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Projekte | 15.08.2019

Aus IZ33/2019, S. 17

Von Lara Gohr

In diesem Artikel:

Duisburgs Deal mit China

Urheberin: Heike Maus
Morgens um sieben in Duisburg: Der Zug aus Linfen ist eingerollt und wird gebührend begrüßt. Allerdings fehlt die Duisburger Stadtspitze. Die ist zu diesem Zeitpunkt in China.

Urheberin: Heike Maus

Duisburg. Die Stadt an Rhein und Ruhr will ihre Lagevorteile als Endpunkt der neuen Seidenstraße vergolden. In Duisburg warten sie mit offenen Armen auf die Chinesen, denn die Stadt setzt für ihre zukünftige Entwicklung auf das Reich der Mitte. Doch dort lässt man sich mit Entscheidungen viel Zeit.

Auf dem Frühstücksbuffet liegen Frühlingsrollen. Es ist ein Sommertag im Jahr 2018, 7 Uhr, Drehscheiben-Terminal Duisburg. Der Betonboden ist mit rotem Teppich ausgelegt, die Gäste haben sich in Schale geworfen. Tänzer wirbeln als Drache und Löwe herum, kurz nach Sonnenaufgang. Dann kommt er: der Zug, der den Start der zweiten Verbindung von China nach Duisburg markieren soll - die Attraktion dieser minutiös geplanten Zeremonie. Und die Hoffnung der Duisburger Stadtvertreter auf eine glänzende Zukunft. Der inoffizielle Deal sieht so aus: Duisburg hilft den Chinesen, per Schienen-Direktverbindung neue Absatzmärkte in Westeuropa zu erreichen. Im Gegenzug verhelfen chinesische Investoren der Hafenstadt Duisburg zu neuem Glanz - und befreien sie von einem Image, das von Problemvierteln, Leerstand und schmerzhaftem Strukturwandel geprägt ist. Kann das funktionieren?

Der Zug rollte drei Wochen zuvor in der Stadt Linfen in der nordchinesischen Provinz Shanxi los. Jetzt stoppt er nach etwa 11.000 km lautlos und pünktlich auf dem Gleis neben der Bühne. Dieser Zug sei ein "goldener Botschafter", schwärmt Wu Qiang, Chef des Unternehmens Shanxi Energy and Traffic Investment, das die Verbindung auf chinesischer Seite plant. Man wolle die Zugfrequenz noch in diesem Jahr verdoppeln, sagt er. Zuversicht auch bei Andreas Schulz, Geschäftsführer der Deutschen Umschlaggesellschaft Schiene-Straße: "Wir verbinden mit diesem ersten Zug die große Hoffnung, dass aus diesem Projekt eine regelmäßige Verbindung wird", sagt er. Doch auch Monate später folgte dem Show-Zug aus Shanxi kein zweiter - es bleibt das Prinzip Hoffnung. Nichts Ungewöhnliches in Duisburg.

Auch Immobilienprofis stehen längst in den Startlöchern. Sie erhoffen sich für die Ruhrgebietsstadt einen gehörigen Schub vom Projekt Neue Seidenstraße (siehe dazu "Neue Seidenstrasse" am Ende der Artikels), bei dem Xi Jinping höchstpersönlich im Stellwerk sitzt. Nachdem sich der Staatspräsident 2014 im Goldenen Buch Duisburgs verewigt hatte, stieg die Zahl der Güterzüge von und nach China von zwölf auf rund 100 pro Monat.

Die Lage- und Verkehrsvorteile machen Duisburg zu "Chinas Tor zu westeuropäischen Märkten", sagt Duisburgs zweiter Bürgermeister Volker Mosblech (CDU) - und zählt auf: größter Binnenhafen Europas mit Anschluss an die Seehäfen Rotterdam und Antwerpen, Autobahnen in alle Himmelsrichtungen, gleich um die Ecke der Flughafen Düsseldorf. Ein Containerschiff aus China brauche doppelt so lange wie der Zug, das Flugzeug sei doppelt so teuer, überschlägt er.

"Wir werden westlicher Endpunkt der Seidenstraße und wichtigster Handelsknotenpunkt in Europa", sagt Johannes Pflug, Chinabeauftragter der Stadt. Auch die Zahl chinesischer Unternehmen in Duisburg habe sich seit 2014 mehr als verdoppelt auf etwa 120. Darunter das Start-up BangNi, das Chinesen bei der Suche nach Unterkunft und Arbeit unterstützt, oder die Starhai International, die chinesischen Unternehmen beim Markteinstieg hilft und Immobilien vermitteln will.

