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Politik | 20.09.2018

Aus IZ38/2018, S. 1

Von Robin Göckes

In diesem Artikel:
  • Unternehmen:
    Deutsche Wohnen, Nassauische Heimstätte, Hekatron, Eobiont
  • Organisationen:
    ETH Zürich, Forum Brandrauchprävention, Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes, Deutscher Feuerwehrverband, Zentralverband der Elektroindustrie (Zvei), Bundesverband Sicherheitstechnik, Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks, Vereinigung kantonaler Feuerversicherungen (VKF)
  • Personen:
    Christian Rudolph, Michael Groschek, Marko Rosteck, Albrecht Broemme, Claudia Groetschel, Christoph Schöneborn, Sebastian Festag, Reinhold Gall, Anette Dowideit
  • Immobilienart:
    Wohnen

Der heiße Scheiß

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Gerhard Seybert
Die Feuerwehren haben sich bei der Politik für die Einführung der Melderpflicht stark gemacht - und so die Lobbyarbeit übernommen.

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Gerhard Seybert

Mit Rauchwarnmeldern werden Milliarden Euro umgesetzt. Dabei gibt es keinen statistischen Nachweis, dass sie tatsächlich Leben retten. Die Lobbyisten haben ganze Arbeit geleistet, wie gemeinsame Recherchen der Immobilien Zeitung und der Tageszeitung Welt zeigen. Und nun plant die Wirtschaft den nächsten Coup: CO-Warnmelder.

Die Sommersonne knallt auf das Dach der Sulzburger Produktionshalle vor den Toren Freiburgs, in der zwei gelbe Roboterarme in Windeseile nach links, dann wieder nach rechts schwenken. Hier sammeln sie Batterien, dort eine Platine, ein Stück weiter links weiße Plastikabdeckungen ein. Wie ein kleines Orchester, dessen Zusammenspiel den strengen Gesetzen der Effizienz folgt, suchen sie sich immer wieder den kürzesten Weg zum nächsten Bauteil. Haben sie alles zusammen, geht der Tanz von vorne los. Unermüdlich, mit gnadenloser Präzision und Geschwindigkeit. Alle 20 Sekunden läuft so ein fertig zusammengesetzter Rauchwarnmelder vom Band des Herstellers Hekatron. Verkaufsvolumen im vergangenen Jahr: 4,6 Mio. Stück.

Etwa 20 Mio. bis 25 Mio. Euro Umsatz macht alleine Hekatron mit seinen Rauchwarnmeldern jedes Jahr. In der gesamten Branche ist der Umsatz mit Brandmeldetechnik, dem größten Segment der Sicherheitstechnik, nach Angaben des Zentralverbands der Elektroindustrie (Zvei) im Jahr 2017 um 8% auf knapp 2 Mrd. Euro gewachsen. "Ein Treiber ist hier noch immer die flächendeckende Rauchwarnmelderpflicht in den Landesbauordnungen für Privatwohnungen", schreibt der Branchenverband. Oder mit anderen Worten: Das Marketing hat der Gesetzgeber übernommen, indem seit 2003 in immer mehr Bundesländern eine Pflicht zum Einbau der kleinen weißen Kästchen in Privatwohnungen durchgesetzt worden ist. Damit sind die Absatzzahlen sprunghaft angestiegen. Waren nach Schätzungen vor dem Jahr 2000 nur etwa 5% der Privathaushalte in Deutschland mit einem Melder ausgestattet, sollen es inzwischen um die 60% sein. Die Kosten für Einbau und Wartung werden von den Vermietern in aller Regel auf die Nebenkosten umgelegt.

Das Versprechen der Hersteller lautet: "Rauchwarnmelder retten Leben". Ob die staatlich verordneten Aufpasser allerdings wirklich einhalten, was sie versprechen, das weiß niemand genau. Denn bis heute gibt es keine Statistik, aus der hervorginge, wie viele Menschen in Deutschland durch einen Rauchwarnmelder vor dem Tod bewahrt wurden. Hinterfragt wird auch nicht, warum es in Deutschland zwar die Rauchwarnmelderpflicht, aber etwa keinen Zwang zur Rettungsweste beim Spaziergang am Flussufer gibt. Und dass, obwohl in Deutschland seit Jahren mehr Menschen durch Ertrinken (2015: 444) als durch Rauch, Feuer und Flammen sterben. Das waren im Jahr 2015 lediglich 343 Personen, wobei laut amtlicher Statistik nur 187 davon zu Hause ihr Leben verloren.

