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Digitales | 04.10.2018

Aus IZ40/2018, S. 19

Von Alexander Heintze

In diesem Artikel:

Wenn die Quartiers-App die Eckkneipe ersetzt

Quelle: Jost Hurler Unternehmensgruppe
Gesucht - gefunden. Quartiers-Apps sollen die Kommunikation unter den Bewohnern fördern.

Quelle: Jost Hurler Unternehmensgruppe

Pizza bestellen, einen Termin beim Friseur oder einen Tisch im Restaurant buchen und bei einem tropfenden Wasserhahn den Hausmeister herbeirufen. Das alles sollen Bewohner moderner Quartiere künftig über Apps tun. Noch versuchen die Anbieter herauszufinden, welche Funktionen wirklich genutzt werden.

Im Schwabinger Tor in München leben und arbeiten rund 3.000 Menschen auf 89.000 m² Geschossfläche. Mehr als 200 Wohnungen, Büroflächen, Handel und Gastronomie verteilen sich auf die neun Gebäude an der Leopoldstraße. Von Anfang an wollte das Münchner Immobilienunternehmen Jost Hurler den Sharing-Gedanken in dem Quartier umsetzen. Zusammen mit dem Münchner Start-up Casavi wurde eine App entwickelt, um eine Nachbarschafts-Community aufzubauen. Diese digitale Nachbarschaft scheint tatsächlich zu funktionieren.

"Die Bewohner fragen über die App nach, ob die Tochter bei einer anderen Familie Babysitten kann, wer eine Empfehlung für eine Putzfrau hat oder ob jemand seine Schlagbohrmaschine verleiht", erklärt Steffen Warlich, der bei Jost Hurler die Kommunikation und das Marketing verantwortet. "Dieser Sharing-Gedanke hat uns angetrieben." Das kommt offenbar an. In einer ersten Befragung wollte das Unternehmen von den Mietern wissen, welche Funktionen sie nutzen. Die Umfrage ist wegen der geringen Beteiligung der Nutzer kaum repräsentativ, allerdings lassen sich Tendenzen ablesen. Gelesen und kommentiert werden demnach vor allem Mitteilungen an andere Mieter oder von der Hausverwaltung. Die App ersetzt damit das Schwarze Brett. Der Austausch funktioniere in beiden Richtungen, so Warlich. Vor Kurzem habe man ein Kunstwerk in dem Quartier aufgestellt, "das kam nicht so gut an. Wir werden die Leihgabe eher nicht verlängern", zieht er die Konsequenzen aus der Kritik, die hauptsächlich über die App kam.

"Was immer funktioniert, ist die Kommunikation", bestätigt Casavi-Geschäftsführer Peter Schindlmeier die Erfahrungen aus anderen Quartieren. Mieter kommunizieren untereinander oder mit dem Verwalter. Sie melden von Mängeln bis hin zu Ruhestörungen alles über die App, was sonst per Telefon oder E-Mail abgelaufen wäre.

Auf der Wunschliste der Teilnehmer steht zudem, dass sie über die App Angebote und Aktionen der Geschäfte im Umfeld bekommen sowie die Möglichkeit, online Bestellungen vorzunehmen. Das werde in der Praxis allerdings eher selten genutzt, stellt Schindlmeier fest. "Es ist kein Vorteil, so etwas über die Quartiers-App zu machen, wenn es dafür schon etablierte Lösungen gibt." Interessant werde das erst, wenn der lokale Einzelhandel oder Dienstleister in dem Quartier eingebunden sind. Doch das ist nicht so einfach.

Auch im Schwabinger Tor herrschte die Vorstellung, dass die Bewohner im Supermarkt über die App ihren Einkauf bestellen und dann dort abholen können. Oder dass sie einen Tisch im Restaurant buchen. So weit ist es aber noch nicht. Seit dem Frühjahr nutzt immerhin das Restaurant La Bohème die App, um bei den Bewohnern und Büroangestellten um Kundschaft zu werben. Allerdings muss Hurler nach wie vor Hilfestellung geben, damit die Speisekarte aktuell bleibt, gibt Warlich zu. Dem Wirt fehlt es schlicht an Personal, um die App zu bedienen. Künftig sollen das geplante Coworking und das Quartier-Carsharing in die App integriert werden.