Kritiker wenden ein: Auf dem Immobilienmarkt ist vom China-Boom bislang nicht viel angekommen. Pflug schätzt den Anteil asiatischer Kaufinteressenten für Rendite- und Gewerbeimmobilien nur auf rund 5%. "Bei tatsächlichen Abschlüssen machen sie aber immer noch weniger als 2% des Umsatzes aus", räumt der Marktkenner ein. Er sagt aber auch: Die Tendenz steige.

Verwaltungsmann Pflug hält langen Atem für nötig. Duisburg befinde sich bereits in der dritten Phase der China-Beziehungen. Phase eins begann demnach mit der Städtepartnerschaft 1982 mit Wuhan - eine bundesweite Premiere. "Seitdem wächst die China-Expertise in der Stadt." So studieren heute an der Universität Duisburg-Essen 1.500 Chinesen, viel Renommee aufgebaut haben das Institut für Ostasienwissenschaften und das Konfuzius-Institut Metropole Ruhr. Phase zwei begann nach Xi Jinpings Besuch. "Seitdem arbeiten wir logistisch intensiv zusammen", sagt Pflug. Um chinesischen Investoren ein Rundum-Wohlfühlpaket zu bieten und Wirtschaftskontakte zu bündeln, gründeten die Duisburger den Verein China Business Network.

Jetzt, in der dritten Phase, fließe Geld in die Stadt: "Chinesen interessieren sich für unsere Flächen, etwa am Haupt- oder Güterbahnhof." Dabei handelt es sich laut Markus Büchte, Vorstand des Maklerunternehmens Cubion aus Mülheim an der Ruhr, um "die mit Abstand besten Lagen" für Büroprojekte in Duisburg. In der Innenstadt hat die chinesische Nanjing-Feiyuan-Gruppe Ende 2017 und Anfang 2018 zwei Gebäude gekauft. Eines davon ist derzeit an die Diakonie vermietet und wird saniert. Das zweite, das ehemalige Uni-Polster-Gebäude, wolle der Investor abreißen und einen Neubau errichten, so das Duisburger Altstadtmanagement, das zur Wirtschaftsförderung gehört.

Außerdem entsteht ein neues Hotel im angesagten Innenhafen. Pächter wird die chinesische Hotelkette Plateno mit ihrer Eigenmarke 7 Days Premium. Die Investoren sind die österreichische Soravia-Gruppe und Trec Real Estate Consulting aus Düsseldorf. Deren Geschäftsführer Thorsten Prior zeigt sich begeistert vom Hotel: "Das wird ausgebucht sein." Er ist zuversichtlich, dass Touristengruppen aus China Duisburg als "das Ende der Seidenstraße" in ihrem europäischen Reiseprogramm als festen Bestandteil einbauen. Eröffnung soll laut Prior im Februar 2020 sein.

Das auf dem Papier wohl prominenteste Immobilienprojekt mit China-Bezug ist ein Handelszentrum. Ursprünglich angestoßen hat es die Chinesin Yaomin Wang mit ihrer Duisburger Beratungsfirma Starhai International. Im Oktober 2016 war sie dabei, als Oberbürgermeister Sören Link (SPD) auf einer Pressekonferenz in Peking die Absichtserklärung zum Bau des China Trade Center Europe (CTCE) unterschrieb. Eine Nachricht, die auch im Ruhrgebiet durch viele regionale Medien ging. Schließlich sollte laut Starhai International ein Gebäude-Komplex für 260 Mio. Euro entstehen, auf einer brachliegenden Fläche im Businesspark Niederrhein in Asterlagen. Chinesische Logistik- und Hightech-Firmen würden in Duisburg bis zu 2.000 neue Arbeitsplätze schaffen, warb Starhai-Chefin Wang noch im vergangenen Jahr. Den ersten Spatenstich kündigte sie für Mitte 2019 an, doch bislang ist kein Kilo Erde bewegt.

