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Märkte | 18.07.2019

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Aus IZ29/2019, S. 6

Von Katja Bühren

In diesem Artikel:

"Wir wollen uns nicht reinreden lassen"

Quelle: Fotolia.com, Urheber: genotar1
"Sicherheit spielt eine Rolle" sagt Titus Gebel - eine Gated Community plane er aber nicht.

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Von westlichen demokratischen Staaten hält Titus Gebel nicht mehr viel. Sie sind aus seiner Sicht nicht mehr in der Lage, Bewohnern und Firmen langfristig stabile, verlässliche Rahmenbedingu [...]

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Verträge regeln das Zusammenleben

Titus Gebel ist Gründer und CEO des Unternehmens Free Private Cities. Um sich ausschließlich diesem Projekt widmen zu können, ist er 2015 als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Rohstoff AG ausgeschieden. Bei diesem neuen Produkt im "Markt des Zusammenlebens", wie er es nennt, gründet und führt ein privater Betreiber eine Stadt. Er garantiert den Schutz von Freiheit, Leben und Eigentum und richtet ein gewisses Maß an Infrastruktur sowie unabhängige Gerichte ein. Die Leistungen des Betreibers werden mit den Einwohnern vertraglich fixiert, die dafür einen festgelegten Betrag zahlen. Da die freien Privatstädte privatwirtschaftlich geführt werden und das Zusammenleben vertraglich geregelt ist, benötigt es nach Gebels Plänen weder ein öffentliches Recht noch ein Parlament oder andere öffentliche Einrichtungen. Ähnlich wie im Common Law können durch die Entscheidungen unabhängiger Gerichte Regelungen weiterentwickelt werden. Gründen will Gebel die Städte auf dem Territorium von Gaststaaten. Auch hier regelt ein Vertrag langfristig das Verhältnis zwischen Staat und Stadt. Nach den Vorstellungen des promovierten Juristen hat eine freie Privatstadt eine innere Autonomie, vergleichbar mit dem Verhältnis zwischen Hongkong und China. Eine eigene Staatsbürgerschaft darf sie nicht vergeben, da sie Teil der Souveränität des Gaststaates ist, mit dem Immigrationsregeln vereinbart werden müssen. Die Bewohner behalten die Staatsbürgerschaft ihrer Herkunftsländer. Der Vertrag legt auch fest, welche Abgaben die Privatstadt an den Gaststaat zahlt. Denkbar ist z.B., dass der Betreiber 10% seines Gewinns an den Staat zahlt. Oder die Abgabe richtet sich nach der Einwohnerzahl, so Gebel. Er rechnet damit, dass sich in den Privatstädten in erster Linie Firmen ansiedeln, die ohnehin in der Region tätig sind oder sein wollen. Unter anderem dadurch werden Arbeitsplätze für Bewohner in der Stadt geschaffen. Denn nach seinen Vorstellungen soll dort der Querschnitt der Gesellschaft leben: Das Angebot soll auch für Geringverdiener attraktiv sein, sie müssen ihre Kinder dort zur Schule schicken können und eine gewisse Krankenversicherung haben. An einem entsprechenden Konzept wird derzeit gearbeitet, sagt Gebel. Er ist überzeugt, dass sein Konzept besser funktioniert als das der Gastgeberstaaten. Denn der Betreiber müsse gewinnorientiert, also effizient und kostengünstig arbeiten. Auch müsse er keine Interessengruppen oder Parteifreunde bedienen oder Wählern kostspielige Geschenke machen. tja

KOMMENTAR Zu "Wir wollen uns nicht reinreden lassen"

Mit seinem Unternehmen Free Private Cities mit Sitz in Panama will Titus Gebel eine Stadt bauen und betreiben, in der zufriedene Menschen leben, die mindestens ein gutes Auskommen haben. Investoren und Unternehmen machen Geschäfte und schaffen Arbeitsplätze. Auch der Betreiber der freien Privatstädte soll seinen Schnitt machen. In seiner Vision entsteht eine privatwirtschaftlich betriebene Stadt, in der es nur Gewinner gibt. So weit die Theorie. Ob es jemals solche Städte geben wird, ist jedoch fraglich. Letztendlich würde in Gebels System die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergehen. Denn eine freie Privatstadt ist ein auf Egoismus und Gewinn, nicht auf gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgerichtetes Unternehmen. So reicht in Gebels Vision der Betreiber z.B. vieles, was Konfliktpotenzial birgt und kostspielig ist, an Unternehmen und Bewohner weiter - teure Infrastruktur ebenso wie soziale Absicherung. Profitieren dürften Wohlhabende, die sich all das mit ihrem Geld kaufen können. Auch der Betreiber ist fein raus, da er Aufgaben, in denen ein hohes und möglicherweise kostspieliges Konfliktpotenzial steckt, einfach an Unternehmen und Bewohner weiterreicht. Aber was ist mit allen anderen? Gebel will Arbeiter über Unternehmen in seine Städte holen. Doch ob die Firmen ihre Mitarbeiter in einem kaum regulierten Umfeld so gut bezahlen, dass sie sich das Leben in der Freien Privatstadt leisten können, ist unwahrscheinlich. Am Ende würden wohl die Wohlhabenden unter sich bleiben, und das Geschäft würde auf Kosten der Armen gemacht - wie so oft. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass Gebel freie Privatstädte derzeit nur Ländern anbietet, die "ernsthafte Probleme" haben, wie er sagt. Die werden bei der Aussicht auf Einnahmen aus der Privatstadt eher zu Eingeständnissen bereit sein als westliche Demokratien. Dass das Konzept bei uns durchsetzbar ist, schließt Gebel derzeit selbst aus. Das ist auch gut so, denn noch liegt hier der Fokus nicht allein auf wirtschaftlichem Erfolg und Egoismus, sondern auf Kooperation über Städte- und Ländergrenzen hinweg. Auch um weitreichende Probleme wie den Klimawandel gemeinschaftlich anzugehen. Westliche Gesellschaften arbeiten vielleicht langsam und ineffizient, aber sie versuchen wenigstens, Lösungen zu finden. Gebels Konzept duckt sich, wie diejenigen, die hierzulande lauthals fordern sich abzugrenzen, einfach weg. Das ist leicht und bringt vielleicht kurzfristig die Aussicht auf Erfolg. Aber auf lange Sicht werden Probleme so nicht gelöst, sondern sogar eher verschärft. tja