Sie verwenden
iz.de als
Gastnutzer
Alle Leistungen ansehen

{{vm.izPaket[vm.user.izPaket].title}}

Ihre Leistungen

Finanzen | 18.04.2019

Aus IZ16/2019, S. 4

Von Daniel Rohrig

In diesem Artikel:
  • Organisationen:
    Bundesregierung Deutschland, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Bundesverband Crowdfunding, Institut für Finanzdienstleistungen (iff)
  • Personen:
    Peter Mattil, Dirk Ulbricht

Berlin erwägt Lockerung der Prospektpflicht

Quelle: Pixabay, Urheber: KleeKarl
Letztlich wird der Bundestag entscheiden, ob die Prospektpflichtgrenze für Crowdinvestingprojekte angehoben wird.

Quelle: Pixabay, Urheber: KleeKarl

Derzeit gilt beim Crowdinvesting ab einer Projektgrenze von 2,5 Mio. Euro eine Prospektpflicht. Nun spielt die Bundesregierung mit dem Gedanken, diese Grenze auf 6 Mio. Euro anzuheben. Anlegerschützer und Kreditinstitute sind meist wenig begeistert.

Die Bundesregierung räumt der Schwarmfinanzierung im Kleinanlegerschutzgesetz schon jetzt eine Privilegierung bei der teuren Prospektpflicht ein. Denn ein solches Werk muss oft deutlich mehr als 100 Seiten enthalten und verursacht hohe Kosten. Es liegt auf der Hand, dass der Bundesverband Crowdfunding als Lobbyorganisiation laut den Wunsch artikuliert, dass hierzulande der Spielraum, den die EU-Prospektverordnung zulässt, voll ausgeschöpft wird. Demnach wäre die Befreiung von der Prospektpflicht bis zu einem Schwellenwert von maximal 8 Mio. Euro möglich. Seit 2015 liegt der Wert in Deutschland bei 2,5 Mio. Euro.

Da kommt den Crowdsammlern ein aktueller Evaluierungsbericht im Auftrag der Bundesregierung gerade recht. Darin ist von der Möglichkeit einer Anhebung der Grenze auf 6 Mio. statt auf 8 Mio. Euro sozusagen zwei Jahre auf Probe die Rede: "Dann könnte noch einmal analysiert werden, ob die Anzahl der mit Crowdinvesting modernisierten Projekte, die über 2,5 Mio. Euro liegen, deutlich angestiegen ist und die bisherige Begrenzung zu einer Verringerung der Angebote geführt hat." Von 2011 bis 2018 hätten demnach nur vier Emittenten Vermögensanlagen mit einem Gesamtwert von mehr als 2,5 Mio. Euro angeboten, aber deutlich mehr Projekte mit einem Wert knapp darunter.

Wichtigster Wachstumstreiber, so der Bericht, seien 2018 mit 220 Mio. Euro (60%) von insgesamt 364 Mio. Euro Crowdfinanzierungen von Immobilienprojekten gewesen. Auf dem zweiten Platz folgten mit 80 Mio. Euro Unternehmensfinanzierungen und auf Platz drei Energieprojektfinanzierungen mit 60 Mio. Euro. Zwischen 2011 und 2018 waren 193 der insgesamt angebotenen 743 Finanzierungen Immobilienprojekte. Dieser Bereich hat somit massiv an Bedeutung gewonnen.

Die absolute Obergrenze für ein Einzel-investment von Privatanlegern liegt derzeit bei 10.000 Euro. Der Forderung aus der Crowdinvestingbranche, diesen Betrag auf 25.000 Euro anzuheben, erteilen die Verfasser des Berichts aber eine Absage. "Von der ganz überwiegenden Anzahl der Anleger werden jeweils weniger als 1.000 Euro pro Anlage investiert." Anlagen über 10.000 Euro fänden ohnehin nicht statt. Zudem lehnt der Bericht die geforderte Möglichkeit der Schwarmfinanzierung von Anteilen an einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) ab.