Mitte 2018 stieg der Heidelberger Immobilienentwickler FOM Real Estate mit Geschäftsführer Reinhard Walter in das Projekt ein. Seine Firma ist nun neben Wang Gesellschafterin der CTCE GmbH, die den juristischen Mantel des Projekts bildet. Die CTCE GmbH profitiere von Wangs China-Netzwerk und dem Immobilienwissen der Firma FOM, die das Projekt strukturiere und sich um die Finanzierung kümmere, so Walter. Er sagt: "Wenn in diesem Jahr die ersten Mietverträge abgeschlossen sind, legen wir mit dem Bau los."

Quelle: GfW Duisburg, Urheber: Friedhelm Krischer, krischerfotografie
Im Businesspark Niederrhein, hier das Prisma Haus, ist noch Platz für das geplante China Trade Center Europe. Ob es tatsächlich gebaut wird, ist allerdings noch offen.

Quelle: GfW Duisburg, Urheber: Friedhelm Krischer, krischerfotografie

Ein Schritt in diese Richtung gelang Yaomin Wang im März 2019 in Shanghai. Dort machte die börsennotierte chinesische Zhongnan Group per Absichtserklärung die Zusage, 30.000 m² Bürofläche im Duisburger Handelszentrum zu mieten. Wang zeigte sich erleichtert: "Unser Team hatte diese Konferenz sehr lange vorbereitet", sagt sie.

Dabei war auch Rolf Sasse, Marketingchef von Starhai International. Er ist zufrieden mit dem potenziellen Generalmieter: "Wichtig ist, dass die Bonität der Zhongnan Group den finanzierenden Banken ausreicht. Die Firmengruppe baut in China aktuell den höchsten Wolkenkratzer des Landes", so Sasse.

Die Delegation des Generalmieters hat Duisburg vom 5. bis zum 8. August besucht. Eigentlich war für diesen Termin die Unterschrift unter den Mietvertrag für das China Trade Center Europe geplant. Doch der kam letztlich nicht zustande.

Das Problem: "Der Generalmieter sucht nach Untermietern für die Flächen. Bisher hat er noch nicht genügend gefunden", erläutert Sasse. "Das ist der Schlüsselpunkt, erst wenn die Untermieter-Situation in trockenen Tüchern ist, wird der endgültige Mietvertrag unterschrieben und der Bau kann beginnen. Die Gespräche sollen nun im Oktober weitergehen. Bis dahin sucht der Generalmieter weiter." Und auch die Stadt bleibe bei der bisherigen Planung. Der Generalmieter ist nach wie vor der gleiche und hält immer noch an der Absichtserklärung aus Shanghai fest.

Doch selbst wenn der Vertrag zustande kommt, erscheint fraglich, ob das China Trade Center Europe tatsächlich in den Businesspark Niederrhein zieht. Denn das Grundstück sei eigentlich nicht zentral genug, urteilt Sasse. "Wir haben zwei andere Grundstücke im Auge, die endgültige Entscheidung treffen wir beim Besuch der Delegation. "Bis dahin hält die Stadt das Grundstück in Asterlagen frei", bestätigt Duisburgs Beigeordneter für Wirtschaft und Mitgeschäftsführer der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft, Andree Haack.

Was Gewerbeimmobilien angeht, wird es in Duisburg langsam eng: Viele regionale Investoren, Family-Offices, Stiftungen und Privatanleger suchen nach renditeträchtigen Immobilien, sagt Makler Quester. "Die Chinesen kommen zu einem Zeitpunkt an den Markt, an dem die Nachfrage ohnehin groß ist." Bei Büroflächen ist der Duisburger Markt quasi leergefegt, berichtet Cubion-Vorstand Büchte.

2018 gab es Spitzenrenditen von 5,25% und Spitzenmieten von 14 Euro/m². Die Durchschnittsmieten lagen 10% über dem Vorjahreswert. Die Leerstandsquote sank weiter von 2,7% auf 2,4%. "Die Schwelle von 2% wird erreicht, wenn nur weitere 10.000 m² vermietet werden", sagt Büchte. Das werde spätestens im dritten Quartal des Jahres geschehen, schätzt er. Seine Prognose: "Aufgrund des geringen Flächenangebots wird der Gesamtmarkt auf Sparflamme laufen." Es seien stabile bis steigende Mieten zu erwarten.

