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Märkte | 29.08.2019

Aus IZ35/2019, S. 5

Von Robin Göckes

In diesem Artikel:
  • Unternehmen:
    Cowork, Coconat
  • Organisationen:
    Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
  • Personen:
    Roger Lewentz, Ulrich Bähr, Tobias Kollewe, Julianne Becker
  • Immobilienart:
    Büro

Die Coworker ziehen raus aufs Land

Quelle: Coconat Urheber: Tilman Vogler
Wer ohne Schreibtisch auskommt, kann seine Arbeitszeit auch im Grünen verbringen. Im Coconat vor den Toren Berlins geht das.

Quelle: Coconat Urheber: Tilman Vogler

Coworking hat als urbanes Phänomen in den vergangenen Jahren die Büromärkte der Metropolen Deutschlands aufgemischt. Doch inzwischen werden immer mehr kleine und flexibel nutzbare Büroflächen auch auf dem Land eröffnet.

Im hohen Norden wird die Entwicklung flexibler Arbeitsplatzwelten vorangetrieben. Und zwar nicht etwa im urbanen Hamburg, sondern im ländlichen Raum. Federführend ist dabei die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein. "Coworking auf dem Land ist ein schlafender Riese mit großem Marktpotenzial. Man muss sich nur die Zahl der ganzen Pendler anschauen", sagt Ulrich Bähr, der das Projekt Coworkland für die Stiftung betreut. Seinen Anfang nahm die Initiative mit der Idee eines Pop-up-Coworkingspace. "Im Grunde ist Coworking ja ein urbanes Thema. Deshalb wollten wir ausprobieren, ob das auf dem Land Sinn macht", erklärt Bähr. Schon 2018 tingelte der Pop-up-Space, ein umgebauter Frachtcontainer, zwischen Hamburg, Kiel und der Ostseeküste durch die Lande.

In diesem Sommer ging die Reise weiter. Die Erfahrungen seien positiv. "Mit den Nutzern haben wir Interviews geführt. Den meisten kommt es darauf an, nicht jeden Tag pendeln zu müssen, ohne dabei an das Homeoffice gebunden zu sein." Die Zielgruppe für die kleinen Bürolösungen sei breit. "Da waren inzwischen schon Steuerberater, Lehrer und Soldaten dabei", berichtet Bähr.

Nicht nur von Nutzerseite seien die Rückmeldungen positiv gewesen. "Es ging wahnsinnig schnell, da haben uns die Leute angefangen zu fragen, wie sie denn selbst einen Coworkingspace bei sich im Dorf aufmachen könnten", berichtet der Projektleiter. Daraus sei die Idee einer Genossenschaft entstanden. Die kann für die Coworkinggründer etwa die Erstellung von Musterverträgen oder die Onlinevermarktung übernehmen und diese so entlasten. Im Februar dieses Jahres wurde schließlich die Coworkland Genossenschaft gegründet, zwölf Spaces seien auf diesem Weg in den ersten Monaten bereits geöffnet worden, insgesamt habe sie 32 Mitglieder. "Und neue Anfragen kommen bei uns fast jede Woche rein."

Damit ein kleiner Coworkingspace auf dem Land auch wirtschaftlich tragfähig arbeiten kann, sei es laut Bähr wichtig, ihn als Teil eines größeren Konzepts zu sehen. "Hybride Orte, an denen man Kaffee trinken kann, vielleicht Betreuungsplätze für die Kinder hat oder der Bankberater regelmäßig vorbeikommt - so etwas funktioniert", erklärt er. Gründer könnten ihren Coworkingspace etwa mit Ferienwohnungen oder einem Hofladen verknüpfen. Grundsätzlich glaubt er daran, dass die Bereitstellung von flexibel nutzbaren Arbeitsplätzen in Zukunft auch zu einem Teil der Daseinsvorsorge der Kommunen werde. "Die Arbeitsplätze fungieren dann wie ein Korallenriff, das weiteres Leben anzieht", sagt Bähr.

