Sie verwenden
iz.de als
Gastnutzer
Alle Leistungen ansehen

{{vm.izPaket[vm.user.izPaket].title}}

Ihre Leistungen

Politik | 28.03.2019

Aus IZ13/2019, S. 6

Von Robin Göckes

In diesem Artikel:
  • Personen:
    Lamia Messari-Becker
  • Immobilienart:
    Wohnen

Weg mit Ausreden und Feindbildern!

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Robin Göckes
Lamia Messari-Becker nimmt die Immobilienbranche in die Pflicht.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Robin Göckes

Lamia Messari-Becker arbeitet an der Schnittstelle eines sehr prominenten Konflikts: dem zwischen der sozialen Notwendigkeit, kostengünstig zu bauen, und der Klage darüber, dass dies mit all den Klimaschutzvorgaben fast nicht mehr möglich ist. Sie fordert mehr Ehrlichkeit in der Debatte - von der Politik und auch von der Immobilienbranche.

Immobilien Zeitung: Frau Messari-Becker, Ökologie und Ökonomie erscheinen oft noch immer als gegensätzlich, auch in der Immobilienbranche. Wie gehen Sie damit um?

Lamia Messari-Becker: Zunächst unbeeindruckt. Politisch ist es mir ein Anliegen, dass Ökologie und Ökonomie nicht gegeneinander ausgespielt werden. Aber dafür müssen viele Akteure aufeinander zugehen. In der Umweltszene herrscht oft ein Feindbild der Wirtschaft, das Gleiche gilt auch für das Bild der Umweltszene in der Wirtschaft. Umweltvorgaben provozieren in der Baubranche oft nur noch Kritik. Auf der anderen Seite ruft gefühlt jedes Bauprojekt sozialen Widerstand hervor, der oft auch mit Umweltschutzargumenten begründet wird. Um diese Herausforderungen gemeinsam zu lösen, müssen wir gewohnte Terrains verlassen.

IZ: Was meinen Sie damit konkret?

Messari-Becker: Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob wir 16 Länderbauordnungen brauchen. Wir müssen uns darüber unterhalten, wie eine interkommunale Politik über die Gemarkungsgrenzen hinweg gemeinsam Herausforderungen lösen kann, wie die Bebauungspläne der Zukunft aussehen können, ob wir bei der Umsetzung von Klimavorgaben weiter auf Gebäude setzen oder das Quartier als wirkungsvollere Ebene beachten wollen. Und wir müssen uns darüber unterhalten, was die Immobilienbranche tun kann. Es geht um zukunftsfähiges Bauen, es geht um lebenswerte Räume.

IZ: Was könnte die Branche tun?

Messari-Becker: Es kann keine Wertschöpfung ohne Wertschätzung geben. Die Baubranche muss eigene Konzepte für kostengünstigen, aber guten Wohnungsbau vorlegen und ihren Beitrag deutlich machen, etwa über standardisierte Bauweise, flächeneffiziente und flexible Grundrisse oder Nutzungsflexibilität. Im Übrigen bringen Klimaschutzvorgaben neue Geschäftsmodelle mit sich, etwa die Beteiligung an Mobilitätskonzepten wie Carsharing oder an der Erzeugung erneuerbarer Energien an Gebäuden. Es geht auch darum, durch Verantwortung Vertrauen wiederzugewinnen. Die Baubranche ist eine der stärksten Branchen Deutschlands und ist mit so vielen anderen Wirtschaftsbereichen verzweigt wie kaum eine andere. Aber damit ist eben auch eine große Verantwortung für die Umwelt und die Lebensqualität verbunden.

IZ: Und viel Geld.

