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Digitales | 15.11.2018

Aus IZ46/2018, S. 1

Von Ulrich Schüppler

In diesem Artikel:

Silicon Germany?

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Antonio
Ist Deutschland ein Standort, an dem es einen zweiten Steve Jobs geben könnte?

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Antonio

Im Rennen der globalen Start-up-Mekkas ein zweites Silicon Valley schaffen zu wollen, scheint im traditionell dezentral aufgestellten Deutschland unmöglich. Doch eine Start-up-Kultur gibt es trotzdem - und die verändert gerade die Wünsche, die Nutzer an ihre Büroflächen haben.

Ach, was waren das für Bürovermieter in Frankfurt noch für schöne Zeiten! Zur Zeit der Dotcom-Blase am Beginn des Jahrtausends, da war die Bankenstadt mit Start-ups geradezu vollgepflastert. Und die steckten ihr Investorengeld bereitwillig in jeden noch so schäbigen Büroraum, nur um eine Adresse in der Mainmetropole vorweisen zu können. Heute sind die Anforderungen von Start-ups an die Ausstattung von Büroraum und die Flexibilität der Mietverträge deutlich andere. Die Lösung lautet vielerorts Coworkingspace. Doch davon gibt es bereits so viel, dass alle deutschen Start-ups zusammen sie nicht mehr füllen könnten. So hebt der Standortwettbewerb ganz nebenbei die Erwartungshaltung der Büromieter insgesamt.

Frankfurt hat im Start-up-Rennen momentan nicht unbedingt die Nase vorn. "Wir sind derzeit in zwölf Fintech-Start-ups investiert, von denen fünf ihren Sitz in Deutschland haben", sagt Paul Morgenthaler, Senior Investment Manager bei Commerz Ventures. "Von diesen fünf befindet sich eines in München, eines in Heidelberg und drei in Berlin. Frankfurt hat bisher gar nicht die Masse an Fintech-Start-ups, die wir uns ansehen müssen, bevor wir zu einer Investmententscheidung kommen", fügt Morgenthaler hinzu, der an diesem 31. Oktober auf Einladung des ZIA im Frankfurter TechQuartier zusammen mit einem Technologieanalysten und einem Vertreter der Wirtschaftsförderung über die Zukunft der Bankenstadt als Start-up-Standort diskutiert. Die Wirtschaftsförderung der Stadt ist gerade eifrig bemüht, hier einen Fintech-Hub zu etablieren. In fünf Jahren solle es 1.000 Start-ups am Main geben, mindestens die Hälfte davon aus den Segmenten Fintech und Legaltech. Aber so einfach, wie das klingt, ist es eben nicht.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler
Dominik Zborek, Paul Morgenthaler und Hans Joachim Wolff disktutierten mit Moderator Alexander Ubach-Utermöhl (blackprintpartners) über Start-up-Standorte (v.l.).

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler

Das wissen sie selbst in Berlin, dem wohl gehyptesten deutschen Start-up-Standort. Zwar hat Siemens jüngst verkündet, mit seinem Innovationscampus an den Ursprungsort des Unternehmens zurückkehren zu wollen, das Projekt ist 600 Mio. Euro schwer (siehe: "600 Mio. Euro für die Siemensstadt 2.0", IZ 45/2018). Doch nur eine Woche vorher hatte der Internetriese Google ein entsprechendes Großprojekt platzen lassen und im aktuellen Deutschen Startup Monitor belegt die Hauptstadt mit 15,8% aller Wachstumsunternehmen nur noch den zweiten Rang, nach Nordrhein-Westfalen mit 19,9%.

Zwar verteilt sich das dort auf verschiedene Städte, aber dass sich in Berlin ein Start-up-Hub in nur einer politischen Verwaltungseinheit befindet, ist ohnehin die Ausnahme. Normalerweise erstreckt sich eine Start-up-Community auf mehrere aneinander angrenzende Standorte, gerade in den USA. "Wenn wir vom Großraum Frankfurt sprechen, dann meinen wir die Region bis einschließlich Mannheim und Heidelberg - in diesen Größenordnungen werden Start-up-Ökosysteme in den USA definiert", erläutert Dominik Zborek, der für das TechQuartier den Frankfurt-Teil zum Global Startup Ecosystem Report (Genome) betreut hat.

Wer sich die Karte der Innovationsnetzwerke auf der Clusterplattform des deutschen Wirtschaftsministeriums ansieht, dem wird schnell klar: Deutschland hat nicht ein großes Start-up-Mekka, sondern über 150 kleine, mittlere und große, unter denen Berlin nur wegen seiner hohen Bevölkerungszahl etwas heraussticht. Doch von den 15 Technologieclustern, die als weltweit spitze eingestuft werden, befindet sich beispielsweise kein einziger in der Hauptstadt. Bei den Start-ups ist Deutschland, wie in anderen Dingen auch, ziemlich föderal aufgestellt. Der Gründergeist weht vor allem dort, wo technische Hochschulen für den Ideenaustausch zur Verfügung stehen.