Immer mehr Entwickler experimentieren bei Neubauquartieren mit solchen Apps. "Ein modernes Wohnquartier braucht moderne Kommunikationsmittel", ist der Leitspruch der Hamburger Frank-Gruppe, die in Friedrichsdorf im Taunus seit März 2015 die Ökosiedlung Frank und Frieda mit 350 Wohneinheiten baut. Das Oköquartier soll eine eigene App bekommen, über die vor allem die Standards wie eine Leih- und Verleihbörse sowie der Zugang zum Buchungssystem des Carsharings und der E-Bikes angeboten werden. Die Kosten für die Entwicklung der App und den Betrieb übernimmt bis Ende 2021 der Bauträger. Dann sollen die Käufer mit dem Anbieter Quartiersapp.de aus dem hessischen Waldems einen Vertrag abschließen, um App und Carsharing weiter nutzen zu können.

Für Casavi-Chef Schindlmeier ist das ein wichtiger Punkt. Vor allem bei neuen Quartieren müsse geregelt sein, wer den Betrieb der App übernimmt, wenn der Projektentwickler aussteigt. Zwar sind die laufenden Kosten bei den meisten Anbietern gering. Doch gerade bei kleineren Quartieren können sie sich für die Bewohner durchaus mit wenigen Euro in den Nebenkosten bemerkbar machen. Beim Schwabinger Tor übernimmt Jost Hurler die laufenden Kosten. "Wir betrachten es als Marketing, um einen Mehrwert für die Nutzer zu schaffen", sagt Warlich. Allerdings sei der laufende Betrieb auch nicht sehr teuer.

Zu den genauen Kosten will sich keines der Unternehmen äußern. Bei Jost Hurler waren die Initialkosten offenbar etwas höher, da die App erst zusammen mit Casavi entwickelt werden musste. Mittlerweile gibt es einige Standardlösungen auf dem Markt. Der Tenor ist, dass die Initialkosten für die Apps angesichts der recht großen Summen bei einem Neubau mit ein paar tausend Euro nicht ins Gewicht fallen. Auch die laufenden Kosten sind überschaubar, allerdings abhängig von der Größe des Quartiers.

Rechnen könne sich der Einsatz schon ab ein paar Dutzend Einheiten, sagt Schindlmeier. Quartiersapp-Chef Andreas Richter sieht die Grenze bei rund 100 Einheiten, beim Konkurrenten Animus setzt man die Grenze mit 50 Einheiten deutlich niedriger an. Sicher ist: Je größer das Quartier sei, desto aktiver ist die Community.

Vor allem für Hausverwaltungen sind solche Apps eine erhebliche Vereinfachung. Schäden in den Wohnungen, defekte Leuchtmittel oder kaputte Spielgeräte können elektronisch und mit Bild versehen dokumentiert und an die Hausverwaltung geschickt werden. Diese leitet das dann sofort an den Hausmeister oder einen Handwerker weiter. Die Bewohner können über die App vom Mietvertrag über die Betriebskostenabrechnungen bis hin zur Bedienungsanleitung für den Herd sämtliche Unterlagen abrufen. Das soll die Verwaltungen entlasten. Die eingesparten Kosten sollen dann den App-Betrieb finanzieren.

Die Apps halten nicht nur in Wohnquartieren Einzug. Im Büroquartier Seestern in Düsseldorf hat die Standortinitiative eine eigene App ins Leben gerufen. Der Seestern ist mit etwa 520.000 m² Bruttogrundfläche nach dem Kennedydamm der zweitgrößte Büroschwerpunkt in der Landeshauptstadt. Gut 10.000 Menschen sind hier beschäftigt. Sie sollen eine App von Animus nutzen. Chris Richter, Gründer und Geschäftsführer der Animus mit Sitz in Ratingen, sieht in den Apps eine modernere Form des Intranets. Es gehe darum, die Kommunikation innerhalb eines Unternehmens oder zwischen den Büronutzern im Quartier zu erhöhen. Die Nutzer sollen sich zu Lauftreffs oder zum Mittagessen verabreden oder Fahrgemeinschaften bilden. Die App informiert zudem über Aktionen oder Termine, die in der Umgebung stattfinden.

Bei den Nutzerzahlen ist Richter vorsichtig. Erfolgsmeldungen wie "90% der Bewohner nutzen die App", glaubt er nicht. "Das passiert nicht von jetzt auf gleich", ist seine Erfahrung. Wenn eine App im ersten Jahr 30% Nutzer habe und später auf 50% bis 60% käme, sei das ein Erfolg. Vor allem bei gewerblichen Nutzern sei es oftmals schwierig. Manche Firmen würden solche Apps aus Angst vor zu viel Transparenz gar nicht erst zulassen. Dennoch glaubt Richter, dass in fünf bis zehn Jahren jedes Quartier eine App haben wird.

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