Messari-Becker: Auch das, ja. Ich bin stolze Bauingenieurin und ich finde es in Ordnung, dass die Immobilienwirtschaft mehr als 350 Mrd. Euro jährlich umsetzt. Grundlage gesunden Wirtschaftens ist Kapital und Rendite, das ist klar. Das ist aber nur so lange in Ordnung, wie jeder Mensch im wohlhabenden Deutschland einen Platz zum Wohnen finden und auch bezahlen kann. Das ist gegenwärtig nicht der Fall. Immobilienentwickler, Bund, Kommunen, Städte, Planer - alle haben zweifelsohne ihren Anteil an dieser Situation. Die Diskussion um Enteignungen in Berlin ist genau der soziale Sprengsatz, vor dem ich schon länger warne.

IZ: Nun gibt es nicht wenige Stimmen aus der Branche, die sagen, günstigem Bauen stünden die Klimaschutzvorgaben im Weg. Ist das denn falsch?

Messari-Becker: Losgelöst von allem anderen, ist es oft eine Ausrede. Die aktuellen Wohnpreise sind nicht mit Umweltstandards erklärbar. Besser wäre es für alle Beteiligten, nach dem Leitspruch "Weniger ist mehr" zu handeln und die Qualitäten mit weniger Technikaufwand zu erreichen. Wir alle, Entwickler, Investoren, Planer, Verwaltung und Politik, müssen uns ehrlich machen. Es ist nicht so, dass der Klimawandel uns heute nichts kostet. Wir brauchen Klimaschutz, auch aus ökonomischer Sicht, nach dem Motto "lebe von den Erträgen, nicht von der Substanz". Die Ressourcen, unsere Lebensgrundlagen, sind begrenzt. Zudem sollten Investitionskosten nicht mit Lebenszykluskosten vermischt werden. Es gibt Bauherren, die Energieplushäuser bauen oder nachhaltige Materialien einsetzen. Diese sind augenblicklich zwar teurer, langfristig aber günstiger, weil die Wartung weniger kostet. Das ist gut angelegtes Geld, wenn die Objekte in ihrem Eigentum bleiben.

IZ: Wenn es nicht die Standards sind, die Bauen und Wohnen teurer machen, was dann?

Messari-Becker: Die Gründe sind vielfältig. Einerseits haben sich Bund, Länder und Kommunen zu lange aus dem Wohnungsbaugeschäft zurückgezogen, und das in Zeiten des Zuzugs in die Städte. Es herrscht Wohnraumknappheit und wir brauchen auch deshalb eine aktive Bodenpolitik. Man hat nichts gegen die Spekulationen im Bodenmarkt getan. Zudem gibt es einen Baukostenanstieg, der technische Gründe hat - und ja, dazu gehören auch Standards. Die Kosten des technischen Ausbaus sind in den letzten 15 Jahren um mehr als 45% gestiegen. Aber andererseits müssen wir uns fragen, ob wir diese Standards denn nicht im Grunde alle wollen. Es geht doch um Qualitäten, auf die niemand verzichten will, von Wärmeschutz, Schallschutz, über Brandschutz bis hin zur Barrierefreiheit.

IZ: Ein Grund für die hohen Preise ist die Flächenknappheit. Sie treten für mehr Grün in der Stadt ein. Wie passt das zusammen?

Messari-Becker: Fläche ist eine nicht vermehrbare Ressource und ist damit natürlich ein Zankapfel der Stadtentwicklung. Und natürlich stehen bestimmte Bedürfnisse in Konkurrenz zueinander. Mehr Grün ist mehr Lebensqualität, mehr Kühlung und saubere Luft, mehr Klimaanpassung und mehr Attraktivität des Ortes. Aber ohne bezahlbaren Wohnraum und Infrastruktur kippt die Situation ebenfalls. Konflikte sind deshalb gerade beim Flächenmanagement grundsätzlich gegeben. Aber Fehlentwicklungen, etwa zu viel Versiegelung, müssen vor Ort und gezielt korrigiert werden.

IZ: Ist das Wachstum in der Fläche ein möglicher Ausweg?

