Sie verwenden
iz.de als
Gastnutzer
Alle Leistungen ansehen

{{vm.izPaket[vm.user.izPaket].title}}

Ihre Leistungen

Politik | 19.09.2019

Aus IZ38/2019, S. 8

Von Christine Rose

In diesem Artikel:

"Wir haben eine Sanierungrate von jährlich 3%"

Quelle: Innovation City Management GmbH
Kennt Wohnungswirtschaft und Politik: Burkhard Drescher, einst Oberbürgermeister von Oberhausen und Ex-Chef der in Vonovia aufgegangenen Wohn-AG Gagfah.

Quelle: Innovation City Management GmbH

"Klimaschutz muss simpel sein, und er muss sich rechnen", sagt Burkhard Drescher, Geschäftsführer von Innovation City Management (ICM). Er kann es wissen. ICM betreut ein Klimaschutzprojekt in Bottrop, dessen Ziel es ist, zwischen den Jahren 2010 und 2020 den CO₂-Ausstoß in einem Quartier um 50% zu senken. Das klappt, meint Drescher. Minus 37% waren es zur Halbzeit.

Immobilien Zeitung: Sie sagen, Klimaschutz sei kein Zauberwerk. Warum verfehlt dann die Bundesregierung krachend ihre Ziele für 2020, warum ist im Gebäudesektor der CO2-Ausstoß seit 2014 wieder gestiegen?

Burkhard Drescher: Im Wohngebäudebestand tut sich aus zwei Gründen kaum etwas: Die Bundesregierung versucht, über zentrale Förderinstrumente zu steuern. Das klappt bei Wohnungsgesellschaften, bei Einzeleigentümern eher nicht. Zudem sind die Fördermittel des Bundes an zu hohe Anforderungen geknüpft. Wer eine KfW-Förderung will, muss über die gesetzlichen Vorgaben der Energieeinsparverordnung, der EnEV 2016, hinausgehen. Damit rechnet sich die Investition oft nicht mehr.

IZ: Was macht Bottrop besser als der Bund?

Drescher: Klimaschutz muss für Eigentümer simpel sein, und er muss sich rechnen. Das ist der Schlüssel. Zudem sind wir überzeugt, dass Klimaschutz nur von unten geht. Energieberatung und Fördermittelvergabe müssen von den Kommunen organisiert werden. Wir haben z.B. Vorträge und Exkursionen zu Themen wie Heizen und Dämmen veranstaltet und eine Energieberatung eingerichtet.

IZ: Beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) gelistete Energieberater fördert der Bund auch.

Drescher: Das ist eines meiner Lieblingsthemen. Zuschüsse für Bafa-gelistete Berater gibt es nur, wenn dann mit KfW-Mitteln energetisch modernisiert wird. Aber da sind wir wieder beim Thema, dass die Anforderungen zu hoch sind. In Bottrop werden Eigentümer kostenlos beraten. Wer ins Büro kommt, geht nach ungefähr zwei Stunden raus und weiß, wie viel Geld welche Maßnahme kostet, was sie an CO2 spart und wann sich die Investition rechnet. Er kann dann entscheiden: Will er, dass sich Klimaschutz in fünf oder zehn Jahren rechnet? Will er alles auf einmal anpacken oder die Maßnahmen staffeln?

IZ: Wie ist das in etwa zwei Stunden möglich?

Drescher: Dafür muss der Bestand im Quartier vorher erfasst und nach Gebäudetypen kategorisiert sein. Mit etwa 20 Gebäudetypen hat man in einer Stadt 80% des Bestands abgedeckt. In Bottrop haben wir in unserem Pilotgebiet 21 Gebäudesteckbriefe erstellt. Anhand der Adresse suchen wir dann den passenden Steckbrief für die Immobilie heraus und können so wichtige Informationen für die Beratung ablesen. Außerdem beraten wir auch vor Ort in den Häusern. In dem Projektgebiet mit 12.500 Wohngebäuden, die überwiegend in Privatbesitz sind, hatten wir bislang rund 3.500 Beratungen. Und während die Sanierungsrate in Deutschland bei unter 1% jährlich liegt, haben wir 3%.

IZ: Was bringt mit einfachen Mitteln am meisten Einsparung, ist quasi das Autobahn-Tempolimit im Gebäudebestand?

Drescher: Drei Dinge: Heizung optimieren, Speicher- und Kellerdecke dämmen und auf zweifach verglaste Fenster gehen. Damit erreicht man 80% bis 90% dessen, was die EnEV 2016 fordert. Bei einem zweigeschossigen Vierfamilienhaus mit 350 m² Nutzfläche ist das eine Investition von etwas über 40.000 Euro. Das ist recht schnell refinanzierbar. Ein Wärmeverbundsystem würde nochmals um die 35.000 Euro kosten.