Ins Rollen gebracht wurde die Melderpflicht unter anderem von jenen Akteuren, die finanziell von ihr profitieren. Wohl vor allem die Elektroindustrie witterte rund um das Jahr 2000 die Chance, aus einem Ladenhüter einen Topseller zu machen. Albrecht Broemme, heute Präsident des Technischen Hilfswerks, erinnert sich noch gut. Schließlich ging von ihm damals die Initialzündung aus. Mehrere Jahre hatte der damalige Feuerwehrchef und Landesbranddirektor von Berlin in Eigenregie versucht, die Verbreitung von Rauchwarnmeldern in Berlin in Kooperation mit den Wohnungsbaugesellschaften der Metropole voranzutreiben. Die Idee dazu hatte er aus Amerika und England mitgebracht, wo Rauchwarnmelder zu diesem Zeitpunkt schon sehr viel verbreiteter waren als in Deutschland. Durchschlagender Erfolg war Broemme allerdings nicht vergönnt. Zumindest so lange nicht, bis er einen Vortrag beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft halten durfte. "Da haben sie das Thema verstanden", sagt Broemme. Und sie fackelten nicht lange. Laut Broemme stellten die Vertreter der Versicherungswirtschaft die Finanzierung einer Kampagne in Aussicht. Der Zvei sei schnell auf den Zug aufgesprungen. "Die haben aber gesagt, dass wir es professionell machen müssen", sagt Broemme.

Gesagt, getan. Die Berliner Werbeagentur Eobiont bekommt in einer Ausschreibung den Zuschlag. Im Jahr 2000 macht sie sich an die Arbeit und setzt dabei auf jene Akteure, aus deren Kreis mit dem Berliner Feuerwehrchef Broemme ohnehin der erste Impuls gekommen ist - die Feuerwehren. "In Deutschland gibt es 1,3 Mio. Feuerwehrleute, die alle das gleiche Ziel haben wie wir: den Brandschutz zu verbessern. Mit ihrer Hilfe hätten wir eine wahre Armee, die uns dabei helfen könnte, unsere Kampagne zu unterstützen", heißt es von Eobiont im Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Kampagne. Ihr Ergebnis fasst Eobiont selbst so zusammen: "Nur ein paar Jahre nach Start der Kampagne hatten 30% der Hausbesitzer Rauchwarnmelder installiert und es wurde eine politische Umgebung geschaffen, in der auch die gesetzliche Verpflichtung von Rauchwarnmeldern eingeführt werden konnte." Die "Armee" war auf ganzer Linie siegreich.

Zum Beispiel dadurch, dass durch die Feuerwehren bei der Politik massiv für die kleinen weißen Kästchen geworben wurde. Die Marketing-Fachleute von Eobiont unterstützten die Feuerwehren mit Aktionen vor Ort und Infomaterial. Mobile Infostände standen zum Beispiel in der Lobby des nordrhein-westfälischen Landtags, kurz bevor dort die Installationspflicht als Gesetz verabschiedet wurde.

"Die Initiative, eine Rauchmelderpflicht bei der Politik zu fordern, ging von den Feuerwehren selbst aus", sagt Eobiont-Agenturchefin Claudia Groetschel. Die Imagekampagne für die Bevölkerung steuerte Eobiont hingegen über eine Plattform im Internet: rauchmelder-lebensretter.de. Die wird vom Verein Forum Brandrauchprävention seit dem Jahr 2000 betrieben, ebenso wie die Aufklärungskampagne "Rauchmelder retten Leben". Vorsitzender des Vereins ist allerdings nicht irgendjemand, sondern Christian Rudolph, der Vertriebschef des Brandschutztechnikherstellers Hekatron in Sulzburg. Unterstützt wird die Vereinsarbeit vom Deutschen Feuerwehrverband, dem Bundesverband Sicherheitstechnik, dem Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks, den Versicherungen sowie dem Zentralverband der Elektroindustrie. Ebenfalls auf der Unterstützerliste findet sich die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes, in der wiederum Feuerwehr und Wirtschaft zusammenarbeiten.

Die Geschäftsstelle des Vereins befindet sich bei Eobiont, Claudia Groetschel wird auch als Verantwortliche für die Kampagnenhomepage geführt. Groetschel macht keinen Hehl daraus, dass bei der Finanzierung der Kampagne die Hersteller der Brandschutzprodukte beteiligt waren. "Natürlich sind auch Hersteller dabei, die einen Teil der Aufklärungsarbeit bezahlen, sonst gäbe es keine ausreichende Finanzierung", sagt sie. Ihre Agentur sei vom Forum Brandrauchprävention beauftragt worden und betreibe kein Lobbying. Darauf legt sie Wert. "Wir pflegen keine Kontakte mit Politikern. Zielgruppe unserer Aufklärungskampagne ist die Allgemeinheit", betont Groetschel.