In den vergangenen Jahren hat Coworking indes weniger das flache Land als vielmehr die Büromärkte in den Metropolregionen durchgeschüttelt. Größter Hemmschuh für das weitere Wachstum vieler Coworkinganbieter ist jedoch der Flächenmangel an den Topstandorten, weshalb viele Beobachter des Markts davon ausgehen, dass sich der Trend in die Fläche fortsetzen wird. Langsam tasten sich immer mehr Marktakteure auch in kleinere Einzugsgebiete vor - wie etwa die IWG mit ihrer Marke Regus, die zur weiteren Expansion abseits der großen Zentren auf ein Franchisekonzept setzt. Meist liegt das Augenmerk allerdings eher auf B-Standorten und kleineren Universitätsstädten, doch auch noch kleinere regionale Märkte sind mitunter in die Überlegungen einbezogen. So arbeitet etwa die Deutsche Bahn daran, ein Coworkingkonzept für ihre Bahnhöfe aufzulegen. Teil dessen sollen natürlich die großen Metropolen sein, doch insgesamt will die Bahn in die Breite, denkt an viel frequentierte Umsteigebahnhöfe oder Pendlerstationen.

Quelle: Coconat, Urheber: Tilman Vogler
Das Coconat ist in einem alten Gutshof am Rande von Klein-Glien untergebracht. Möglich ist das nur aufgrund der schnellen Internetanbindung.

Quelle: Coconat, Urheber: Tilman Vogler

Dass auch in ländlichen Gebieten neue Arbeitsplatzkonzepte wirtschaftlich funktionieren können, dafür gibt es bereits eine Reihe von Beispielen. So wie etwa das Coconat vor den Toren Berlins. Im brandenburgischen Klein Glien, Einwohnerzahl knapp über 40, entstand vor rund zwei Jahren aus einem alten Gutshof ein Rückzugsort für Kreativarbeiter, bei dem Entspannung und eine ruhige Arbeitsatmosphäre kombiniert werden. Unter dem Stichwort "Workation Retreat" können Übernachtungen im Einzelzimmer oder auch im Quartier auf dem Zeltplatz wie auch Coworkingarbeitsplätze gebucht werden. Eine Woche Coliving im Einzelzimmer bei freier Nutzung der Arbeitsplätze kostet etwa 371 Euro. "Wir wussten, dass wir für den Start mit etwa 60 Arbeitsplätzen und 50 Betten für Übernachtungen planen mussten. Inzwischen haben wir aber schon die Kapazität für rund 100 Tagesgäste", berichtet Julianne Becker, eine der Gründerinnen von Coconat. Rund 75% der Gäste kämen aus Berlin, es sei aber auch internationales Publikum darunter.

Im Durchschnitt blieben die Besucher drei Nächte in Klein-Glien, manche verlegen aber auch ihren Lebensmittelpunkt für einige Monate in die Dorfidylle. "Unsere wirtschaftliche Entwicklung liegt im Plan. Wir können unsere Rechnungen bezahlen, wollen aber weiter investieren und weiterhin wachsen, damit das Coconat auf lange Sicht Gewinn abwirft. Und wir denken über einen zweiten Standort nach", sagt Becker. Der müsse nicht unbedingt im Umfeld von Berlin liegen. "Im Prinzip eignet sich das ländliche Umfeld jeder größeren Stadt", berichtete Becker von den weiteren Plänen der Coconat-Macher.

Ebenfalls Zuwachs bekommen wird ein anderes, deutlich kleineres Coworkingprojekt im ländlichen Raum, der "Schreibtisch in Prüm" in der Westeifel, der lediglich acht Arbeitsplätze bietet. Mitte 2017 hat das Angebot, initiiert von der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz, erstmals seine Türen in einem zuvor leer stehenden Verwaltungsgebäude geöffnet. Jüngst wurde die Laufzeit des Pilotprojekts bis 2022 verlängert. In einem erweiterten Modellprojekt unterstützt Rheinland-Pfalz seine Kommunen dabei, selbst sogenannte "Dorf-Büros" einzurichten.

