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Märkte | 13.06.2019

Aus IZ24/2019, S. 1

Von Christoph von Schwanenflug

In diesem Artikel:

Der letzte Laden

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Uwaltie Pic Project
Irgendeine Apotheke hat immer auf: Nachtdienst in Füssen.

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Uwaltie Pic Project

Die Apotheke ist eines der letzten traditionellen Ladenformate im deutschen Handel. Hier kann man noch erleben, wie ein Geschäft vor 100 Jahren funktionierte. Doch die Zahl der Apotheken sinkt, seit 2009 jedes Jahr. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Betrieb kleiner Apotheken sich kaum noch lohnt.

Im vergangenen Jahr erlebte Wiesbaden ein kleines Apothekensterben. Binnen weniger Monate schlossen drei Geschäfte, darunter auch die Victoria-Apotheke in der Rheinstraße. Nach dem letzten Verkaufstag veranstaltete das Apothekerehepaar in der Offizin, wie das Ladenlokal in der Fachsprache heißt, einen Flohmarkt. Zum Verkauf standen Bierkrüge mit Zinndeckel, Ölgemälde, ausrangierte Standgefäße, alte Apothekenliteratur und ein in Leder gebundenes Gesangbuch der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern von 1908. Ein wunderschönes Buch, wäre da nicht der defekte Metallverschluss gewesen. Aber auch so gab ein Bücherfreund noch 50 Euro dafür.

Defekt ist auch das Geschäftsmodell vieler Apotheken. Manche, insbesondere kleine Betriebe existieren nur noch deshalb, weil der Inhaber keinen Nachfolger findet und mit 90 noch im Laden steht, weil er nicht erleben will, wie dieser dichtgemacht wird. Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums kam 2017 zu dem Ergebnis, dass die Schließung von 7.600 der etwa 20.000 Apotheken hierzulande "mittelfristig wahrscheinlich" sei. Aus wirtschaftlichen Gründen. "Jede Woche schließen in Deutschland sechs Apotheken", stand auf Plakaten, die sich 2018 Wiesbadener Apotheker ins Schaufenstern hängten. Seit 2009 geht die Zahl der Apotheken hierzulande jedes Jahr zurück.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug
Moderner Apothekenstandort: Ärztezentrum mit zehn "Verschreibern", wie Apotheker sagen, im Haus.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug

Stellt sich die Frage, was passiert, wenn es ein paar tausend Apotheken weniger gäbe. Die Arzneimittelversorgung, laut Gesetz der Auftrag der Apotheken, wäre wohl nicht gefährdet. Deutschland bliebe, was die Apothekendichte angeht, immer noch in etwa auf dem Niveau von Holland, Finnland oder Österreich. Landstriche, in denen sich der Betrieb einer Apotheke nicht mehr lohnt, könnten durch den Versandhandel bedient werden. Der ist seit 2004 auch bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln erlaubt.

Sind Apotheken bloß Außenstellen der Pharmaindustrie?

Manche Leute fänden es wohl auch gar nicht schlimm, wenn es weniger Apotheken gäbe. "Schreib doch etwas über Metzger, die sind wirklich selten geworden", rät mir ein Freund. In seinen Augen sind Apotheken nur Außenstellen der Pharmaindustrie. Einrichtungen, in denen, geschützt von einer gut organisierten Lobby, überteuerte Medikamente unters Volk gebracht werden. Seine Ansicht ist geprägt vom Pflegeheim, in dem sein Vater lebt. Im Haus befindet sich eine Apotheke. Der verschreibende Arzt und die Inhaberin der Apotheke sind verheiratet. Darum verschreibe der Arzt immer nur die teuersten Medikamente.

Mein Freund ist aber nicht nur gegenüber Apotheken negativ eingestellt. Er könnte auch auf Läden verzichten. Einzelhandel, da arbeiten in seinen Augen hauptsächlich inkompetente, unfreundliche Leute, die nie das haben, was er sucht. Ein Leben ohne Läden wäre für ihn ein Fortschritt. "Wird alles geliefert, mit Drohnen. Und in den Innenstädten könnten wieder Menschen wohnen."

Quelle: ABDA Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V.
Mehr als vier Apotheken darf kein Apotheker besitzen.

Quelle: ABDA Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V.

Apotheken lassen sich aber auch anders sehen - als Teil einer sozialen Infrastruktur. "Meine Frau und ich haben zu unserer Tochter in den frühen 1990er Jahren gesagt, sie soll in einen Laden gehen, wenn sie auf der Straße von einem Mann belästigt wird", sagt Christoph Meyer, Geschäftsführer der auf Einzelhandelsimmobilien spezialisierten Maklerfirma CM Best Retail Properties. Denn Apotheken sind Läden. Und irgendeine hat immer auf, sogar nachts.