Wie viel Geld für die Arbeit ihrer Agentur geflossen ist, möchte sie nicht sagen. Stimmen aus der Branche berichten jedoch übereinstimmend von Kosten in Höhe von 1 Mio. Euro. Hekatron-Vertriebschef Rudolph sagt, sein Unternehmen habe 50.000 Euro ausgegeben, höchstens. "Unsere Beteiligung war der Mitgliedsbeitrag für den gemeinnützigen Verein."

Es dauert nicht lange, ehe Lobbyarbeit und Imagekampagne Wirkung zeigen. 2003 verankert Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland die Rauchwarnmelderpflicht in der Bauordnung. Das Saarland folgt kurz darauf, Hamburg und Hessen 2005 ebenfalls. Mit jeder gesetzlichen Änderung steigt der Druck auf die verbliebenen Bundesländer, nachzuziehen.

Nordrhein-Westfalen zählt eher zu den Spätzündern. Es dauert bis 2013, ehe die Melderpflicht gesetzlich verankert wird. Michael Groschek (SPD) ist zu dieser Zeit Bauminister. Die Debatte läuft nach dem gleichen Schema wie schon andernorts zuvor: Die Kosten seien doch gering, es wolle doch wohl niemand Menschenleben gefährden und der Nutzen sei doch evident. Die Feuerwehren rühren mit Rückendeckung von Eobiont die Werbetrommeln, der moralische und politische Druck wächst. Kritische Gegenstimmen, die vor allem von der CDU kommen, setzen sich nicht durch.

"Das ist zwar schon eine Weile her, aber ich weiß noch, dass die Feuerwehr zu diesem Thema außergewöhnlich massiv aufgetreten ist", erinnert sich Ex-Bauminister Groschek, der seit kurzem in Ruhestand ist, an die Kampagne vor der Entscheidung im Jahr 2013. Zwar sei man es als Politiker gewohnt, dass Interessenvertreter regelmäßig mit Anliegen anklopften, für die wahrscheinlich andere im Hintergrund die Strippen zögen. In der Vehemenz wie bei den Rauchwarnmeldern habe er ein solches Engagement einer Interessensgruppe aber selten erlebt. "Mit Aktionstagen im Landtag und auf jeder Feuerwehrveranstaltung mit diesen Infoständen." Nach statistischen Belegen für die Wirksamkeit habe er nicht gefragt. "Da reichte mir die Plausibilität gesunden Menschenverstands, um einzusehen, dass solche Warnmelder sinnvoll sind." Als Politiker, sagt Groschek noch, wäre es ungeschickt, würde man sich gegen eine gesetzliche Maßnahme stemmen, die potenziell Leben retten könnte. Zumal, wenn sie so wenig Geld koste.

Beteiligt an der Lobbykampagne in Nordrhein-Westfalen (NRW) war seinerzeit Christoph Schöneborn. Er ist Geschäftsführer des Verbands der Feuerwehren in NRW und zu seinen Aufgaben gehört die Lobbyarbeit für die Anliegen der Feuerwehren. "Es gibt Wochen, da bin ich mehrmals im Landtag", sagt er. Als die Frage an ihn herangetragen wurde, ob die Feuerwehr des Bundeslands wohl die Kampagne für eine Rauchwarnmelderpflicht mittragen würde, sei nicht viel diskutiert worden. "Es war klar, dass wir das Anliegen unterstützen - weil hier einfach das Kosten-Nutzen-Verhältnis verdammt günstig ist." Andere Brandschutzmaßnahmen wie etwa zusätzliche Rettungswege, erklärt er, seien sehr viel teurer. Rauchmelder seien nicht nur besonders günstig im Vergleich, sondern auch noch extrem wirkungsvoll. Dass die Statistik das nicht hergibt, verunsichere ihn überhaupt nicht, sagt er. "In jeder Gemeinde hier in NRW, sei es in Köln oder im winzigsten Dorf in der Eifel, erzählen uns die Feuerwehrleute, dass sie bei ihren Einsätzen den lebenden Beweis selbst gesehen haben."

