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Veranstaltungen | 07.03.2019

Aus IZ10/2019, S. 1

Von Monika Leykam

In diesem Artikel:

Die Mipim wird 30

Konfetti: Quelle: Fotolia.com, Urheber: radenmas; Kerzen: Quelle: Fotolia.com, Urheber: Alex_Po; Immobilien auf Untergrund: Quelle: Fotolia.com; Urheber: Sergey Nivens
Seit 30 Jahren feiert sich die internationale Immobilienbranche jedes Jahr in Cannes - nach einem harten Arbeitstag, versteht sich.

Konfetti: Quelle: Fotolia.com, Urheber: radenmas; Kerzen: Quelle: Fotolia.com, Urheber: Alex_Po; Immobilien auf Untergrund: Quelle: Fotolia.com; Urheber: Sergey Nivens

Das Ausstellungsgebäude Palais des Festivals ist ein architektonischer Albtraum, der Eintritt kostet so viel wie mancher Gebrauchtwagen, und die Anreise ist häufig mühsam. Es gibt viele Gründe, nicht auf die Mipim zu fahren. Trotzdem geht die Messe in Cannes dieses Jahr in ihre 30. Runde und ist beliebter denn je. Teilnehmer sagen: Hier sind Dinge möglich, die anderswo nicht passieren würden.

1993 fuhr Beate Lichner für die Wirtschaftsförderung Ludwigshafen zum ersten Mal zur Mipim. Sie war neugierig, was es auf sich hatte mit dieser ersten internationalen Messe für die Immobilienwirtschaft. "Als ich zurückkam, fragte mich mein Aufsichtsrat sofort: Und, haben Sie was verkauft?" Hatte sie nicht, trotzdem reiste sie im Folgejahr mit dem kompletten Modell des Ludwigshafener Großprojekts Rheinufer Süd nach Cannes.

Die Briten interessierten sich nicht für Ludwigshafen

Billig war die Sache selbst in den frühen Jahren nicht: Knapp 3.000 D-Mark mussten Besucher seinerzeit für ein Messeticket auf den Tisch legen, und die Hotelpreise passten sich blitzschnell an die kaufkräftigen Besucher an. Das machte es nicht einfacher, zuhause ein Budget für den Aufenthalt an der Côte d'Azur durchzudrücken. Doch wer es nach Cannes geschafft hatte, wurde belohnt: "Das von Anfang an hohe Preisniveau war eine bewusste Strategie, den Event exklusiv zu halten. Dadurch bekam die Veranstaltung einen gewissen Clubcharakter, es war nicht besonders schwierig, neue Kontakte zu knüpfen", erinnert sich Lichner.

Die angereisten Briten ("man erkannte sie sofort an ihrem Habitus und ihren RICS-Ansteckern") interessierten sich allerdings nicht für Ludwigshafen, wollten lieber in Berlin oder Frankfurt investieren. Gelohnt hat sich die Reise für Lichner trotzdem. Denn in Cannes kam sie mit Karl Norbert Fay, einen Entwickler aus dem benachbarten Mannheim, ins Gespräch. Und gewann ihn als Bauherrn für das Ostasieninstitut, das sie unbedingt in einem attraktiven Neubau am Rheinufer ansiedeln wollte. Eine typische Mipim-Geschichte: Ein deutsches Grundstück links des Rheins findet einen deutschen Investor von der rechten Rheinseite, weil beide Parteien an der südfranzösischen Küste zusammensitzen. Natürlich hätten sie sich auch daheim verabreden können, sagt Lichner, "aber da wäre die Atmosphäre nicht so entspannt gewesen, und mein Modell hätte ich auch nicht dabeigehabt."

Peter Rösler, der Späher

Peter Rösler von BNP Paribas Real Estate hat seit 1990 keine einzige Mipim ausgelassen. Als "Späher" für die Frankfurter Niederlassung des Maklerhauses Müller International reiste der Mann der ersten Stunde zur Messepremiere. "Wir wussten nicht so recht, was davon zu halten war, dass sich ausgerechnet die Immobilienbranche dort treffen sollte, wo Glamour und Champagner zuhause sind." Rösler fand eine gut gebuchte und lebhaft besuchte Veranstaltung vor, auf der sich vor allem Franzosen und Engländer tummelten. Dass Cannes keine Eintagsfliege sein würde, war ihm sofort klar. "Das Jahr drauf kamen wir wieder, mit eigenem Stand und einer größeren Delegation."