Im vergangenen Jahr musste Duisburg erste Unternehmen wegen mangelnder Flächen in Richtung Düsseldorf-Nord abwandern lassen. Von 34.500 m² 2018 fertiggestellter Neubaubürofläche sind mittlerweile nur noch 240 m² verfügbar. Laut Cubions Bericht für den Büromarkt Ruhrgebiet wird für dieses Jahr ein äußerst geringes Fertigstellungsvolumen von nur 5.000 m² Bürofläche erwartet, was die Mieten nach oben treibe.

Damit neue Büro- und Gewerbeflächen gebaut werden können, bedarf es einer nachhaltigen Flächenplanung. Wirtschaftsdezernent Haack will das Thema mit neuem Schwung angehen. "Es ist eine Herausforderung, Investoren ausreichend planreife Flächen zur Verfügung zu stellen", sagt er. Ein neues "kommunales Gewerbeflächenmanagement" solle dafür sorgen, dass die Stadt Investoren auf Abruf mit Flächen versorgen kann.

Auch eine Imagekorrektur zählt Haack zu seinen Aufgaben: "Marxloh und Migration prägen das Bild der Stadt immer noch", sagt er. Dabei lohne ein differenzierter Blick. "Wer hier investiert, kann sicher sein, dass Mitarbeiter Wohnungen finden, denn das Preisniveau ist gesund. Die Stadtfläche besteht zu 58% aus Grün und Freiflächen, wir haben Denkmäler, Kultur, viele alte Siedlungen - und wir sind gut angebunden."

Mehr Spaß mache es da mit den unbefangenen Chinesen. "Sie haben keine Vorurteile", sagt Haack. "Die meisten Chinesen kennen Duisburg nur wegen der Seidenstraße, wollen hier Handel treiben und Know-how aufbauen, etwa im Bereich Umweltschutz."

Auch bei der Digitalisierung zeigt die Stadt keine Berührungsängste: Zusammen mit dem chinesischen Technologiekonzern Huawei und fünf weiteren Partnern will Oberbürgermeister Sören Link die Infrastruktur Duisburgs aufmöbeln: mit kostenlosem WLAN, optimiertem öffentlichen Nahverkehr und elektronischem Behördenkontakt. Seit neuestem können Bürger zum Beispiel die Familienkarte für Vergünstigungen online beantragen.

Als "Smart City", eine digitale Modellstadt, sieht Haack Duisburg in seinen schönsten Träumen. Ein moderner Industrie- und Technologiestandort in einem "Ruhrgebiet 4.0" - mit einer tragfähigen Achse nach China. Starhai-Marketingchef Sasse bringt es auf den Punkt: "Köln oder Düsseldorf werden auch ohne China glücklich. Aber für die Stadt Duisburg liegen momentan 90% der Zukunftsoptionen dort."

Die Autorin: Lara Gohr ist Journalistin in der Lehrredaktion der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft.

Neue Seidenstraße

"One Belt, One Road", so heißt das vielleicht größte geopolitische Projekt der Welt. Unter dem romantischen Narrativ der alten Seidenstraße will Staatspräsident Xi Jinping die halbe Welt mit einem Netz umspannen: Wasser- und Landwege, Pipelines, Wirtschaftskorridore und Flughäfen sollen 62% der Weltbevölkerung mit China verbinden. Menschen aus 64 Ländern in Afrika, Asien und Europa, die bereits heute mehr als ein Drittel der weltweiten Waren handeln. Und Duisburg hatte schon einen Fuß in der Tür, als die Idee Gestalt annahm. Xi Jinping adelte im Jahr 2014 die Stadt mit einem Besuch. Die Bundesregierung und andere EU-Staaten stehen der Initiative skeptisch gegenüber. Sie fordern unter anderem die Einhaltung internationaler Umwelt- und Sozialstandards bei den Bauvorhaben. Doch die Duisburger sind Feuer und Flamme. Der Begriff "Neue Seidenstraße" ist Aufhänger für zahlreiche Delegationsreisen und Veranstaltungen.

Ein Beitrag aus dem RECHERCHE-NETZWERK DER IZ

Im Rahmen eines Kooperationsprojekts arbeiten die Immobilien Zeitung und die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft zusammen. Autorin dieses Beitrags ist Lara Gohr. Betreut wurde sie von Stefan Merx (Pressebüro JP4) sowie Thomas Porten und Thorsten Karl (Immobilien Zeitung).

Transaktion: Duisburg, Beekstraße 35-39

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