Während mit der massenhaften Verbreitung "der besonders günstigen Brandschutzmaßnahme" für die Hersteller und die Wartungsdienstleister traumhafte Gewinne einhergehen, müssen andere draufzahlen. In aller Regel sind das die Mieter. Die Nassauische Heimstätte (NH), mit einem Bestand von knapp 60.000 Wohnungen einer der größten Vermieter der Republik und in der Hauptsache in Besitz des Landes Hessen, hat nach eigenen Angaben 233.000 Melder in ihren Wohnungen verbaut. Auf die Frage, wie viel pro Stück bezahlt wurde, heißt es von einem NH-Sprecher: "Wir haben unserem Zulieferer zugesichert, seine Preise nicht nach außen zu kommunizieren. Das möchte ich respektieren." Zu den Kosten für Wartung und Austausch äußert sich die NH jedoch.

Diese schlagen für eine durchschnittliche Dreizimmerwohnung mit vier Rauchwarnmeldern jährlich mit 15 bis 18 Euro zu Buche. Der Anteil der Kosten für Rauchwarnmelder an den kalten Betriebskosten betrage zwischen 1,2% und 2,5%.

Noch ein bisschen deutlicher werden die finanziellen Dimensionen bei der Deutschen Wohnen. Die zweitgrößte Wohnungsgesellschaft Deutschlands hält mehr als 160.000 Wohnungen und ist seit gut zehn Jahren dabei, die gesetzlichen Verordnungen umzusetzen. "Aufgrund der verschiedenen Verordnungen in den unterschiedlichen Bundesländern haben wir uns dazu entschlossen, nur einen Standard anzuwenden. Wir installieren deshalb eigentlich in allen Räumen bis auf Bad und Küche", erklärt Marko Rosteck, Sprecher der Deutschen Wohnen. Insgesamt seien so bislang etwa 500.000 Rauchwarnmelder installiert worden. Die Deutsche Wohnen mietet die Geräte, inklusive Wartungsvertrag. "Das kostet uns pro Stück und Jahr rund 5,50 Euro", sagt Rosteck. Jährlich werden also etwa 2,75 Mio. Euro fällig, die das Unternehmen auf die Mieten umlegt. "Für unsere Mieter versuchen wir aber, die Belastungen möglichst gering zu halten." Gelingen soll das, indem die Wartung der Rauchwarnmelder gleich mit erledigt wird, wenn ohnehin Techniker im Haus sind, die sich um das Ablesen von Heizung und Wasser kümmern. Dennoch: "Für uns bleibt der Verwaltungsaufwand hoch. Und er wird auch nicht geringer, wenn die Rauchwarnmelder erst einmal installiert sind. Wenn wir irgendwo Wohnungsbestände dazu kaufen, müssen wir immer schauen, was dort installiert ist und welche Verträge es schon gibt."

Statistisch eindeutig belegen lässt sich die Erfüllung des Versprechens, dass Rauchwarnmelder Leben retten, nicht einmal vom Leiter der Marktentwicklung und Anwendungsforschung des Herstellers Hekatron. Ein Jahr vor der Gesetzesänderung in NRW veröffentlichte Sebastian Festag die "Sulzburger Studie zur Einführung von Rauchwarnmeldern". Für seine Studie beruft er sich auf Daten des Statistischen Bundesamts. Die sind eindeutig: Die Zahl der Brandtoten sinkt seit Jahren.

Allerdings war das auch schon vor der massenhaften Verbreitung von Rauchwarnmeldern so. Festag hat für seine Studie den Zeitraum zwischen 1998 und 2010 herangezogen. Dass der Trend schon sehr viel länger besteht, wird aber erst deutlich, wenn man in der Statistik weiter zurückgeht. Hinzu kommt: Auch in Bundesländern, die im Untersuchungszeitraum keine Rauchwarnmelderpflicht eingeführt haben, sind die Fallzahlen teilweise gesunken. Ein Trend ist nicht abzulesen - trotz der gesetzlichen Verpflichtung. Festag selbst bleibt im Fazit seiner Studie dennoch vorsichtig optimistisch, was die Wirksamkeit von Rauchwarnmeldern angeht. Insgesamt lasse sich "ein Trend in eine erfolgreiche Richtung erkennen", schreibt er und schlussfolgert: "Die Analyse sollte fortgesetzt werden." Passiert ist das jedoch nicht.