Einige Sachverständige sprachen sich derweil in einer öffentlichen Anhörung des Finanzausschusses strikt gegen jegliche Lockerung der Vorschriften aus. Dirk Ulbricht beispielsweise, Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen, kritisiert sogar Crowdinvesting insgesamt, da es "sich auf die ohnehin überhitzte Immobilienbranche konzentriert anstatt neue Unternehmensideen zu finanzieren". In der Regel würden die Teile von Immobilienprojekten verkauft, die von professionellen Anbietern aufgrund ihrer Risiken nicht übernommen würden. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken und der Deutsche Sparkassen- und Giroverband stießen in das gleiche Horn. Die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) spricht sich - obgleich dies in der Praxis bereits in den meisten Fällen geschieht - für eine generelle Pflicht zur Erstellung von Informationsblättern zu den Vermögensanlagen aus, da andernfalls weniger oder gar keine Informationen im Zusammenhang mit der Emission zur Verfügung stünden. Sie lehnt wie der Evaluierungsbericht die Ausweitung auf GmbH-Anteile ab.

Darüber hinaus weist die DSW gemeinsam mit Rechtsanwalt Peter Mattil, der ebenfalls zur Anhörung eingeladen war, auf einen weiteren Aspekt hin: Häufig sei der Prospekt nur in englischer Sprache verfasst, da den Emittenten die Wahl zwischen Deutsch und anderen Sprachen gelassen werde. So bezeichnete es Jurist Mattil als "fast schon zynisch", dass der Anleger im Fall eines Rechtsstreits den Prospekt auf seine Kosten übersetzen lassen muss. Die nötigen Übersetzungskosten könnten glatt die Kosten des Investments übersteigen. Nach der Anhörung ist nun die Bundesregierung am Zuge.

KOMMENTAR zu "Berlin erwägt Lockerung der Prospektpflicht"

Nun dominieren also bei Schwarmfinanzierungen Immobilienprojekte. Das war vor einigen Jahren kaum absehbar. Eigentlich sollte die Versorgung junger Unternehmen mit Risikokapital im Vordergrund stehen. Die EZB-Dauernullzinspolitik treibt aber immer mehr Kleinanleger Richtung Exporo, Zinsland und Co., da hier "Ersatzzinsen" von etwa 6% winken.

Das Problem dabei ist, dass viele Anleger wahrscheinlich die wirtschaftliche Tragfähigkeit eines Immobilienprojekts und des Emittenten nicht angemessen überprüfen können. Ob ein hunderte Seiten langer Prospekt hier mehr Licht ins Dunkel bringt als drei Informationsblätter, ist fraglich. Auf den Netzseiten der Plattformen ist jedenfalls zu lesen, dass ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals droht. Mehr Warnung geht kaum. Bei Werbung im Fernsehen und in Printmedien sollte das allerdings in Zukunft ebenfalls deutlicher stehen müssen.

Momentan hält die aktuelle Prospektschwelle von 2,5 Mio. Euro das durchschnittliche Anlagevolumen pro Projekt gering. Eine Schwelle von 6 Mio. Euro könnte den Markt weiter beleben, was grundsätzlich nicht schlecht ist. Und deutsche Anleger, die im internationalen Vergleich ohnehin eher vorsichtig sind, werden dadurch nur geringfügig größeren Risiken ausgesetzt. Allerdings ist es richtig, die Anlageobergrenzen von 1.000 Euro beziehungsweise 10.000 Euro bei entsprechendem Vermögensnachweis beizubehalten. Dies empfiehlt auch der Evaluierungsbericht ausdrücklich.

Die Anlagegrenzen führen zwangsläufig zur Streuung - ganz gleich, ob das Geld in Anleihen fließt, die einige Schwarmfinanzierer neuerdings dank Banklizenz emittieren dürfen, oder in die üblichen Nachrangdarlehen. Da die Zahl der Projekte, die mit Hilfe der Crowd finanziert werden sollen, im Immobilienbereich immer weiter steigt, gibt es zahlreiche Möglichkeiten für Anleger, ihr Geld in verschiedene Einzelprojekte zu stecken. Dadurch sinkt das Risiko eines Komplettverlusts, was im Sinne des Anlegerschutzes sehr sinnvoll ist - ohne die Anleger direkt zu bevormunden. Schließlich ist nur das Einzel-, nicht jedoch das Gesamtinvestment begrenzt. Und das ist gut so. dro

In Netzwerken weiterempfehlen

Kostenfrei für Abonnenten

Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland

Unser Service für IZ-Abonnenten:
Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland - täglich aktuell, übersichtlich geordnet und kostenfrei!