetzung, bei der ein mindestens sechsstelliger Betrag im Raum steht.

Vivion, das Hannibal II von der Tochtergesellschaft Allsite Property verwalten lässt, will die Immobilie eigenen Angaben zufolge revitalisieren. Am 26. April dieses Jahres reichte das Unternehmen bei der Stadt einen Bauantrag ein. Dieser umfasse "sämtliche Maßnahmen, um das Gebäude wieder an das Netz zu nehmen", sagt Döring. Konkreter möchte er nicht werden. Die Kommune hält sich ebenfalls bedeckt: "Zurzeit läuft die inhaltliche Prüfung; das bauordnungsrechtliche Verfahren ist noch nicht abgeschlossen", so eine Sprecherin.

Der Antrag ist bereits der zweite von Vivion zu Hannibal II. Den ersten zog der Eigentümer 2018 zurück. Das neue Papier sieht dem Vernehmen nach eine Generalüberholung des Komplexes vor und den Brandschutz auf Vordermann zu bringen mit dem Ziel, "mit dem Gebäude im alten Zuschnitt wieder an den Start zu gehen." Marktkenner schätzen die Investition auf 20 Mio. Euro. Der aktuelle Antrag erscheint deutlich bescheidener als sein Vorgänger. Dieser "Supertopentwurf" wollte die Fassade aufbrechen, die Grundrisse der Wohnung verändern und Gewerbe im Erdgeschoss ansiedeln. "Unbezahlbar", glaubt Mieterverein-Vorstand Stücker. Die neuen Pläne hält er dagegen "für eine vernünftige Sache".

Im Streit mit dem Eigentümer könnte dessen Bauantrag der Stadt Dortmund nutzen. Um die Baugenehmigung zu bekommen, muss ein Bauantrag alle Maßnahmen enthalten, die erforderlich sind, damit ein Objekt wie Hannibal II wieder bezogen werden kann. Weil üblicherweise nur behoben wird, was falsch war, listet ein Bauherr im Bauantrag zum Beispiel die monierten Brandschutzmängel auf, um sich dann von der Baubehörde die angestrebten Ertüchtigungsmaßnahmen rechtlich absichern zu lassen. Mit Blick darauf sagte der zuständige Dortmunder Dezernent Ludger Wilde (SPD) jüngst in einem Fernsehinterview denn auch, die Maßnahmen zu Hannibal II, "die über den Bauantrag an uns herangetragen wurden", belegten, dass "die Räumung unausweichlich war". Experten halten es für möglich, dass Vivion der Stadt einen außergerichtlichen Vergleich anbietet, wenn diese die Baugenehmigung erteilt. Die Klage um die Räumung wäre dann vom Tisch und das Gebäude für einen Verkauf an potenzielle Investoren interessanter. Markteilnehmer wollen wissen, dass der Komplex bereits einem Asset-Manager aus Berlin angeboten wurde.

In Bochumer Lohring-Komplex herrscht seit Sommer 2018 Leer- und Stillstand. An dem mehr als 50 Jahren alten Hochhaus hatten die Behörden bei einer Brandschau Probleme entdeckt. Es habe praktisch keinen Brandschutz gehabt, so der Befund, Die Räumung folgte. Seither tut sich nichts mehr. "Das Gebäude ist leergeräumt. Punkt", lautet die knappe Auskunft der Stadt zur Situation. Ihr seien die Hände gebunden. "Wir haben keine Aktien drin", sagte Sprecher Thomas Sprenger. Dabei würde sich die Kommune "über eine Belebung freuen". Bislang habe der Eigentümer keinen Bauantrag gestellt. Zuletzt firmierte Immonex Property als Eigentümer. Die Gesellschaft sitzt in Bochum - an der Adresse Wittener Straße, an der der Lohring-Komplex steht.

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