Messari-Becker: Wenn Nachverdichtungspotenziale ausgeschöpft sind, dann ist die Außenentwicklung ein möglicher Schritt, da bin ich Realistin. Allerdings ist hier eine gute Infrastruktur wichtig. Ansonsten schafft man isolierte Wohnsiedlungen, deren Bewohner täglich im Stau stehen. Auch Tauschbörsen können Wohnraum aktivieren, etwa wenn ältere oder kinderlose Haushalte weniger Wohnfläche als junge Familien benötigen. Und ein Bestandsbaurecht kann viele Gebäude nutzbar machen, anstatt sie abzureißen, weil Sanierungen nicht automatisch rentabel sind. Der Bestand ist ein Rohstofflager. Allgemein sind kompakte Bauweisen, Mischnutzungen und multifunktionale Flächen zu bevorzugen.

IZ: Damit bringen Sie einen erweiterten Nachhaltigkeitsbegriff ins Spiel.

Messari-Becker: Richtig. Denn nachhaltiges Bauen ist die Haltbarkeit unseres Tuns im Umgang mit allen Ressourcen. Bauen steht für viele Umwelteffekte, etwa für ca. 40% des Energieverbrauchs und CO2-Ausstoßes, ca. 50% des Abfallsaufkommens und etwa 70% des Flächenverbrauchs. Bereits heute konzentriert sich 75% des Ressourcenverbrauchs in Städten. Daher wird es keinen funktionierenden Klimaschutz ohne den Bausektor und ohne Stadtplanung geben können. Aber eine Ansammlung energieeffizienter Gebäude macht eben noch kein nachhaltiges Quartier aus. Ohne Verkehrsinfrastruktur und nahe Versorgung verschieben wir den Energieverbrauch vom Gebäude auf die Straße. Wir müssen die Dinge zu Ende denken.

IZ: Was gehört noch dazu?

Messari-Becker: Ein sparsamer Umgang mit Fläche, Materialien, Wasser, Energie, aber auch soziokulturelle Werte wie Stabilität, Wohlbefinden und gute Nachbarschaft. Denn jenseits energetischer und materieller Fragen ist ein Bauwerk nur dann nachhaltig, wenn es seine soziale Aufgabe gut erfüllt und auch deshalb gerne und lange genutzt wird.

IZ: Das setzt aber voraus, dass sich wandelnde Anforderungen langfristig in der Projekt- und Stadtentwicklung vorausgesehen werden. Ist das so einfach möglich?

Messari-Becker: Flächensparsame, nutzungsflexible und ressourcenschonende Bauten sind das Gebot der Stunde. Denn bestimmte Entwicklungen sehen wir ja ganz deutlich. Immer mehr Menschen leben in immer mehr Metropolen. Im Jahr 1950 lebten weniger als 30% der Weltbevölkerung in Städten, im Jahr 2015 schon 50%. 2050 sollen es etwa 70% sein. Die Globalisierung geht mit Urbanisierung und Verstädterung einher. Und auch das Verhalten der Menschen ändert sich.

IZ: Inwiefern?

Messari-Becker: Menschen werden immer mobiler, Haushalte immer kleiner. Diese Dynamik bringt einen gewissen Bedarf an temporärem Wohnen mit sich. Das mag heute vielen als Mode erscheinen, kann aber durchaus auch ältere Menschen erfassen, die etwa ab einem bestimmten Alter in die Stadt ziehen, um eine optimale Versorgung zu genießen. Für eine bestimmte Dauer kann es ökonomisch sinnvoll sein, keine Wohnung zu mieten oder zu kaufen, sondern die Wohnsituation und die dazugehörige Organisation quasi extern zu vergeben. Die Herausforderung liegt darin, solche Angebote zu schaffen ohne den Bedarf an regulärem Wohnraum zu vernachlässigen. Und es ist eine Chance für einfaches Bauen, ohne Qualitätseinbußen. Dennoch stellen sich für mich auch kritische Fragen.

IZ: Etwa?

