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Märkte | 24.01.2019

Aus IZ04/2019, S. 25

Von Gerda Gericke

In diesem Artikel:

Wittenberge ist ein wahres Juwel

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Lea Gericke
Die rheinische Frohnatur Udo Krollmann freut sich des Lebens, sowieso, und über den Kauf eines ganzen Platzes einen Steinwurf vom Rathaus entfernt erst recht.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Lea Gericke

Wittenberge. Der westfälische Investor Udo Krollmann steckt sein Geld landauf landab in Wohn- und Gewerbeimmobilien. Jetzt auch im brandenburgischen Wittenberge, wo es an manchen Stellen noch aussieht, als wäre der Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs erst vorgestern verebbt. Für die Stadt spricht: Sie liegt genau zwischen der Bundeshauptstadt Berlin und Hamburg, der Hauptstadt der Millionäre. Mit dem Zug brauchen Pendler in beide Städte, die Arbeit bieten, aber viel zu wenig bezahlbare Wohnungen, eine knappe Stunde.

Es ist kalt dieser Tage in Wittenberge. Und nass. Und ungemütlich. Doch die rheinische Frohnatur Krollmann stört das nicht die Bohne. Begeistert stapft der Unternehmer über den Heinrich-Heine-Platz in der nach Potsdam und Cottbus drittgrößten Stadt des Landes Brandenburg, umkurvt zahlreiche Hundehaufen und breitet die Arme aus. Seins. "Udo Krollmann, Investor" hat sich der fast 70-Jährige, aber viel jünger wirkende Mann mit dem verschmitzten Lächeln auf seine Visitenkarte drucken lassen. Sonst nix.

Sein kleines Imperium liegt einen Steinwurf vom Rathaus der 17.400 Einwohner zählenden Stadt im äußersten Westen des Landes entfernt. Gekauft hat der aus Hagen stammende Nordrhein-Westfale alle Gebäude rund um den Platz, die direkt angrenzende Adresse Ernst-Thälmann-Straße 10 sowie die Rathausstraße 1-3, gleich gegenüber dem Büro des Bürgermeisters. Verkäufer der denkmalgeschützten verfallenen Pracht waren die städtische Wohnungsbaugesellschaft WGW sowie Privatleute.

Krollmann liebt Zugfahrten ins brandenburgische Flachland, auch wenn der Speisewagen wie an diesem kalten Wintertag zu hat, die Heizung nicht geht und nicht mal ein mobiler Kaffeeverkäufer an Bord ist. "Macht nix", sagt er, "in Wittenberge kochen die uns bestimmt einen schönen Kaffee."

Die, das sind Andreas Ditten, Geschäftsbereichsleiter beim Landkreis Prignitz, sowie Uwe Büttner, Geschäftsführer der regionalen Wirtschaftsfördergesellschaft. Beide Männer wirken, als könnten sie ihr Glück kaum fassen. Ein Mann mit Geld kommt mit dem Zug. Persönlich, statt einen dreisprachigen alerten Real-Estate-Sonstwas-Jüngling zu schicken, der lange studiert hat, klug redet und eine Gesellschaft aus Luxemburg vertritt, die Betongold sammelt. Und von der sie nicht wissen, ob sie die erworbenen Gebäude nicht einfach nur in ein Portfolio packt und vergammeln lässt. Oder gleich irgendwelches Geld damit wäscht. Krollmann ist ein Macher. Und wurde vor Ort für schwer genug befunden.

"Wir haben schon genau geguckt, was das für einer ist", sagt auch der Leiter des Bauamts der Stadt an der Elbe, Martin Hahn. Ein wenig schillernd, aber grundsolide, lautet das Urteil der Fachleute vor Ort. "Wir trauen ihm die Aufgabe zu."

Gelernt hat Krollmann Einzelhandelskaufmann. Sein erstes richtiges Geld verdient hat er in den 70er Jahren als Autovermieter, immer noch im Rheinland. Auch beim Einstieg in die Immobilienbranche blieb er der Region treu. Erst Ende 2003, ein Teil seines Portfolios veräußerte er damals an einen Frankfurter Investor, verschlug es ihn in die deutsche Hauptstadt, witterte er hier ein gutes Geschäft. Mittlerweile ist er an der Spree an neun Standorten vertreten. Und nun Wittenberge in der Prignitz, mit 36 Einwohnern pro Quadratkilometer der bevölkerungsärmste Landkreis in Deutschland. In Berlin drängeln sich rund 4.000 Menschen auf einem Quadratkilometer.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Lea Gericke
Die ehemalige Geburtsklinik: Hier ist ein Apartment- und Boardinghaus geplant.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Lea Gericke

Vorsichtig betritt der solchermaßen mit Vorschusslorbeeren Behängte einen der verrümpelten Höfe am Platze. "Das wird alles anders hier", sagt er mit großer Geste. Da kämen Bäume hin, die kauft er in Holland, und einen Bagger schafft er auch an, denn der Dreck muss weg. Ein Gerüst hat er schon erworben. "Viel besser als mieten bei diesen vielen Häusern. Kann man ja später wieder verkaufen", erklärt der praktische Westfale.

Errichten lässt der Wessi Zwei- bis Vierzimmerwohnungen, zwischen 40 und 120 m² groß. Noch sehen Fenster, Türen, Wände und Böden kaputt, verwohnt, zerstört, sprich: furchtbar aus. "Doch das wird", weiß Krollmann. "Mit so was habe ich Erfahrung." Im Haus Nr. 7, einer ehemaligen Poliklinik, will Krollmann Apartments unterbringen. "Urlaubswohnungen für Fahrradtouristen", strahlt er. Der beliebte Elberadweg ist 1 1/2 km entfernt.

