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Digitales | 05.09.2019

Aus IZ36/2019, S. 11

Von Ulrich Schüppler

In diesem Artikel:

"Entwickler sollten ein ausgewogenes Energiekonzept mitbringen"

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler
Um die Energiewende zu schaffen, sind neue Mobilitätskonzepte in smarten Quartieren unabdingbar. Im Bild eine E-Bike-Ladestation auf dem Campus der RWTH Aachen.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler

Durch den Klimawandel steigt der Bedarf an energieeffizienten Stadtvierteln. Die sind am besten mit einem festen Quartiersmanagement zu realisieren, sagt Peter Neuhaus, Hauptabteilungsleiter Vertrieb bei RheinEnergie. Für den Bestand bleibt vorerst das Problem, dass selbst beim Einsatz neuester Technik die Nachrüstung zu einem smarten Quartier ohne Fördermittel nicht wirtschaftlich wäre.

Immobilien Zeitung: Herr Neuhaus, RheinEnergie hat für die Deutsche Wohnungsgesellschaft (Dewog) die Stegerwaldsiedlung in Köln zu einem smarten Quartier umgerüstet. Was müssen wir uns konkret darunter vorstellen?

Peter Neuhaus: Die Stegerwaldsiedlung mit ihren rund 1.100 Bewohnern, die sich auf 700 Wohneinheiten verteilen, stellt für uns ein Projekt dar, an dem sich zeigen lässt, was heute hinsichtlich Quartiersvernetzung und Energieeffizienz schon alles möglich ist. Wir sprechen bei diesem Komplex von einer klassischen Arbeitersiedlung aus den 50er Jahren, die in der Wiederaufbauphase nach dem Krieg schnell hochgezogen wurde; entsprechend war die Bausubstanz, vor allem unter dem Aspekt Energie. Die Umrüstzeit betrug vier Jahre, in wenigen Wochen nimmt der letzte Bauabschnitt den Betrieb nach dem neuen Konzept auf. Wir haben die Energieproduktion auf lokale Erzeugung aus erneuerbaren Quellen umgestellt, kombiniert mit entsprechenden Speichern. Dadurch ist der Primärenergiebedarf von 130 bis 180 kWh auf 30 bis 40 kWh im Jahr gesenkt worden, also auf etwas mehr als 20% des Ausgangswerts. Der Treibhausgasausstoß, vor allem Kohlendioxid, ging parallel um 70% zurück. Der Betreiber, die Dewog, hat vorab für die energetische Sanierung gesorgt, mit einer 16 cm dicken Dämmung und einer Dreifachverglasung der Fenster. Wir selbst haben einen siebenstelligen Euro-Betrag in Energieerzeugung, Speichertechnik und die Steuerung investiert.

IZ: Wie rechnet sich das, wenn Sie doch jetzt weniger Energie verkaufen als vorher?

Neuhaus: Wir glauben für smarte Wohnsiedlungen an das Konzept des Quartiersmanagers, dessen Rolle wir bei so einem Projekt übernehmen. Wir sind dann mehr als ein Energielieferant, das ist ein völlig neues Geschäftsmodell. Die Steuerung einer solchen smarten Siedlung läuft in einer von uns betriebenen Leitwarte zusammen, in der wir ein halbes Dutzend Dienstleister koordinieren. Dazu zählen beispielsweise Nahverkehrs- und Carsharing-Angebote, Wasserversorgung, Telefonie, Internet und Messstellenbetrieb. Das ließe sich an vielen Orten umsetzen. Wir sehen unsere Rolle künftig in der des Integrators und Systembetreibers, nicht mehr in der des reinen Energielieferanten.

IZ: Es soll also nicht bei diesem einen Projekt bleiben?

Neuhaus: Keineswegs, wir sondieren bundesweit nach Partnern für Anschlussprojekte. Mit der Stegerwaldsiedlung haben wir erst einmal gezeigt, dass sich so ein smartes Quartier sogar in der Nachrüstung sinnvoll umsetzen lässt, und noch wichtiger: dass es sich rechnet. Allerdings muss ich hinzufügen, dass ein smartes Wohnquartier im Bestand ohne externe Fördergelder heute kaum zu realisieren ist. Im konkreten Fall flossen rund 8 Mio. Euro EU-Förderung in die Umrüstung, als Teil eines Dreistädteprojekts zum Thema Smart City mit einem Gesamtfördervolumen von 25 Mio. Euro. Davon haben neben Köln auch Barcelona und Stockholm profitiert. Das Geld kommt indirekt den Mietern zugute, weil damit der Mietanstieg auf einem sehr niedrigen Niveau gehalten werden konnte. Im Neubau lassen sich solche Projekte schon heute für alle Beteiligten wirtschaftlich umsetzen, ohne dass es dadurch zu einer längeren Bauphase kommen muss.