Dazu eine kleine Anekdote. Unlängst brauchte ich nachts ein Schmerzmittel und fuhr in die notdiensttuende Apotheke. Sie lag in einem Wohngebiet abseits der Hauptverkehrsstraßen. Überall war es dunkel, nur der Laden leuchtete noch. Die Apothekerin hatte offenbar Lust auf eine Unterhaltung und erzählte durch die Scheibe von ihrem letzten Griechenland-Urlaub. "Und stellen Sie sich vor, ausgerechnet meine Reiseapotheke hatte ich vergessen!" Sie ging auf der Peloponnes in eine Apotheke. Die griechische Kollegin ließ sie ganz unkompliziert hinter ihrem Computer Platz nehmen, um ihre Medikamente auszuwählen.

Apothekendichte in Deutschland unter EU-Durchschnitt

Da könne sie wohl die griechische Schrift lesen, fragte ich. Erst da fiel der Dame auf, dass die Sprache in dem Computer der griechischen Apotheke Englisch war. Wir hätten uns sicher noch eine ganze Weile unterhalten können, aber ich wollte heim. Griechenland hat übrigens die bei weitem höchste Apothekendichte in Europa - 88 Apotheken auf 100.000 Einwohner. Ein absoluter Spitzenwert. Deutschland (23) bewegt sich in dieser Statistik im unteren Mittelfeld. Der EU-Durchschnitt liegt bei 31.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug
Apotheke in der Altstadt von Soest.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug

Die Apotheke ist eine hochregulierte Angelegenheit. Mehr als vier Apotheken darf kein Apotheker besitzen (Mehrbesitzverbot). Nicht-Apothekern ist der Betrieb einer Apotheke untersagt (Fremdbesitzverbot). Darum sind z.B. Kapitalgesellschaften von diesem Markt bisher ausgeschlossen. Der Gesetzgeber schreibt auch die Mindestgröße der Räumlichkeiten vor (110 m2), und er macht Vorschriften zu den Mietverhältnissen. So sind Apotheken verpflichtet, langfristige Mietverträge abzuschließen, d.h. mindestens zehn Jahre. Umsatzmieten und Staffelmieten sind nicht zulässig. Sofern die Miete 6% vom Umsatz übersteigt, "kann unter Umständen sogar der Mietvertrag annulliert werden", sagt Michael Grintz, Inhaber von vier Apotheken in München (siehe Interview "Beratung, nicht Logistik ist die Zukunft der Apotheke").

Manche Apotheken sehen aus wie ein Museum

Die Apotheke ist der Akademiker unter den Einzelhandelsformaten: der einzige Laden, für dessen Betrieb man ein abgeschlossenes Hochschulstudium braucht. Die Apotheke ist eines der letzten traditionellen Ladenformate im deutschen Handel. Hier kann man noch erleben, wie Einkaufen vor 100 Jahren funktionierte. Der Kunde betritt einen mit einem Blick zu erfassenden Verkaufsraum. Die Ware befindet sich hinter einem Verkaufstresen, der wie eine Barriere zwischen Kunde und Verkäufer wirkt. Der Kunde wartet, bis er an der Reihe ist. Selbstbedienung und damit auch das Anfassen der Ware spielt eine untergeordnete Rolle. Das in weiße Kittel gekleidete Verkaufspersonal hat manchmal eine fast hoheitliche Anmutung.

In vielen Apotheken scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das Interieur der Hirsch-Apotheke in Wiesbaden, gegründet 1837, wurde von einem italienischen Schreiner in kaukasischem Nussholz ausgeführt. In den im Halbrund angeordneten Schränken und Regalen stehen rund 1.000 Standgefäße in weißem Porzellan und in Glas. Gerne hätten wir ein Foto von dieser wunderschönen Apotheke gebracht, aber die Inhaberin wollte nicht. Ihre Apotheke sei kein Laden, sondern eine heilberufliche Einrichtung, stellt sie mit einem freundlichen Lächeln klar. Den Begriff Laden empfindet sie als abwertend. "Aber ich weiß schon, was Sie meinen."

Fast jede halbwegs bedeutende Stadt hat eine solche Hirsch-Apotheke - pharmazeutische Museen, die aber als Läden immer noch funktionieren. Zumindest halbwegs.

Durchschnittsumsatz liegt bei 2,3 Mio. Euro

Der Betrieb einer Apotheke wirft, anders als noch vor 40 oder 50 Jahren, "als Apotheker das Geld mit Waschkörben nach Hause getragen haben", wie einer vom Fach sagt, vielfach nicht mehr genügend Geld ab. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda) erwirtschaftete die durchschnittliche deutsche Apotheke 2017 bei einem Nettoumsatz von rund 2,3 Mio. Euro einen Gewinn vor Steuern von 144.000 Euro. Das klingt zunächst einmal nicht schlecht. Doch schränkt die Abda in ihrer Erläuterung ein: "Dieser Betrag ist aber nicht mit einem Bruttogehalt gleichzusetzen, da der Apothekeninhaber als selbstständiger Freiberufler davon nicht nur Steuern abführen, sondern auch Investitionen in die Apotheke tätigen und seine komplette Altersvorsorge bestreiten muss."

