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Unternehmen | 29.08.2019

Aus IZ35/2019, S. 6

Von Thorsten Karl

In diesem Artikel:

Ein Ehrenkodex für die Branche ist nötig

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Thorsten Karl
Jens Kreiterling stört sich am Protzgehabe mancher Branchenvertreter.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Thorsten Karl

Aachen. Jens Kreiterling ist Vorstand des Aachener Unternehmens Landmarken. Nach der diesjährigen Immobilienmesse Mipim postete er einen Beitrag bei LinkedIn, in dem er sich sehr kritisch mit dem Bild der Immobilienwirtschaft in der Öffentlichkeit auseinandersetzte. Im Interview fordert er ein größeres Verantwortungsbewusstsein in der Branche.

Immobilien Zeitung: Herr Kreiterling, im Nachgang der Mipim haben Sie sich bei Linkedin kritisch über das Bild geäußert, das einige Player der Immobilienbranche auf einer solchen Messe in aller Öffentlichkeit von sich selbst vermitteln. Wie kam es zu diesem Posting?

Jens Kreiterling: Mir geht es hier besonders um das Thema der Verantwortung und die Erkenntnis, dass wir in einer Branche tätig sind, die von der Öffentlichkeit ohnehin recht kritisch betrachtet wird. Das bekommen Entwickler ja auch in Form von Bürgerinitiativen gegen Projekte, der Diskussion um Nachhaltigkeit oder über das Thema bezahlbarer Wohnungsbau zu spüren. Wenn dann auf einer solchen Messe auf der Croisette in Cannes in aller Öffentlichkeit eine wilde Party stattfindet, auf der ein deutsches Immobilienunternehmen mit teilweise gekauften Mädels und Jungs sich selbst in der Sonne mit Champagner feiert oder auf großen Yachten Messetermine abhält oder Gäste mit Helikoptern einfliegen lässt, dann widerspricht das meiner Haltung und dem Bild, das unsere Branche in der Öffentlichkeit abgeben sollte. Vielleicht sollte sich die Immobilienwirtschaft einem Ehrenkodex verschreiben!

IZ: Nun könnte man meinen, das bekommt außerhalb der Branche ja keiner mit, wenn da die Champagnerkorken knallen.

Kreiterling: Die Mipim wird ja traditionell als etwas dekadente Messe in der Sonne am Wasser wahrgenommen. Es ist außerhalb der Branche oft schwer vermittelbar, dass da wirklich ernsthaft gearbeitet wird. Das bekommen beispielsweise auch die Oberbürgermeister der deutschen Städte und deren Messeteams immer wieder vorgehalten, die auf die Mipim reisen. Wenn ein solcher Oberbürgermeister dann über die Croisette läuft und so eine Party sieht, dann entsteht bei ihm vermutlich ein Bild von unserer Branche, das mir jedenfalls nicht gefällt.

IZ: Also sehen Sie die Mipim generell kritisch?

Kreiterling: Nein! Sie ist eine wichtige Messe und sie bringt gerade in Bezug auf den Kapitalmarkt die richtigen Menschen zusammen. Dabei ist es so wichtig, dass auch die Vertreter der Städte und Kommunen auf der Messe die eigenen Interessen vertreten, um Investoren, Architekten und Projektentwickler für ihre Stadt zu gewinnen, damit sie Stadtentwicklung gemeinsam und qualitätsvoll vorantreiben. Nirgends kann man sich besser über internationale Trends informieren und neue Kontakte aufbauen.

IZ: Wie sind denn die Reaktionen auf Ihr Posting bei LinkedIn ausgefallen?

Kreiterling: Unter dem Posting finden sich viele, fast ausnahmslos positive Kommentare. Allerdings wurden mir später, vor allem in persönlichen Gesprächen, auch deutlich negative Reaktionen entgegengebracht.

IZ: Was wurde kritisiert?

Kreiterling: Im Wesentlichen hieß es, es sei schließlich legitim, Geld zu verdienen und das auch gebührend zu feiern oder mit üppigen Yachten zur Schau zu stellen. Dafür müsse man sich nicht rechtfertigen. Aber genau das bekommen wir ja regelmäßig zu hören: Ihr seid nur auf Rendite und schnelles Geld aus! Das ist das Killerargument in jeder Diskussion zum Beispiel mit Verwaltung und Politik oder Anwohnern.

Quelle: LinkedIn
Kritische Worte: Das Posting von Kreiterling, das für zahlreiche Kommentare aus der Branche sorgte.

Quelle: LinkedIn

IZ: Sind Sie das denn nicht?