Messari-Becker: Wie verändert sich eine Nachbarschaft? Übernehmen am Ende IT-Unternehmen die Bauaufgabe? Hier muss die Baubranche genau hinschauen. Am Ende könnte so viel Digitalisierung und Robotik dazu führen, dass die Baukonzerne Google und Apple heißen. Diese Entwicklung muss auch stadtentwicklungspolitisch begleitet werden.

IZ: Fälle, in denen eine Immobilie wirtschaftlich nicht mehr zu retten ist, wird es aber trotzdem immer geben. Gibt es dann aus ihrer Sicht eine Alternative zum Abriss?

Messari-Becker: Der Bestand ist ein Rohstofflager, das Materialien und Energie gebunden hat. Und es stimmt, dass Abriss und Neubau verbunden mit entsprechendem Ressourcenverbrauch oft als Automatismus erscheinen, wenn sich Sanierungen als unwirtschaftlich erweisen. Aber das muss nicht so sein. Wenn der Bestand leichter nachrüstbar wäre, indem wir aufeinander abgestimmte Methoden und Bauteile bei Sanierungsplänen anwenden, dann wäre für die Umwelt etwas gewonnen. Wir brauchen hierzu gesetzliche Initiativen, etwa ein Bestandsbaurecht und eine Nachrüstungstechnik, die Umweltvorgaben erfüllen können.

IZ: Dann wären wir wieder bei der Politik. Ist die Aufteilung der Zuständigkeiten für Bauen und Umwelt in zwei Ministerien sinnvoll?

Messari-Becker: Ich wünsche mir, dass die Feindbilder zwischen der Industrie- und Umweltszene abgebaut werden. So sehr die Wirtschaft ökonomische Ziele verfolgt, ist sie doch Teil der Gesellschaft, die das Ergebnis des Wirtschaftens, die gebaute Umwelt, lange tragen muss. Der deshalb nötige Austausch gelingt innerhalb eines Ministeriums besser. Das hat die Vergangenheit gezeigt. Durch das Zusammenlegen von Bauen und Umwelt fanden wichtige Aspekte in die Entwicklung von politischen Umweltinstrumenten Eingang, etwa die Machbarkeit oder Finanzierbarkeit. Gleichzeitig werden nun mehr Nachhaltigkeitsaspekte in der Städtebauförderung, etwa Stadtgrün oder soziale Stadt, der Forschung und der Innovationspartnerschaft berücksichtigt. Ich sehe all das als Gewinn an. Eine Bündelung von Bauen, Stadt- und Raumentwicklung wäre auch gut denkbar, gerade in Anbetracht der Aufgaben, die sich bei den Themen Wohnen, der Beziehung von Stadt und Land, dem Gebäudeenergiegesetz und dem Klimaschutzgesetz ergeben.

IZ: Frau Messari-Becker, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Robin Göckes.

Lamia Messari-Becker wird beim 3. Jahreskongress Temporäres Wohnen von Heuer Dialog am 11. und 12. April in Köln einen Vortrag mit dem Titel "Wohnen, Mobilität und Stadtentwicklung - Anders" halten. Mehr Informationen gibt es unter der Adresse www.heuer-dialog.de.

Nachhaltigkeit ist ihr Steckenpferd

Lamia Messari-Becker ist Bauingenieurin, Stadtplanerin, Energieexpertin und Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik. Sie war Leiterin und Partnerin eines international agierenden Ingenieurbüros. Messari-Becker ist Mitglied im Fachbeirat der Internationalen Bauausstellung Thüringen sowie im Expertenkreis der Forschungsinitiative Zukunft Bau. Als Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen berät sie die Bundesregierung, tritt für mehr Nachhaltigkeit im Bau und in der Stadtentwicklung sowie einen neuen Nachhaltigkeitsbegriff ein. rgo

In Netzwerken weiterempfehlen

Kostenfrei für Abonnenten

Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland

Unser Service für IZ-Abonnenten:
Alle Zwangsversteigerungen in Deutschland - täglich aktuell, übersichtlich geordnet und kostenfrei!