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Unternehmen | 05.09.2019

Aus IZ36/2019, S. 25

Von Peter Dietz

In diesem Artikel:

Kollege Toru ist des Schichtleiters Liebling

Quelle: Magazino, Urheber: Oliver Jung
Zwei Roboter des Modells Toru helfen ihren Kollegen aus Fleisch und Blut beim Kommissionieren von Schuhen.

Quelle: Magazino, Urheber: Oliver Jung

Onlinehändler wie Zalando testen den Einsatz von Robotern. Sie sollen die Mitarbeiter in den Lagerhallen beim Ein- und Aussortieren von Schuhen unterstützen. Entwickelt werden die fleißigen Helfer vom Robotikunternehmen Magazino aus München. Langfristig könnte deren Einsatz Folgen für die Immobilienbranche haben.

Kollege Toru saust durch die Lagerhalle. Aus einem Regal greift er sich erst einen Karton mit Sportschuhen von Nike, dann nimmt er noch eine Schachtel mit Gesundheitslatschen von bama. Die Beute schiebt Toru in sein Rucksackregal, wo schon Schuhe von adidas und reebock stehen. Sogleich düst er weiter, um alle seine Kartons an den schon bereit stehenden Kommissionierwagen zu übergeben.

Toru ist des Schichtleiters Liebling. Er klagt nicht über Rückenschmerzen und verlangt keine Nachtzulage. Er schuftet noch, wenn alle anderen Kollegen schon weg sind. Selbst sonntags und an Feiertagen ist er einsatzbereit. Toru ist so fleißig wie eine Biene und kommt aus München. Toru ist kein Mensch, er ist ein rollender Roboter. Entwickelt hat ihn das Start-up-Unternehmen Magazino. Und weil Toru so fleißig und so anspruchslos ist, wird er besonders gerne von Onlinehändlern wie etwa dem Modeportal Zalando beschäftigt.

"Wir bauen den automatisierten Leiharbeiter für den Onlinehandel", sagt Frederik Brantner. Der 35-Jährige ist Chef und einer von drei Gründern von Magazino. Und Toru ist gewissermaßen sein Kind. Seit drei Jahren kann Toru laufen, 235 Kilogramm wiegt der Roboter. Ganz ausgestreckt ist er fast drei Meter hoch. Über Sensoren kann der Große seine Umwelt wahrnehmen und den richtigen Weg finden. Mit seinen zahlreichen Kameras lokalisiert der künstliche Lagerarbeiter Kartons ebenso wie freie Lagerplätze im Regal.

Seine Greifer haben kleine Saugnäpfe, mit denen er ganze Stapel aufnehmen und nicht gefragte Ware wieder zurückschieben kann. Mit Kameras liest die fleißige Maschine die Strichcodes auf den Schachteln und speichert diese in der Datenbank. So ist immer nachvollziehbar, wo sich die einzelnen Kartons in den riesigen Distributionszentren gerade befinden. Immerhin eineinhalb Meter kann der Roboter in der Sekunde zurücklegen. Toru ist aber auch rücksichtsvoll; nie würde er einen seiner menschlichen Kollegen über den Haufen fahren. Mit Hilfe von Sensoren erkennt der Automat Hindernisse im Weg, ändert seine Route und findet autonom eine alternative Strecke bis zu seinem Ziel.

Toru hat aber auch eine Schwäche: Mit seinen Greifarmen kann er nur Schuhschachteln und ähnlich geformte Kisten sicher greifen und zielgenau abstellen. Für andere Objekte ist seine Konstruktion nicht geeignet. Und dennoch könnte der Roboter aus München die Logistik revolutionieren. Bisher sei es nur möglich gewesen, ganze Ladungsträger wie Paletten oder Kisten automatisch zu bewegen, sagt Carl-Friedrich zu Knyphausen von Zalando. Roboter des Typs Toru dagegen sind in der Lage, einzelne Warenteile zu erkennen und diese zu kommissionieren. "Damit passen sie in das System der chaotischen Lagerhaltung, das in den Logistikzentren von Zalando Anwendung findet", erklärt Knyphausen.