Die Frage, ob und warum genau die jährliche Pilgerfahrt nach Cannes angetreten werden muss, ist bis heute ritueller Bestandteil eines ordentlichen Messe-Smalltalks. Der frühere Drivers-Jonas-Makler Rod Jones, Mipim-Mann seit 1992, zitiert einen britischen Kollegen mit den treffenden Worten: "Die Mipim hat das ultimative Negativbranding perfektioniert: Keiner kann es riskieren wegzubleiben, weil er dann niemals herausfinden wird, welche Chance er verpasst hat." Jones selbst formuliert es so: "Auf der Mipim zu sein hilft, den eigenen Markt und die eigene unternehmerische Strategie zu hinterfragen. Eine Reise nach Cannes kann kräftezehrend sein, aber sie ist belebend und inspirierend."

Ulrich Jacke und die ewige Frage: Was tun wir hier eigentlich?

1994, als Beate Lichner in Cannes schon ihr Rheinufer-Süd-Projekt vermarktete, besichtigte Ulrich Jacke vom Maklerhaus Dr. Lübke zum ersten Mal den internationalen Branchentreff. "Wir haben uns erst alle gefragt: Was tun wir hier eigentlich?", erinnert er sich. "Und dann haben wir gleich einen Riesenauftrag akquiriert. Von einem deutschen Kunden." Wie es dazu gekommen ist, weiß er bis heute nicht genau. "Wir waren eben zur rechten Zeit am richtigen Ort."

Zum richtigen Ort wird eine Messe besonders dann, wenn sie die höchstmögliche Dichte an Entscheidern erzeugen kann. Das weiß auch der amtierende Mipim-Direktor Ronan Vaspart: "Es macht ja genau die Mipim aus, dass die Immobilienprofis wissen: Hier kann ich einfach jeden treffen, alle sind da. Würden weniger Leute nach Cannes kommen, wäre genau das nicht mehr geboten." (Lesen Sie dazu: "Die Qualität der Besucher hochhalten").

Was die Mipim aber mindestens ebenso sehr ausmacht, ist das Umfeld des - weder schönen noch funktionalen - Ausstellungsgebäudes. Das Zentrum des romantischen Badeorts entfaltet mit den ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne einen geradezu legendären Flair. Für die Bewohner der Nordhalbkugel markiert Cannes den Frühlingsanfang des neuen Geschäftsjahrs und verschafft ihnen eine kleine Flucht aus dem Arbeitsalltag unter die Palmen der Strandpromenade.

Politiker stolpern über Bilder mit Champagner und Palmen

Manager, die sich jederzeit und für jedes Budget üppige Urlaube an tropischen Traumstränden kaufen können, schwärmen vom mild-frischen März in Cannes, als wäre diese dreitägige Dienstreise ihr einziger Jahresausflug vom heimischen Schreibtisch. "Es ist der Wechsel", erklärt Ulrich Jacke dieses Phänomen. "Die Leute kommen aus ihrer grauen kühlen Bürowelt und steigen bei 17 Grad aus dem Flieger. Und plötzlich sind alle offen und gesprächsbereit."

Das idyllische Strand-Setting birgt aber auch Gefahren. Regelmäßig stolpern Politiker oder Wirtschaftsförderer über Bilder, die den Daheimgebliebenen statt hart arbeitenden Amtsträgern heiter plaudernde Menschen zwischen Palmen, Booten und Hotelpalästen präsentieren. Vergangenes Jahr stürmten Reporter von Frontal 21 auf der Jagd nach pikanten Aufnahmen für die Dokumentation "Teurer Wohnen" die Terrasse des Berlinstands. Ihr Ziel: Die Berliner Linken-Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher. Vor dem Hintergrund des Yachthafens und feiernder Herren in dunklen Maßanzügen befragten die Fernsehleute Lompscher zur Notlage von Berliner Geringverdienern, die unter saftigen Mieterhöhungen stöhnten.

.... dann war es vorbei mit dem Boot

Auch Michael Josipovic, Leiter Standortmarketing bei der Stadt Köln, bekam den Cannes-Effekt zu spüren. "Wir hatten die Vorgabe, Köln auf der Messe attraktiv zu präsentieren, und einmal gab es keine Tageslichtflächen im Palais mehr. Also buchten wir eine Yacht. Das ging zwei Jahre gut, bis der Kölner Express groß aufmachte mit einem Bericht, die Stadt hätte mit dem Boot 86.000 Euro auf einer Luxusparty verjubelt."

Dass mit diesem Betrag alle Kosten inklusive Catering und Übernachtungen abgedeckt wurden, konnte den Aufschrei der Daheimgebliebenen nicht dämpfen. "Damit war es mit der Yacht vorbei." Vorbei ist es auch mit den Senatorenbesuchen am Berlinstand - Lompscher lässt sich diesmal von einem Staatssekretär vertreten, mutmaßlich um weitere einschlägige Fernsehbilder zu vermeiden.

Quelle: Immobilien Zeitung
So sah es 2004 rund um das Palais des Festivals aus. Kein Zelt weit und breit.