IZ: Mit der KfW wird es dann nichts. Aber Sie sagten, dass in Bottrop anders gefördert wird.

Drescher: Wir haben das einfacher geregelt. Mit dem Land Nordrhein-Westfalen wurde vereinbart, dass über Mittel der Städtebauförderung auch energetische Maßnahmen gefördert werden. Diese sind nicht abhängig von Energiestandards, sondern von der CO?-Einsparung.

IZ: Wie hilft die Bundespolitik, wie bremst sie?

Drescher: Hilfreich ist das KfW-Programm mit Zuschüssen für Sanierungsmanager. Alles andere erschwert die Sache eher.

IZ: Auch beim Mieterschutz tut sich die Politik schwer. Er scheint immer zulasten des Klimaschutzes zu gehen. Und umgekehrt.

Drescher: Das bringt mich auf die Palme. Die Leute haben im Kopf, dass Klimaschutz nur Nachteile bringt. Dass die Mieten steigen, dass Autofahren teurer wird und man kein Fleisch mehr essen darf. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Klimaschutz schafft Arbeitsplätze und erhöht die Lebensqualität.

IZ: Erhöht werden scheinbar vor allem die Mieten. Wofür haben Sie mehr Verständnis: Für die Kappungsgrenze bei Mieterhöhungen nach Modernisierung oder die darauf erfolgte Ankündigung von Vonovia, weniger Geld in energetische Sanierungen stecken zu wollen?

Drescher: Ich hätte einen Lösungsvorschlag für dieses Problem: In Anlehnung an die gewerbliche Vermietung sollten Wohnmieten als Warmmieten geregelt werden, dann können Energieeinsparungen zur Finanzierung der Investitionen dienen. Eine Umstellung auf Warmmiete in der gesetzlichen Mietgesetzgebung würde Spielräume eröffnen und den Druck auf die Mieten verringern.

IZ: Bei jetziger Gesetzgebung melden Verbände wie der GdW: Zum Erreichen der Klimaschutzziele seien allein in den Mietwohnungsbestand jährlich mindestens 6 Mrd. Euro zu investieren, die für Eigentümer unwirtschaftlich sind. Wer soll?s bezahlen?

Drescher: Tatsächlich ist bei der Förderung noch viel Luft nach oben. Aber es wird auch einiges in Bewegung kommen, wenn die Bundesregierung nicht nur ehrgeizige Projekte unterstützt und Hindernisse aus dem Weg räumt. Wir haben den Innovation-City-Ansatz auf 20 Quartiere im Ruhrgebiet ausgeweitet. Dort ist zum Beispiel das Potenzial für Photovoltaikanlagen so groß, dass man zweimal den gesamten Stromverbrauch decken könnte. Je nach Verbrauch haben sich die Investitionen nach sechs bis zehn Jahren amortisiert. Das überzeugt - wenn nicht das Mieterstromgesetz hemmen würde.

IZ: Die Bundesregierung arbeitet an Klimaschutzmaßnahmen. Was empfehlen Sie?

Drescher: Die KfW-Instrumente zu kommunalisieren. Schon jetzt verwalten Städte die KfW-Zuschüsse für Quartierskonzepte und Energieberater. Genauso gut könnte die KfW ihnen auch auf Antrag eine bestimmte Summe pro Quartier für energetische Maßnahmen ausreichen. Bei Privateigentümern ist es sinnvoll, nach CO?-Einsparung zu fördern. Mit Blick auf Wohnungsgesellschaften ist ein großer Hebel, den KfW-Tilgungszuschuss zu erhöhen und die EnEV 2016 als Grundlage zu nehmen. Der Tilgungszuschuss entlastet Mieter, weil er nicht auf sie umgelegt werden darf. Für Unternehmen ist er von Vorteil, weil sich die Kosten reduzieren, aber auch, weil KfW-Kredite keine erstrangigen Darlehen sind und damit der LTV nicht belastet wird.

IZ: Was halten Sie von einer Sonderabschreibung für energetische Maßnahmen?

Drescher: Für viele Eigentümer ist sie ungeeignet. Weil Wohnungsunternehmen kaum oder keine Steuern zahlen. Und weil sie für private Eigentümer kompliziert ist. Ich halte sie für eine Nebelkerze.

IZ: Herr Drescher, vielen Dank fürs Gespräch.

Das Interview führte Christine Rose.

In Netzwerken weiterempfehlen

Kostenfrei für Abonnenten

Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland

Unser Service für IZ-Abonnenten:
Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland - täglich aktuell, übersichtlich geordnet und kostenfrei!