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Märkte | 11.07.2019

Aus IZ28/2019, S. 20

Von Volker Thies

In diesem Artikel:
  • Städte:
    Frankfurt am Main
  • Unternehmen:
    AS+P Albert Speer + Partner
  • Organisationen:
    Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), Bündnis 90 / Die Grünen, SPD, Die Linke, VdW Südwest, Regionalverband FrankfurtRheinMain
  • Personen:
    Stefan Kornmann, Gerald Lipka, Axel Tausendpfund, Tarek Al-Wazir, Thomas Horn, Mike Josef, Ulrich Tichelmann, Paul-Gerhard Weiß
  • Immobilienart:
    Wohnen

Frankfurter Bogen überzeugt nicht jeden

Quelle: Fotolia.com, Urheber: lindarlichtwer
Frankfurt kann den Bevölkerungszustrom alleine kaum noch verkraften. Einfach so ins Umland weiterbauen wird jedoch kaum eine Lösung sein.

Quelle: Fotolia.com, Urheber: lindarlichtwer

Rhein-Main. Beim Kongress "FrankfurtRheinMain baut" in Hanau waren die Pläne des hessischen Wirtschaftsministers zur Regionalentwicklung ein großes Thema. Begeisterung löste das Konzept nicht aus.

Unter dem Titel "Großer Frankfurter Bogen" hat Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) ein Konzept zur Regionalentwicklung im Umland von Frankfurt vorgelegt (siehe "Tarek Al-Wazir sieht viel Platz fürs Wohnen", IZ 26/2019). Rund 200.000 Wohneinheiten seien damit innerhalb von 30 Zugminuten vom Frankfurter Hauptbahnhof möglich. In Politik und Medien der Region hat er damit einiges Aufsehen ausgelöst. Diejenigen, die sich intensiver und ausdauernder mit der Regionalplanung in Rhein-Main befassen, nehmen das Thema wesentlich gelassener auf, wie sich beim Kongress "FrankfurtRheinMain baut" in Hanau zeigte. "Der Name ist cool, die Idee nicht schlecht, aber auch nicht bahnbrechend neu", urteilte der Frankfurter Stadtplanungsdezernent Mike Josef (SPD). Schließlich sei es die einzig logische Lösung, entlang der Schienenwege neue Wohnbaugebiete auszuweisen. Aber das habe beispielsweise der Regionalverband schon lange vor Al-Wazir erkannt.

Nach Josefs Ansicht mangelt es in der Region nicht an guten Ideen, sondern an der Umsetzung. "Es wäre schön, wenn einige der vielen guten Projekte auch umgesetzt würden", sagte er. Ähnlich bewertete es der Offenbacher Baustadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP): "Wenn Verkehrsprojekte in Zukunft weiter so lange dauern wie bisher, dann gehen wir unter, egal was wir sonst machen." Gerald Lipka, Geschäftsführer des BFW-Landesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, machte darauf aufmerksam, dass es aus anderer Hinsicht Zeitdruck gebe: "Wir haben die Niedrigzinsphase nicht ausreichend zum Wohnungsbau genutzt. Es gibt erste Anzeichen, dass die Banken zurückhaltender bei der Vergabe von Baukrediten werden."

Thomas Horn, Verbandsdirektor des Regionalverbands FrankfurtRheinMain, erinnerte daran, dass weder er noch der Wirtschaftsminister oder eine benachbarte Großstadt die Kommunen zum Ausweisen von Bauland zwingen könne. Unklare Besitzverhältnisse, hohe Kosten vor allem für soziale Infrastruktur und der Unwille der Bevölkerung gegenüber neuen Wohngebieten in der Nachbarschaft hielten Bürgermeister und Dezernenten von solchen Projekten ab. "Zwei Jahre vor der Bürgermeisterwahl binde ich mir keinen Bebauungsplan ans Bein. Ich will doch wiedergewählt werden", zitierte Horn einen Bürgermeister. Das Land könne und solle helfen, indem es beispielsweise an der Finanzierung von Kindergärten mitwirke. Vor allem müsse der Minister aufpassen, dass sein Großer Frankfurter Bogen nicht als Anlauf zu einer Eingemeindung kleinerer Kommunen nach Frankfurt wahrgenommen werde.

Al-Wazir selbst stellte den Großen Frankfurter Bogen in einen noch größeren Zusammenhang, und dazu gehörten auch kontroverse Vorhaben. "Wir werden in die Bestandsmieten eingreifen, aber wir geben auch Geld für den Wohnungsbau", kündigte er an. Private Vermieter seien für ihn kein Feindbild, sondern Partner. Die Politik müsse aber sehr genau darauf achten, welche Art von Wohnungen gebaut würden. Zugleich müsse es sich für Private lohnen, in den geförderten Wohnungsbau zu investieren. Der Minister will dies mit mehr Geld und vereinfachten Förderverfahren erreichen. Außerdem werde die öffentliche Nassauische Heimstätte stärker bei der Flächenentwicklung in Gemeinden aktiv, die selbst nicht die nötigen Kapazitäten haben. Die Zuhörer aus der Projektentwicklerzunft beruhigte Al-Wazir, dass die Heimstätte ihnen keineswegs das Bauland wegnehmen werde.

Vom Berliner Mietendeckel distanzierte sich der Minister. Alle Beschränkungen, die Mietsteigerungen auf weniger als die Inflationsrate drückten, hält er für rechtlich zumindest wackelig. Aus Sicht von Axel Tausendpfund, Verbandsdirektor des Verbands der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft, ist auch Hessen mit der Regulierung bereits zu weit gegangen, etwa bei der jüngsten Ausweitung der Mietpreisbremse.

Am dichteren Bauen arbeiteten sich die Planer auf dem Podium des Kongresses ab. Ulrich Tichelmann, Architekturprofessor in Darmstadt, rechnete vor, dass selbst innerhalb Frankfurts noch gewaltiges Potenzial für Aufstockung und Lückenbebauung bestehe. Gleichzeitig warnte er davor, den seit einigen Jahren anhaltenden Zustrom in die Städte als Naturgesetz zu betrachten: "Es kann sehr gut sein, dass wir in sechs bis acht Jahren, wenn der Markt sich verändert hat, einen Wettbewerb der Städte um die besten Köpfe unter den Zuwanderern und Einwohnern erleben." Stefan Kornmann, Gesellschafter des Planungsbüros AS+P Albert Speer, betonte, dass verdichtetes Bauen trotz eventuell eingesparten Grunderwerbs nicht unbedingt kostengünstiger als konventioneller Wohnungsbau ist: "Die höhere Dichte fordert höheren Aufwand an Qualität." Das betreffe sowohl ansprechende Fassaden als auch Lösungen für mehr Grün in der Stadt.

Nicht zuletzt befasste sich der Kongress mit den Verkehrsströmen im Ballungsraum. "Auf Dauer wird das Konzept des Individualverkehrs in der Region nicht mehr tragen", urteilte Kornmann. Der Wechsel von den überfüllten Straßen auf die kaum weniger überfüllten Schienen ist offenbar bereits im vollen Gang, wie Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds, berichtete: "Die Zahl der Fahrgäste wächst mit einer größeren Dynamik, als wir erwartet haben." Im Jahr 2018 seien 788 Mio. Fahrgäste gezählt worden, rund 34 Mio. mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig wachse die Infrastruktur nicht ausreichend mit. Die letzte Neueröffnung einer S-Bahn-Linie sei im Jahr 2004 erfolgt, so Ringat. Bei jeder Form von Wachstum müsse in Zukunft die Verkehrsinfrastruktur mitgedacht werden.

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