IZ: Wenn wir die Energiewende schaffen wollen, können wir es aber nicht bei energetisch optimierten Neubauten belassen, dann müssen wir auch an den Bestand ran. Wie ließe sich das wirtschaftlich darstellen?

Neuhaus: Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist, dass sich die Technik in diesem Gebiet im Moment sehr rasch entwickelt. Wir mussten für die Stegerwaldsiedlung beispielsweise Kosten für die Speichertechnik in Kauf nehmen, die bei einem heutigen Projektbeginn schon niedriger wären. Das liegt einfach daran, dass die Energiespeicher inzwischen viel effizienter geworden sind. Zum anderen war die Stegerwaldsiedlung eine besondere Herausforderung, da die Gebäude aus der ersten Nachkriegsbauphase stammen. Wer einmal Wärmepumpen in einem solchen Bestand eingebaut hat, der weiß, wie aufwändig das ist. In Köln stammen leider rund 85% der Mehrfamilienhäuser aus der Zeit direkt nach 1950, das ist bei den Kostenplanungen zu berücksichtigen. Bei jüngeren Gebäuden schaut das unter Umständen schon anders aus. Wenn zum Beispiel bereits ein Fernwärmenetz vorhanden ist, lässt sich das leicht auf energieeffiziente Primärquellen umstellen, wir sprechen dann von kalter Fernwärme.

IZ: Wie funktioniert das denn?

Neuhaus: Kalte Fernwärme benötigt zwischen der Zufluss- und der Abflusstemperatur nur einen Unterschied von vier Grad. Das reicht aus, um über eine Wärmepumpe die nötige Heizenergie zu erzeugen. Je mehr wir dabei als primäre Energiequelle auf erneuerbare Energie setzen, desto klimaschonender ist das Ergebnis. Mit Kraft-Wärme-Kopplung lassen sich schon gute Ergebnisse erzielen, allerdings ist das noch nicht komplett CO2-neutral. Am klimafreundlichsten ist Geothermie, also Erdwärme. Das ist auch in Deutschland an vielen Standorten möglich. Zudem lässt sich das Prinzip der Erdwärme im Sommer über Luft-Wärme-Tauscher auch umkehren: Indem heiße Umgebungsluft durch den kühleren Boden geleitet wird, kommt es zu einer Kühlung ohne zusätzlichen Einsatz von Energie. So erzielen wir eine bessere Entfeuchtung der Wohnung, brauchen keine zusätzliche Fotovoltaik als Stromquelle und erzeugen keinen Lärm, weil es im Gegensatz zu einer Klimaanlage so gut wie keine beweglichen Teile gibt. Und Fernwärme setzen wir dann nur noch für die Spitzenlast ein.

IZ: Das klingt fast zu fantastisch, um wahr zu sein.

Neuhaus: Es ist heute schon mehr möglich als viele denken. Wir als RheinEnergie wollen jährlich einen technologischen Schritt weiterkommen, um den Weg zu einem klimaneutralen Immobilienbestand zu unterstützen. Das langfristige Ziel muss sein, Anlagen mit einem Primärenergiefaktor von Null zu erreichen, die also in Bezug auf den Energiebedarf völlig klimaneutral arbeiten. Wenn die Immobilienwirtschaft künftig konsequent E-Mobilitätskonzepte im Verbund mit ÖPNV in Smart-City-Quartiere integriert, könnten wir noch sehr viel mehr für den Klimaschutz leisten als wir bisher getan haben. Wichtig wäre, dass jeder Immobilienentwickler von Anfang an in seinen Projekten ein ausgewogenes energiewirtschaftliches Konzept vorsieht. Das ist leistbar und wird von der Gesellschaft zunehmend erwartet.

IZ: Herr Neuhaus, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Die Fragen stellte Ulrich Schüppler.

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