Die ländlichen Regionen können dafür eine Förderung bis zu einem Höchstbetrag von 100.000 Euro einstreichen. In diesem und den nächsten beiden Jahren sind so insgesamt neun Coworkingspaces auf den Dörfern geplant. "Sie sollen dazu beitragen, den ländlichen Raum weiter zu stärken und durch neue Arbeitsformen zukunftsfähig zu gestalten", erklärte Innenminister Roger Lewentz (SPD) bei der Vorstellung der Förderpläne. Vor allem für Pendler könnten die Dorf-Büros eine gute Alternative darstellen und durch die wegfallenden Wegstrecken mehr Lebensqualität bieten. Nach einer anfänglichen Finanzspritze werden die einzelnen Projekte nach wenigen Jahren dazu gebracht, wirtschaftlich zu arbeiten - so zumindest der Plan.

An fehlender fachlicher Unterstützung soll der nachhaltige Erfolg der Dorfbüros nicht scheitern. Die übernimmt ein junges Coworking-Start-up mit Sitz in Aachen. Die Cowork AG - und mit ihr die Marke Worqs - wurde vor rund einem Jahr gegründet und hat sich auf den Aufbau eines modularen Coworkingsystems spezialisiert, mit dem sich Kosten und Umbauzeiten reduzieren lassen sollen. Und darauf, neue Arbeitswelten in die Dörfer zu bringen. "Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich für ein Dorf oder eine Stadt plane", sagt Cowork-AG-Gründer Tobias Kollewe. Aber funktionieren könne beides, wenn die entsprechenden Voraussetzungen beachtet werden. Auf dem Land werde man etwa "mit Leerstand überschüttet", entsprechend ließe sich auch ganz anders kalkulieren als beim Aufbau einer Fläche in urbanem Umfeld.

Zum Kundenkreis von Cowork AG zählen Wirtschaftsförderungen und Kommunen, Regionalbanken, die sich wieder stärker in ihren Gemeinden zeigen wollen, und auch Projektentwickler. Mit der Marke Worqs setzt das Unternehmen dabei auf ein Baukastensystem mit 521 Einzelbausteinen, die bei Planung und Aufbau eines neuen Standorts zum Einsatz kommen können. "Das reicht von der Raumaufteilung über die Ausstattung und das Facility-Management bis hin zu Marketingpaketen oder der Preisgestaltung. Wir steigen bei der Schlüsselübergabe aus oder bleiben auch gern etwa im Rahmen eines Joint Ventures beim Betrieb noch an Bord", sagt der Firmenchef. Ein neuer Space könne so in zwölf bis 16 Wochen fertiggestellt werden. Kunden müssen dabei mit Kosten pro Arbeitsplatz von 1.000 bis 2.500 Euro rechnen.

Je nach gewähltem Modell, kann am Ende auf dem Klingelschild des neuen Coworkingstandorts entweder der Name Worqs stehen oder auch ein ganz anderer. Denn Cowork AG bietet seine Dienste auch Kunden an, die dem Objekt ihr eigenes Label verpassen wollen. Ein gemeinsames Projekt wurde so jüngst mit der IHK Schwaben verwirklicht. Der Coworking Campus Augsburg bietet auf etwa 800 m² Platz für rund 100 Arbeitsplätze, die ab 200 Euro monatlich flexibel buchbar sind.

Die Cowork AG selbst plant darüber hinaus ein Modellprojekt rund um Aachen. In der Stadt betreibt das Unternehmen einen Space mit 207 Arbeitsplätzen auf 2.500 m² Fläche. "Wir sind derzeit mit mehreren Gemeinden rund um Aachen im Gespräch, auch dort kleine Einheiten zu eröffnen. Das sind kleine Dörfer und Pendlergemeinden", berichtet Kollewe. Entstehen soll so ein Netzwerk mehrerer Standorte mit regionalem Bezug zueinander, die von den Nutzern flexibel angesteuert werden könnten. "Unter solchen Voraussetzungen funktioniert auch der kleinste Ort für das Thema Coworking. Wenn ein Angebot da ist, wird es auch angenommen", meint er.

Auf der Expo Real vom 7. bis 9. Oktober in München wird die Cowork AG ihr modulares System zum Aufbau eines Coworkingspace vorstellen. Das Unternehmen wird am Stand der Europäischen Metropolregion München, Halle A1, Stand 420, seine Zelte aufschlagen.

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