Kreiterling: Landmarken ist ein erfolgreiches Unternehmen, das kontinuierlich wächst. Wir messen Erfolg jedoch nicht nur unter Renditegesichtspunkten, sondern vielschichtiger. Stadtrendite, soziale Rendite oder gesellschaftlicher Mehrwert sind für uns weitere wesentliche Parameter unseres Erfolgs. Das gilt sicherlich nicht für alle Unternehmen! Und Landmarken grenzt sich davon ab. Wir haben einen eigenen Kodex: Werte, die sich mit der Frage beschäftigen, was wir für eine Stadt sein wollen, in der wir ein Projekt realisieren. Wir wollen mit unseren Landmarken einen positiven Entwicklungsimpuls setzen. Eine Spur hinterlassen. Eine Landmarke eben.

IZ: Das klingt in der Tat nicht sehr renditegetrieben.

Kreiterling: Sehen Sie, ich bin von Hause aus Architekt. Das studiert man ja in aller Regel nicht, weil man reich werden will, sondern weil man einen Standort attraktiver gestalten und aufwerten will, das Feedback der Menschen braucht, die mit der Immobilie konfrontiert sind. Man trifft eine Entscheidung über etwas, das dann Jahrzehnte lang Bestand hat, wie es der Architekt entworfen hat. Da geht es insbesondere um Verantwortung für das eigene Handeln.

IZ: Und Ihre persönliche Historie spiegelt sich in den Projekten von Landmarken wider?

Kreiterling: Landmarken ist ein inhabergeführtes Unternehmen aus Aachen, das hier in der Stadt zahlreiche Vorhaben realisiert hat und nun auch in ganz Deutschland mit Schwerpunkt NRW mit aktuell über 50 Projektentwicklungen aktiv ist. Unsere Aachener Philosophie haben wir sozusagen mit in die Welt genommen. Dabei stellen wir fest, dass Stadtwert, Stadtrendite, oder noch hochtrabender, soziale Rendite, erfreulicherweise eine zunehmende Bedeutung bekommen. Das gilt insbesondere für die Oberbürgermeister der B- und C-Städte in Deutschland. Sie haben meistens genau vor Augen, wie sich ihre Stadt entwickelt. Und diese Oberbürgermeister bekunden oft klare Sympathien mit denjenigen, die wirklich ein Commitment zur Stadt abgeben. Sie suchen echte Partner in der Stadtentwicklung. Und genau das ist unser Anspruch. Wir haben uns im letzten Jahr die Frage nach dem "Warum" gestellt - also warum machen wir unseren Job? Warum gibt es unsere Landmarken AG? Das Ergebnis ist super und bestätigt, dass unsere Mitarbeiter unsere Philosophie teilen. Diese lautet: "Wir wollen Menschen inspirieren und begeistern, indem wir lebendige und identitätsstiftende Orte schaffen: Landmarken, die Stadtquartiere aufwerten und prägen. Weil wir so Städte attraktiver, lebendiger und zukunftsfähiger machen können." Das ist der Kern unser aller Motivation. Rendite ist die Voraussetzung für unternehmerisches Handeln - aber nicht unsere Kernmotivation.

IZ: Sind Sie mit dieser Einstellung nicht ziemlich alleine? Das Erfolgsmodell etlicher Entwickler liegt scheinbar in der Multiplizierbarkeit ihrer Projekte.

Kreiterling: Es gibt einige Unternehmen, die ticken so wie wir. Als Beispiel will ich Interboden aus Ratingen nennen. Ein, wie ich erfahre, sehr wertegetriebenes Unternehmen. Mit den in meinem Post bei LinkedIn kritisierten Firmen haben wir jedoch kaum eine gemeinsame Basis. Das stellen wir auch immer wieder auf den Immobilienmessen fest.

IZ: Können wir uns von dieser doch eher theoretischen Ebene auf eine praktische begeben? Welche Beispiele von Projekten aus Ihrem Haus können Sie nennen, in denen diese Landmarken-Philosophie deutlich wird?

Kreiterling: Eines von vielen Beispielen ist das Hotel, das wir in Bonn gerade unmittelbar neben der Beethovenhalle am Rheinufer bauen. Das Hotel zu errichten ist sozusagen die Pflicht. Unsere Kür besteht darin, dass wir den Bonnern ein Stück Rhein zurückgeben. Wir haben uns überlegt, dass dort nicht einfach ein besonders attraktives Designhotel entstehen darf. Vielmehr soll an der Stelle, an der unser Grundstück direkt an das Flussufer grenzt, regelmäßig etwas für die Bonner Bürger passieren. Darum wurden dort eine Rooftopbar und eine Stadtbühne geplant, auf der mindestens zwölfmal im Jahr Kulturevents stattfinden. Diese werden vom Betreiber des Hotels organisiert, der einen sehr langfristigen Vertrag abgeschlossen hat. So schaffen wir die größtmögliche Akzeptanz eines Projekts bei den Bürgern und geben ihnen etwas zurück. In Bonn beispielsweise bauen wir das Hotel an der Stelle, an der bislang ein Luftschutzbunker stand. Die Anwohner werden durch die Abrissarbeiten ziemlich belästigt - haben sich jedoch noch gar nicht beschwert. Vielleicht, weil wir ihnen etwas zurückgeben und langfristig ihre Umfeldqualität aufwerten.