Vor dem Haus in der Ernst-Thälmann-Straße, dem prächtigen ehemaligen Geburtshaus der Stadt, wartet Uwe Krakowsky, Typ Hausmeister, mit Blaumann und abgearbeiteten Händen. Krakowsky passt auf, dass es nirgends reinregnet und dass niemand was klaut. Denn das sei auf Baustellen nicht nur in Wittenberge leider an der Tagesordnung, sagt der Eigentümer. Gerade haben Diebe irgendwelche Bleche mitgenommen. Kurz fachsimpeln beide Männer, wie das in Zukunft zu verhindern sei.

Geplant ist auf den vier Etagen im früheren Entbindungsheim ein Apartment- und Boardinghaus für Kurz- und Langzeitmieter. "Damit erfüllen wir einen Wunsch der Stadt und örtlichen Unternehmen, Mitarbeitern und Gästen einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen", sagt Krollmann artig. Hinzu kommt: Das passt. Von jeweils einer großen Art Diele, wo seinerzeit sicherlich Schwestern und Pfleger am Empfang saßen, gehen jede Menge kleine Zimmer ab. Die Vorgabe an seine Planer lautet, passend zur Stadt und zur Region: bodenständig. "Wir bauen den Standard eines Motel-One-Hotels", sagt der quirlige Charmeur. "Nur schöner."

Krollmann glaubt an Wittenberge. Die Banken aber noch nicht. 10 Mio. Euro (Kauf inklusive) steckt der Unternehmer in das Unterfangen, bei dem am Ende 7.000 m² Wohn- und Gewerbefläche herauskommen sollen. Das Geld wird vorgeschossen und nachfinanziert, erläutert der Investor. Dank der steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten bei Investitionen in Denkmalimmobilien sei das wirtschaftlich darstellbar. "Außerdem machen wir nicht alles auf einmal. Wir sanieren, vermieten, sanieren, vermieten. Dann ziehen die Banken nach."

Vermieten will Krollmann für "an die 10 Euro/m²". Was für Berliner und Hamburger Verhältnisse für runderneuerte Altbauten mit hohen Fenstern und Holzfußböden ein Traum ist, ist für Wittenberger Verhältnisse aber ambitioniert.

Laut Mietspiegel kostet eine Durchschnittswohnung hier 5,20 Euro/m². Seine Schätze an den Mann oder die Frau zu bringen, ist Krollmann aber nicht bange. Obwohl die Bauarbeiten erst Ende März beginnen sollen, rufen die Leute schon an, sagt er. Die Bauschilder vor dem Haus versprechen Großes. Auch Wirtschaftsförderer Büttner hält die Preise für durchsetzbar. Hochwertige Wohnungen seien Mangelware. Zuzügler mit Ansprüchen würden oft nicht fündig.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Lea Gericke
Alles seins: Krollmann hat alle Häuser rund um den Heinrich-Heine-Platz erworben.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Lea Gericke

Kennengelernt haben sich der umtriebige Geschäftsmann und die Wittenberge-Werber auf der Gewerbeimmobilienmesse Expo Real im Jahr 2015 in München. Im Jahr darauf war Krollmann das erste Mal vor Ort. Im selben Jahr begann er zu kaufen.

An der spröden Prignitz gefällt dem blumig formulierenden Westfalen: Die Region hat ihm einen roten Teppich ausgerollt. Baugenehmigungen gibt es schnell und zeitnah, der parteilose Bürgermeister Oliver Hermann ist zu sprechen, Bauamt und Wirtschaftsförderer heißen ihn willkommen. Denn sie haben ihn nötig. Dass Straßen und Häuser mancherorts noch aussehen wie gleich nach 1945, lockte jahrelang Filmteams in die maroden Straßenzüge, um Untergangsszenarien zu drehen. Schuld daran ist der nach der Wende eingesetzte wirtschaftliche Niedergang der gewachsenen Industriestadt mit Nähmaschinenwerk, Ölmühle, Zellstofffabrik und einem Ausbesserungswerk der Bahn. Die Stadt hat jeden dritten Einwohner verloren. Die verbliebenen Wittenberger wohnten nach der deutsch-deutschen Vereinigung lieber weiter in ihrer Platte, da nach 1990, wie anderswo auch, die Platten als erstes saniert wurden. Das war billiger und unkomplizierter, als Altbauten anzufassen. MIt der fatalen Folge, dass die Häuser aus dem vorvergangenen Jahrhundert verfielen. Ihnen neues Leben einzuhauchen, ist ein mühsamer Prozess. Und teuer. 2018 flossen 2 Mio. Euro öffentliche Fördergelder allein nach Wittenberge, sagt Hahn.

Bahnhof verstehen, lautet die Grundformel, nach der die Stadt den Aufschwung schaffen soll. Moderne Pendler, so die Überlegung, fahren statt mit dem Auto lieber mit dem Zug. Darauf setzt die Stadt an der Elbe mit ihrem noch von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeweihten Bahnhof. Eine Stunde pendeln, sagen die Experten, nehmen die Menschen in den Metropolen längst in Kauf. Doch anders als früher wird nicht mehr überlegt: Wie lange brauche ich mit dem Auto zum Arbeitsplatz, sondern: Wie komme ich da am schnellsten hin? Hahn lebt in der Stadt und kennt die Pendelei aus dem Familien- und Freundeskreis. "Da findet ein Umdenken statt", sagt der ernste, freundliche Mann.

Seine frisch erworbenen, in eineinhalb Jahren sanierten Schätze will Krollmann zunächst allesamt behalten. Selbst den Betrieb des Boardinghauses kann sich Krollmann vorstellen. Der Endsechziger hat vier Söhne, zwischen 23 und 49 Jahre alt. "Alle sind im Unternehmen beschäftigt", sagt der Patriarch stolz.

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