Aber was ist mit Start-up gemeint? "Sicher nicht das Yoga-Studio mit zwei Angestellten", bemerkt Hans Joachim Wolff, Abteilungsleiter bei der Wirtschaftsförderung Frankfurt. Ein Start-up ist eine neu gegründete Firma, die entweder sehr auf die Entwicklung von Technologie ausgerichtet ist oder mithilfe bestehender Technologie ein sehr starkes Wachstum anstrebt. "Ein Start-up muss nicht unbedingt techlastig sein, wenn es stattdessen ein Geschäftsmodell verfolgt, das Dienstleistungen deutlich besser umsetzen kann als bisher", stellt Zborek klar.

Gemeint sind damit meist Onlinelösungen. So haben über 90% aller im Deutschen Startup Monitor befragten Unternehmen ein digital geprägtes Geschäftsmodell. Der Genome-Report zählt dazu vor allem Lösungen aus der sogenannten dritten Welle des Internets. Während uns die erste Welle Suchmaschinen und die zweite die sozialen Netzwerke brachte, gehört die dritte Welle der Plattformökonomie, die Unternehmen wie Airbnb hervorgebracht hat. Allerdings sind hier die Anwendungsbereiche inzwischen gereift und nähern sich dem Punkt, an dem kaum noch Neues erfunden wird. Aufstrebende Start-up-Segmente sind dagegen Blockchain, Big Data und künstliche Intelligenz, aber auch Technologien für sauberes Essen und nachhaltige Landwirtschaft.

Interessant aus Sicht der Immobilienbranche ist vor allem das schnelle Wachstum beim Personalbestand und damit beim Flächenbedarf, das solchen Gründungen unterstellt wird. "In einer Skalierungsphase kann ein erfolgreiches Start-up vier bis fünf Jahre nach Gründung vielleicht 300 bis 400 Mitarbeiter erreichen", sagt Zborek. Solche Unternehmen habe er in Frankfurt allerdings noch nicht erlebt. Sie wären keine Start-ups mehr, sondern eben Scale-ups, die auf den Börsengang warten, um dann als etablierte Unternehmen (Grown-ups) weiterzumachen. Der Erfolg von Google, Amazon & Co darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass nur ein Bruchteil aller Start-ups jemals diese Stufe erreicht, die meisten werden vorher gekauft oder gehen unter.

Bis dahin jedoch bleibt Platz für Start-ups ein dauerndes Problem. "Büros für Start-ups sind eigentlich immer zu groß oder zu klein", erläutert Investment-Manager Morgenthaler, "ein solches Unternehmen braucht im Regelfall alle sechs bis zwölf Monate neue Räume." Denn einmal wird ein Großauftrag gewonnen oder eine Finanzierungsrunde beendet und es gibt massiv Neueinstellungen. Dann aber hakt das Geschäftsmodell und die Mitarbeiterzahl kann sich rasch halbieren.

Enrico Kürtös, CEO des Karlsruher Visualisierungs-Proptechs Inreal Technologies, weiß nur zu gut um das Platzproblem. "Für junge Unternehmen, die stark wachsen, sind zwei Dinge entscheidend: Zum einen dürfen sie nicht lange zögern, wenn sie passende, attraktive Flächen in zentralen Lagen finden. Auch wenn diese scheinbar zunächst zu groß sind. Zum anderen sollten Start-ups beim Abschluss von Mietverträgen darauf achten, eine Option zur Untervermietung auszuhandeln und diese vertraglich zu fixieren."

Im April 2017 war Kürtös klar, dass die angemieteten Flächen nicht lange dem eigenen Bedarf entsprechen würden. Deshalb hat das Unternehmen vergangenen Juli einen zweiten Standort in Karlsruhe eröffnet. Doch das, so Kürtös, wird nur eine Übergangslösung sein: "Im ersten Halbjahr 2019 ziehen wir mit allen Kolleginnen und Kollegen in ein großes, neues Büro am Karlsruher Hautbahnhof, das uns für die kommenden Jahre ein optimales Umfeld bietet. Unsere jetzigen Flächen vermieten wir dann unter, bis unser laufender Mietvertrag endet." Solche Lösungen lassen sich in Metropolen mit leer gefegtem Büromarkt allerdings oft nur schwer realisieren. Nicht umsonst sprießen in Städten wie Berlin die Coworkinganbieter wie Pilze aus dem Boden. Denn nur dort könnten Start-ups, die sich zentral ansiedeln wollen, in der unsicheren Gründungsphase überhaupt noch bezahlbaren Büroraum finden, sagt Philipp Hartje, einer der Gründer von ShareDnC (siehe "Mit Pop-up-Büros gegen hohe Mieten und versteckten Leerstand").