IZ: Landmarken entwickelt fast nur gewerblich genutzte Objekte?

Kreiterling: Darauf liegt unser Schwerpunkt. Allerdings entwickeln wir durchaus auch Wohnraum. Aktuell haben wir im Aachener Stadtteil Rothe Erde das Projekt Guter Freund mit 248 Wohnungen für die Landmarken-Eigentümerfamilie Hermanns fertiggestellt. Hierfür haben wir ein altes belgisches Militärgelände von der Bima erworben. Es liegt direkt neben dem Einkaufszentrum Aachen Arkaden am Ostbahnhof. Wir sind hier aber nicht in Sachen Luxuswohnen unterwegs. Vielmehr sind 70% der Einheiten, die dort entstehen, öffentlich gefördert. Als Zielgruppe für die Mieterschaft haben wir auch die, wie man sagt, gesellschaftlich relevanten Berufsgruppen identifiziert. Das sind Menschen, die bspw. bei der Polizei oder in der Pflege tätig sind und die durchaus einen Wohnberechtigungsschein bekommen können - auch wenn viele das gar nicht wissen. Neben den öffentlich geförderten Wohnungen gibt es eine Kita und Tagespflege für Senioren. Auch eine Besucherwohnung zum Übernachten von Freunden oder Familie und einen Partyraum haben wir errichtet. Darüber hinaus ist Carsharing mit Elektroautos und Pedelecs integriert. Schließlich werden hier in Aachen die e.GO-Autos gebaut. Die können die Mieter dann über eine App buchen, die es zusätzlich zur Quartiersapp geben wird.

IZ: Das klingt alles ganz zauberhaft. Aber wie wollen Sie das rechnen? Und wie wollen Sie verhindern, dass die Bewohnerstruktur in dem Objekt irgendwann kippt und es sich zu einem Ghetto entwickelt?

Kreiterling: Wir haben vereinbart, dass wir einen starken Einfluss auf das Belegungsrecht an den Wohnungen haben. Dabei achten wir darauf, wie die Mietergruppen möglichst gut zusammenpassen. Die Frage, wie sich das rechnet, beantworte ich einmal so: Landmarken ist ein Unternehmen in Familienbesitz. Das Projekt Guter Freund wird nicht entwickelt, um es zu verkaufen. Aber es rechnet sich für die Familie Hermanns mit einer langfristigen Betrachtung. Und es wird im nordrhein-westfälischen Bauministerium bereits jetzt als Best-Practice-Beispiel gezeigt. Das macht uns durchaus auch stolz. Wir würden das Konzept gerne in andere Städte übertragen. Ob dies gelingt, hängt im Wesentlichen vom Grundstückspreis ab.

IZ: Mit dem steht und fällt so eine Planung?

Kreiterling: Ob man öffentlich geförderten Wohnungsbau macht oder nicht - die Baukosten sind dieselben. Die Miete ist ebenfalls auf niedrigem Niveau festgelegt. Also habe ich im Wesentlichen das Grundstück als Stellschraube. Das haben einige Städte und auch die Bima mittlerweile erkannt und veräußern nicht mehr zwangsläufig an den Höchstbietenden, sondern an denjenigen mit dem besten Nutzungsangebot. Da ist die Stadtrendite höher als der Kaufpreiseingang, der im nächsten Haushalt ohnehin verschwindet. Allerdings scheint dieses Vorgehen ausgerechnet beim Land noch nicht vollends angekommen zu sein. Aktuell schreibt ausgerechnet der landeseigene Bau- und Liegenschaftsbetrieb beispielsweise in Bonn wieder Grundstücke an den Höchstbietenden aus. Da frage ich mich, wo die Abstimmung unter den öffentlichen Institutionen bleibt.

IZ: Wie lautet also das Credo des verantwortungsvollen Entwicklers?

Kreiterling: Ich würde sagen: Gelungene Stadtentwicklung dreht sich um den Menschen, der in der Stadt zuhause ist und sie nutzt. Diesen und seine Bedürfnisse und Ängste in den Mittelpunkt zu stellen und sein Umfeld aufzuwerten, bedeutet, ihn zu verstehen und ernst zu nehmen. Das geht nur auf Augenhöhe und mit einer Haltung, die Vertrauen verdient. Wir sollten jedes Projekt und jede Investition in Urbanität so gestalten, dass wir weiterempfohlen werden. Von den Nutzern, den Stadtvertretern und den Nachbarn. So empfehlen wir uns als Partner der Städte.

IZ: Herr Kreiterling, Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Thorsten Karl.

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