Die Verschlechterungen begannen aus Sicht der niedergelassenen Pharmazeuten mit den Einsparungen im Gesundheitswesen in der Zeit der CDU/FDP-Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl (1982 bis 1998). Inzwischen sind weitere Faktoren dazu gekommen. Der Kostendruck der Krankenkassen, die Erlaubnis des Versandhandels rezeptpflichtiger Medikamente, aber auch die weit verbreitete Rabattmentalität in der Bevölkerung. "Selbst alte Stammkunden fragen mich: Gibt es das nicht billiger?", erzählt die Inhaberin der aufgegebenen Victoria-Apotheke in Wiesbaden. Und wenn dann einer komme und ein lukratives Privatrezept einlöse, wolle er gleich ein "Präsent" dazu. Die Fernsehbeilage des Wiesbadener Kuriers, klagt sie, sei voller Anzeigen von Medikamentenversendern aus Holland, Tschechien oder Polen, die Präparate zum Teil 40% billiger verkauften. "Das lesen natürlich auch die ganzen alten Leute und sind verunsichert." Auf die Frage, wie ein Apotheker überhaupt noch Geld verdienen kann, antwortet ihr Mann: "Wenn ich das wüsste, hätte ich vielleicht noch ein paar Jahre länger gemacht."

Weil die Apotheke kein Selbstläufer mehr ist, wagen immer weniger Pharmazeuten den Schritt in die Selbstständigkeit. "Die Inhaber der deutschen Apotheken werden im Schnitt permanent älter, weil die Jungen keine Apotheken gründen oder übernehmen wollen", sagt Apotheker Grintz. "Der Firmenwert der deutschen Apotheke ist in den vergangenen 30 Jahren gigantisch gesunken."

"Die romantische Welt der kleinen Apotheke verschwindet"

Eine Standesgenossin aus Wiesbaden bestätigt das. "Die romantische Welt der kleinen Apotheke verschwindet", sagt sie. Ihre erste Anstellung hatte sie in einer kleinen Stadtteil-Apotheke. Der Inhaberin blieb am Ende des Jahres, nach Abzug von Steuern und Gehältern, kaum etwas übrig. Inzwischen arbeitet die junge Frau in einer Apotheke, die in der Vorkassenzone eines großen Verbrauchermarkts liegt. "Die ist fünfmal so groß und hat sechs Kassen." Es wird mit allen verkaufspsychologischen Tricks gearbeitet. Wenn ein Kunde Paracetamol verlangt, erscheinen auf dem Screen, auf den er blickt, alle möglichen Produkte zum Thema Erkältungskrankheiten. Als nächstes plant der Inhaber die Installation von Gesichtsscannern, um Geschlecht und Alter seiner Kunden zu bestimmen.

Während die Zahl der Apotheken sinkt, findet eine Verschiebung der Standorte statt. Die kleine Apotheke im Wohngebiet oder in einer Handelsnebenlage verschwindet. Häufig ziehen Kioske in die aufgegebenen Ladenlokale, wie die Apotheken Ladenformate mit langen Öffnungszeiten und einem hohen Anteil von Rauschmitteln im Sortiment.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug
Aufgegebene Apotheke in Düsseldorf.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Christoph von Schwanenflug

Neue Apotheken siedeln sich dagegen dort an, wo Menschen ohnehin zum Einkaufen hinfahren oder viele Ärzte sind, die Rezepte ausstellen - in Ärztehäusern, Fachmarktzentren oder in den Vorkassenzonen von Verbrauchermärkten. Manche Unternehmen, wie das Franchisesystem Kleeblatt aus Nordrhein-Westfalen, haben sich geradezu auf SB-Warenhäuser spezialisiert (siehe "Kleeblatt will 50 Apotheken").

Kleeblatt-Apotheken spezialisieren sich auf SB-Warenhäuser

"Die Überalterung der Inhaber und die Tatsache, dass sich junge Apotheker nur noch in Ausnahmefällen in die Selbstständigkeit wagen, könnte dazu führen, dass der Mehrbesitz ausgeweitet und der Fremdbesitz erlaubt wird", prophezeit Apotheken-Unternehmer Grintz. Damit wäre u.a. der Weg für Kapitalgesellschaften in den hiesigen Apothekenmarkt, immerhin rund 50 Mrd. Euro schwer, frei. "Das würde ein Hauen und Stechen geben und dazu führen, dass wenige große Unternehmen den Markt unter sich aufteilen."

Unter ganz anderen Vorzeichen könnte sich das wiederholen, was ab Mitte der 1970er Jahre im Drogeriemarkt und im Lebensmitteleinzelhandel geschah. 1974 wurde mit der Änderung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen Preisbindungen, die insbesondere bei Markenartikeln die Regel waren, für unzulässig erklärt. Eine Revolution war die Folge: Drogeriemärkte vermehrten sich explosionsartig, dem Lebensmitteldiscount gelang der Durchbruch. Die Drogerien verschwanden, die Zahl der Lebensmittelgeschäfte sank von rund 170.000 (1974) auf etwa 37.000 (2018). Anders gesagt: Es begann ein großes Ladensterben.

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