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Märkte | 12.09.2019

Aus IZ37/2019, S. 13

Von Christoph von Schwanenflug

In diesem Artikel:

"Städte verkümmern zu Wohnstandorten"

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug
Die Stadt ist eine Bühne, aber vielerorts fehlen die Zuschauer. Fußgängerzone in Wiesbaden.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug

Die Firma Stadt + Handel hat zum zweiten Mal eine interdisziplinär besetzte Konferenz zum Thema Innenstadt veranstaltet. Vertreter von Einzelhandel und Immobilienwirtschaft treffen beim Urban Offline Forum auf Politiker, Festivalveranstalter oder Mobilitätsunternehmer (siehe auch "Vision von ‚zehn Läden‘"). Ralf Beckmann will mit dem Kongressprogramm die Vielfalt von Stadt zum Ausdruck bringen. "Ich bin überzeugt, dass urbane Lebensqualität wegbrechen wird, wenn wir die Vielfalt nicht miteinander verknüpfen", sagt der Geschäftsführer von Stadt + Handel .

Immobilien Zeitung: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Kongress zum Thema Innenstadt zu veranstalten?

Ralf Beckmann: Für mich ist relativ klar, dass die Fokussierung von Innenstädten als Einkaufsmaschinen nicht mehr trägt. Ohne einen starken Handel, das ist klar, wird eine Innenstadt nicht funktionieren. Aber es geht in der Stadt nicht nur um Versorgen, sondern auch um Erleben. Und da bin ich dann bei ganz anderen Playern und Erscheinungsformen als Handel und Immobilienwirtschaft. Ziel des Kongresses Urban Offline Forum ist es, alle, die einen Beitrag zur Vielfalt in der Stadt leisten, im Programm abzubilden. Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen, denn ich bin überzeugt, dass urbane Lebensqualität wegbrechen wird, wenn wir die Vielfalt nicht miteinander verknüpfen. Viele Städte werden dann zu reinen Wohnstandorten verkümmern.

IZ: Kommt es mir nur so vor oder ist die Verödung der Innenstädte ganz besonders in Nordrhein-Westfalen ein Thema?

Beckmann: Auch Bayern und Baden-Württemberg haben eine starke Diskussionskultur, wenn es um dieses Thema geht. Aber NRW hat nun einmal den höchsten Verstädterungsgrad in Deutschland. Das erzeugt zwischen den Städten, ja sogar den Stadtteilzentren einen enormen Wettbewerbsdruck. Nehmen Sie die Strecke Düsseldorf-Köln. Da liegen in 20 Minuten Fahrzeit ein halbes Dutzend Städte mit je über 40.000 Einwohnern. Aber glauben Sie mir: Die Verödung der Innenstädte ist kein reines NRW-Thema. Unlängst hielten wir ein Seminar in Stuttgart ab und hörten desaströse Schilderungen darüber, wie es in manchen kleineren Innenstädten aussieht. Die Rede war von 20% bis 25% Ladenleerstand.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug
"Die großen Metropolen sehe ich aus Kundensicht nicht gefährdet." Ralf Beckmann

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug

IZ: Kommen wir zu Ihrer Heimatstadt Dortmund, wo der Kongress 2019 stattfand. Den Westenhellweg, eine der Einkaufsstraßen mit den höchsten Mieten in Deutschland, nannte ein Investor unlängst "stationäres Amazon". Er wollte damit sagen, dass eine Einkaufsstraße zwar voll vermietet und funktionstüchtig sein kann, aber dennoch irgendwie öde.

Beckmann: Ich mache mir bei jeder Einkaufsstraße Gedanken, wo sie steht. Aber um den Westenhellweg mache ich mir im Status quo ehrlich gesagt keine Sorgen. Drumherum gibt es viel Gastronomie, die funktioniert. Fast jede Woche findet ein Fest statt. Um diese Position zu halten, muss die Straße auf lange Sicht aber ständig weiterentwickelt werden. Die großen Metropolen sehe ich aus Kundensicht auch nicht als gefährdet an. Über Berlin, München und Hamburg etc. brauchen wir nicht zu reden. Das sind extrem starke Märkte und wichtig, um eine Marke stationär in die Welt zu bringen. Dann gibt es Städte wie Dortmund, Hannover oder Nürnberg mit starken Innenstädten, in denen die Leitfunktion des Handels noch funktioniert. Auch da sehe ich kurz- bis mittelfristig keine Probleme. Zu leiden haben vor allem die Mittelstädte, die mit diesen Städten in Konkurrenz stehen.

IZ: Welche Städte haben im Wettbewerb untereinander die besten Chancen?

Beckmann: Städte, die in den 1980er und 1990er Jahren ihr Stadtbild nicht gepflegt haben, fallen hinten runter. Städte, die ein historisches Erbe pflegen oder in eine zeitgemäße, moderne Gestaltung investieren, haben deutlich bessere Karten. Eine große Rolle für funktionierende Innenstädte spielt der Tagestourismus. Um hier zu punkten, muss eine Stadt nicht unbedingt groß sein, wie die Beispiele Soest oder Esslingen mit attraktivem historischen Erbe zeigen.

IZ: Stadt + Handel misst seit 2010 die Passantenfrequenzen in der Dortmunder Innenstadt. Gibt es irgendwelche interessanten Ergebnisse zu vermelden?

Beckmann: Wir haben vor der Eröffnung der Thier-Galerie 2011 angefangen, an zehn Standorten zweimal im Jahr zu messen. Eine Erkenntnis ist die Verschiebung der Frequenzen am Wochenende. Am Samstag gibt es eine deutliche zeitliche Verschiebung nach hinten. Die Spitzen liegen nicht mehr zwischen 13 und 15 Uhr, sondern bewegen sich auf 16, 17 und 18 Uhr zu. Wir erklären uns das so, dass der Freizeitanteil am Innenstadtbesuch größer wird. Man geht in die Stadt, um Freunde zu treffen und sich zu bewegen. Das Einkaufen läuft quasi nebenbei.

IZ: Wir kennen Stadt + Handel als Standortgutachter oder City-Manager. Ist die Veranstaltung von Kongressen ein neues Geschäftsfeld Ihrer Firma?

Beckmann: Zu meinem altruistischen Herz gesellt sich eine große Leidenschaft für das Thema Innenstadt. Geld verdienen wir mit der Veranstaltung nicht. Es gibt so viele gute Handlungsansätze für alle Player in den Innenstädten. Ich möchte das Bewusstsein für die Innenstadtgestaltung, für Nutzungsvielfalt und die Qualität im City-Management schärfen. Wenn wir dabei als Auftragnehmer im City-Management unsere Stärken zeigen können, freut mich das natürlich auch.

IZ: Wie steht es mit diesem vor acht Jahren bei Ihnen aufgemachten Geschäftsfeld?

Beckmann: Wir sind für rund 20 Städte tätig, vor allem in NRW. Auch Dessau und Torgau gehören zu unseren Kunden. Hamburg ist auch ein Schwerpunkt. Unsere Schwesterfirma ist in die Vorbereitung bzw. das Management der Business-Improvement-Districts (BID) in Blankenese und Niendorf eingebunden.

IZ: Herr Beckmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph von Schwanenflug.

Das Urban Offline Forum 2020 findet am 17. und 18. Juni in Osnabrück statt.

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