Nun aber zu glauben, man brauche nur genug Coworkingspaces zu bauen und die Start-up-Kultur stellte sich dann von ganz alleine ein, ist illusorisch. "Das Silicon Valley lässt sich nicht einfach anderswo replizieren", sagt Aaron Renn, der am Manhattan Institute für Policy Research über Urbanisierung forscht. Damit sich progressiv eingestellte Menschen - und die braucht es für eine Start-up-Kultur nun einmal - an einem bestimmten Ort zusammenfinden, ist laut Stadtforscher Renn neben günstigen Büros, bezahlbarem Wohnraum und Zugang zu Bildungseinrichtungen ein bestimmtes Lebensgefühl notwendig, das den Charme eines Ortes ausmacht: "Nehmen Sie London: Wie wüssten Sie, dass Sie in London sind, wenn es keine roten Doppeldeckerbusse mehr gäbe und keine Bobbys in ihren typischen Uniformen?" Den Charme eines Standorts bestimmen demnach vor allem emotionale Faktoren, die sich nur langfristig ändern lassen und auf welche Stadtverwaltung und Wirtschaftsförderer nur begrenzten Einfluss haben.

Berlin ist zudem ein gutes Beispiel dafür, dass so ein Lebensgefühl in mehrere Richtungen wirken kann. Die deutsche Hauptstadt gilt als Hotspot der weltweiten Blockchain-Community, der Coworkinganbieter rent24 etabliert hier derzeit seinen Blockchain-Hub. Dabei profitiert die Stadt von ihrer traditionsreichen alternativen Szene. In Berlin ist es immer noch schick, gegen das System zu sein - und die Ursprünge der Blockchain liegen nun mal im Misstrauen gegenüber zentralen Organisationen. Kein Wunder also, dass sich viele Blockchain-Fans in Berlin besonders heimisch fühlen.

Auf der anderen Seite hat die alternative Szene ihre Wut auf transnationale Konzerne zuletzt dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie massiv gegen die Ansiedlung des Google-Innovationscampus agitiert hat. "Mit Freude haben wir die - zumindest vorläufige - Absage des Google-Konzerns zur Kenntnis genommen", heißt es auf der Webseite der Initiative mit dem Namen Google Campus verhindern. Die Aktivistin Ulrike Schneider bekräftigt an gleicher Stelle, gegen weitere Start-up-Projekte vorgehen zu wollen, die Kiezstrukturen bedrohen und zur Vertreibung angestammter Nutzer führen würden. Für die Start-up-Kultur wirkt das als Dämpfer. Man darf gespannt sein, wie die Initiative auf den neuen Siemens-Campus reagiert.

Dabei ist die Wirkung der Start-up-Kultur auf die Gesamtfläche eher bescheiden. Das zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: Die im Deutschen Startup Monitor untersuchten Jungunternehmen kommen einschließlich ihrer Gründer auf rund 21.500 Mitarbeiter. Laut Immobiliendienstleister JLL wiederum stehen einem Mitarbeiter in einem Coworkingspace durchschnittlich rund 12 m² Fläche zur Verfügung. Damit ließen sich alle deutschen Start-up-Mitarbeiter auf rund 258.000 m² unterbringen - das ist weniger als die Hälfte der in Deutschland in den ersten neun Monaten nach JLL-Berechnungen fertiggestellten gesamten Bürofläche (556.000 m²) und etwas mehr als ein Drittel des ingesamt zur Verfügung stehenden flexiblen Büroraums (651.700 m²). Insgesamt beträgt der Flächenbedarf der Start-ups gerade mal ein gutes Prozent des Gesamtmarktes.

Warum wird dann trotzdem derzeit so ein Aufhebens um den boomenden Coworkingmarkt gemacht? Die Antwort ist simpel: Flexible Büroflächen sind längst ein Thema für etablierte Unternehmen geworden (siehe "Coworking ist nicht nur für Start-ups ein Thema"). Dabei spielt der Wunsch, die Raumkosten schnell an die Auftragslage anpassen zu können, ebenso eine Rolle wie die Hoffnung, durch Abgucken neuer Arbeitskonzepte auch die Mitarbeiter angestammter Unternehmen kreativer werden zu lassen. "WeWork hat einen einzigartigen Design-Standard geschaffen", sagte KPMG-Projektmanagementberater J. Colin Cagney jüngst auf der Mipim Proptech in New York. Ein Standard, der nicht nur Start-ups beflügelt, sondern die Büroflächenkonzepte an sich auf den Prüfstand stellt. Für Investmentmanager Morgenthaler jedenfalls ist klar, dass sich die Arbeitswelt und damit die Art, wie wir Büros nutzen, verändern, nicht nur bei den Start-ups. Arbeit findet heute oft mobil von unterwegs statt, das Büro dient als Treffpunkt mit den Kollegen. "Darauf sollte die Immobilienwirtschaft mit flexiblen Flächennutzungsmöglichkeiten reagieren", findet er.

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