Mit seinen Fähigkeiten könne der elektronische Helfer den Logistikmitarbeitern aus Fleisch und Blut ungesunde Tätigkeiten wie das Herunterbeugen und weit nach oben Strecken beim Kommissionieren von Produkten aus den höchsten und niedrigsten Regalebenen abnehmen. Für Firmen wie Zalando und Amazon gibt es neben dem Wohlbefinden der Mitarbeiter noch zwei ganz handfeste Gründe für den Einsatz von Kollegen wie Toru. Sie sind schlicht billiger und williger. Magazino wirbt damit, dass sich mit ihren Robotern die Kosten je Zugriff um bis zu 40% senken ließen. So kann Toru bis zu 18 Stunden am Tag Ware picken, ohne dass sich ein Betriebsrat oder ein Verdi-Funktionär darüber beschweren könnte. Der Roboter ist außerhalb regulärer Schichtzeiten autonom einsetzbar und kann in dieser Zeit durch Vorarbeiten saisonale Spitzen wie zu Weihnachten oder bei Aktionstagen wie dem Black Friday glätten. Zudem soll Toru immer schneller werden. Regelmäßige Software-Updates sowie der Einsatz von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen sollen dem Roboter helfen, in unbekannten Situationen sicherer zu werden und die Zahl der Picks pro Stunde mit der Zeit kontinuierlich zu steigern.

Die Nutzer zahlen bei Magazino einmalig 55.000 Euro für die Hardware des Roboters und zusätzlich sechs Cent für jeden einzelnen Pick, den Toru im Lager macht. Das mindert das Risiko gerade in der Startphase eines Unternehmens oder bei einem möglichen Einbruch der Bestellungen. Ein Roboter lässt sich schnell ausschalten; Mitarbeiter zu feuern, kann - je nach Arbeitsvertrag - teuer werden. Sollten die Automaten irgendwann einmal auch mehr können, als nur Schuhschachteln zu greifen, ließe sich mit ihrer Hilfe auch der Mangel an Fachkräften in manchen Regionen entschärfen. Damit wären Logistiker flexibler bei der Auswahl möglicher Standorte für den Bau von Lagerhallen und Distributionszentren. Denn die Verfügbarkeit von Mitarbeitern ist für die Unternehmen ein wesentliches Kriterium bei der Ansiedlung (siehe "Roboter und Automaten machen Logistik").

Kein Wunder also, dass Firmen wie Zalando, Körber und Fiege Logistik auf Roboter setzen. Alle drei Unternehmen gehören zu den Geldgebern von Magazino. "Unsere Investition sichert uns eine Zukunftstechnologie, die mit unserer bestehenden Infrastruktur in hohem Maße kompatibel ist und die flexibel eingesetzt werden kann, um zukünftig Mitarbeiter in unseren Logistikzentren zu unterstützen", erklärt Zalando-Finanzchef David Schröder.

Alleine in der letzten Finanzierungsrunde im Februar 2018 hat Magazino mehr als 20 Mio. Euro einsammeln können. Mit der Kapitalerhöhung sollte vor allem der Vertrieb im In- und Ausland ausgebaut sowie die Entwicklung der Roboter vorangetrieben werden. Fiege gehört wie Zalando nicht nur zu den Teilhabern, sondern auch zu den Kunden, bei denen die Roboter im Einsatz sind.

Zalando hat das Modell Toru im Logistikzentrum Erfurt getestet. Dort durften zwei der Roboter aus Bayern acht Monate lang beim Einlagern und Kommissionieren helfen. Nach der Testphase bekommen die Automaten jetzt Verstärkung: Künftig werden acht Roboter im Verteilzentrum in Lahr echte Bestellungen von echten Kunden bearbeiten.

Insgesamt 40 Roboter hat Magazino derzeit draußen im Einsatz. Das sei eine noch relativ kleine Flotte, sagt Firmenchef Brantner. Bei der Automatisierung könnten die Unternehmen aber nicht eben mal schnell von Null auf Hundert hochfahren. Das sei ein Prozess, der Schritt für Schritt erfolgen müsse. Mittelfristig will Magazino bis zu 100 Roboter jährlich fertigen. Die Herausforderung dabei sei aber weniger die harte Hülle. Kern der Automaten sei die Software. Die ermögliche es, dass Toru ständig hinzulernt und Erfahrungen wie Wissen per WLAN an seine Geschwister weitergibt. In der Münchner Zentrale nahe dem Hirschgarten hat Magazino ein Testlager eingerichtet. Hinter den hellblauen Metalltüren üben die Roboter das Greifen und Fahren. Selbst nachts düst Toru über den Betonboden, schließlich will er schneller und besser werden.

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