Quelle: Immobilien Zeitung

Köln war nicht der einzige deutsche Aussteller, der in der 30-jährigen Mipim-Geschichte die Flucht aus den dunklen, niedrigen Gängen des Palais des Festivals probte. In den ersten Jahren gelang es dem Veranstalter noch, die Aussteller mit dem Untergeschoss - allseits nur "Tiefgarage" genannt - zufriedenzustellen. Doch der deutsche Traum vom Platz an der Sonne wurde stärker.

Spätestens seit der Jahrtausendwende, als die Dresdner-Bank-Immobiliengruppe mit einem üppigen sechsstelligen D-Mark-Budget die Aussichtsterrasse im vierten Obergeschoss des Palais eroberte, zog es auch die übrigen Städte und Firmen magisch ans Tageslicht. Mit Abstand am beliebtesten bei den Deutschen: die sonnigen Terrassenstände von Frankfurt und München.

Auf der Terrasse ist kein Platz mehr frei

"Die Schlange der Interessenten aus dem In- und Ausland, die den Münchenstand buchen möchten, ist sehr lang", lächelt Claudia Roehl, die bei der Agentur Runze & Casper seit fast 20 Jahren die deutschen Mipim-Aussteller betreut. "Die guten Sonnenplätze sind mittlerweile fast alle in deutscher Hand." Roehl sagt das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. "Es gibt kein Wachstumspotenzial für weitere Stände mit Terrassenzugang mehr."

Wer einen eigenen Auftritt mit Meerblick wolle, dem könne sie nur noch kleine Einzelzelte anbieten, wie sie seit einigen Jahren das Flachdach des Pavillons und die angrenzende Meerespromenade besiedeln. Bis heute hätten sich allerdings konsequent alle Kunden diesen sogenannten Seaview Suites verweigert. Eine richtige Erklärung dafür hat sie nicht: "Der Deutsche will einfach keine Geschäfte in einem Zelt machen."

"Der Deutsche will nicht ins Zelt"

Ihren zahlenmäßig größten Auftritt als Aussteller hatten die Deutschen auf der Mipim 2001. Dass sie seitdem nicht über den dritten Rang hinter den in Massen anreisenden Franzosen und Briten hinauskamen, erklärt Roehl mit zwei Faktoren. Zum einen habe der Mangel an attraktiven Standplätzen die Lust, selbst auf der Messe auszustellen, gedämpft. Zum anderen habe seit der Jahrtausendwende die Expo Real als Konkurrenzveranstaltung in München einen Teil der deutschen Profis abgesaugt. So auch Beate Lichner, die heute als Projektentwicklerin in der Schweiz arbeitet und Cannes den Rücken gekehrt hat: "In vielen Bereichen lässt sich die Mipim mittlerweile gut durch die Expo ersetzen."

Die Sonne, das Ambiente, die hohen Kosten - nicht nur in den Medien hat die französische Frühjahrsveranstaltung das Image einer Spaßveranstaltung, auch in weiten Teilen der Immobilienbranche wird sie nicht gerade als Arbeitsmesse wahrgenommen. Was den erfahrenen Mipimgästen regelmäßig den Kamm schwellen lässt. Anfangs habe es sicher einige Besucher gegeben, die den Tag mit Sonnenbaden verbrachten, räumt Mipim-Veteran Rösler ein. "Aber längst wird hier genauso viel gearbeitet wie in München. Die Termindichte hat sich über die Jahre immer weiter intensiviert, ohne sorgfältige Vorbereitung läuft gar nichts mehr."

Der Aufwand der Anreise verleiht Prestige

Wirtschaftsförderer Josipovic beschreibt den Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit so: "Auch wenn es für viele Normalbürger unverständlich klingt: Ein Glas Champagner mit einem Investor in der Sonne von Cannes kann mehr Ergebnisse bringen als zwei Wochen Arbeit am Schreibtisch daheim."

Beate Lichner hat eine psychologische Erklärung für dieses Phänomen. Der finanzielle Aufwand, den eine Stadt oder ein Entwickler mit seiner Teilnahme an der Mipim in Kauf nehme, werde von potenziellen Geschäftspartnern als Beleg für ernsthafte Absichten gewertet, sagt sie. "Wer sich auf der Mipim zeigt, hat gleich ein ganz anderes geschäftliches Standing."

Udo Bausch, heute Oberbürgermeister von Rüsselsheim und zuvor viele Jahre für die Wirtschaftsförderung Frankfurt auf der Mipim, erinnert sich: "Zu unserem Mipim-Essen mit der Frankfurter Oberbürgermeisterin sind Entscheider gekommen, die sonst nie erschienen wären. Und dass ein internationaler Investor wie Bouwfonds das Shoppingcenter My Zeil entwickeln wollte, verdanken wir sicher unserem Mipim-Auftritt."

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