Womöglich wären in diesem Fall ähnliche Ergebnisse wie in der Schweiz dabei herausgekommen. Dort wurde im Auftrag der Dachorganisation der Gebäudeversicherungen die wirtschaftliche Optimierung im vorbeugenden Brandschutz untersucht. Federführend bei der wissenschaftlichen Studie war die ETH Zürich. Die Forscher gingen der Frage nach, ob die Einführung einer Rauchmelderpflicht für Schweizer Wohngebäude aus gesellschaftlicher Sicht sinnvoll ist. Das Ergebnis fasst unter anderem die Vereinigung kantonaler Feuerversicherungen VKF so zusammen: "Aus der Untersuchung ging hervor, dass eine Installationspflicht zwar zwei bis drei Brandtote pro Jahr verhindern könnte." Die Investitionen zur Einführung einer flächendeckenden Melderpflicht wurden als unverhältnismäßig eingestuft. Die Schweiz verzichtet deshalb auf eine Pflicht.

So eine kühle Rechnung hat in Deutschland niemand angestellt. Wer die Warnmelderpflicht kritisch sieht, tut sich auch heute noch schwer, seine Bedenken öffentlich zu äußern. "Keiner redet gerne darüber, weil Sicherheit und Menschenleben Totschlagargumente sind. Rationale Standpunkte sind schwer zu vertreten, da hat die Lobby gute Arbeit geleistet. Das muss man ihnen lassen", sagt der Vertreter eines Branchenverbands der Immobilienwirtschaft. Und verweist auf das auffällige Verhältnis von Aufwand und Ertrag. "Natürlich kann ein Rauchwarnmelder helfen. Aber wir laufen doch auch nicht jeden Tag mit Helm über die Straße, nur weil ein Ziegel runterfallen könnte. Ins Auto setzen wir uns auch jeden Tag. Und das, obwohl da die Gefahr, dass etwas passiert, größer ist."

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Uldis
Aus den verfügbaren Statistiken lässt sich nicht ableiten, dass Rauchwarnmelder die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen.

Quelle: Fotolia.com, Urheber: Uldis

Aber weil das mit der Lobbykampagne schon einmal so gut geklappt hat, legen sich die Hersteller von Brandschutztechnik bereits das nächste heiße Eisen ins Feuer: den Kohlenmonoxidmelder. Anfang des Jahres gründete sich ein Arbeitskreis, der sich mit diesen Geräten näher beschäftigt. Mit dabei ist wieder die Berliner Agentur Eobiont. Auch Hekatron steht treu an der Seite, ebenso wie die Feuerwehr. Agenturchefin Claudia Groetschel will noch nichts zum Thema sagen, dafür sei es zu früh. Aus einer Mitteilung zur Gründung des Arbeitskreises lässt sich jedoch eine klare Richtung herauslesen. "Bis zu 1.000 Tote pro Jahr durch das gefährliche Gas" gebe es in Deutschland, heißt es dort. Als leuchtendes Vorbild für Deutschland wird Kalifornien genannt - dort gibt es seit 2011 eine Pflicht zum Einbau von Kohlenmonoxidmeldern.

Die ersten Politiker springen schon auf den neuen Kampagnenzug auf, so wie Reinhold Gall. Die Einführung der Pflicht zur Installation von Rauchwarnmeldern fiel in die Amtszeit des damaligen Innenministers von Baden-Württemberg. "Eigentlich wäre es schon damals sinnvoll gewesen, auch gleich eine CO-Melderpflicht einzuführen. Aber dann hätte es wohl keine Mehrheit gegeben", sagt der Sozialdemokrat, der seit dem Ende seiner Amtszeit als Innenminister weiterhin dem Landtag angehört. Er argumentiert paradoxerweise mit der Rauchwarnmelderstatistik. "Die macht es schwierig zu sagen: Rauchwarnmelder brauchen wir, CO-Melder nicht." Laut Statistik sterben jedes Jahr deutlich mehr Menschen durch eine Kohlenmonoxidvergiftung als durch Feuer, Rauch und Flammen. Allerdings wird ein Teil der Tode als Selbstmord eingestuft. Verlässliche Zahlen dazu gibt es also auch hier kaum.

Gall ist im Übrigen nicht nur Politiker, sondern auch Feuerwehrmann und Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbands Heilbronn. Über die Feuerwehr hofft er, eine breite Debatte über eine mögliche CO-Melderpflicht in Gang setzen zu können. Schließlich habe genau dies ja schon einmal mit den Rauchwarnmeldern funktioniert. "Mit dem Feuerwehrverband Baden-Württemberg wollen wir eine Infokampagne starten, um die Menschen für das Thema CO-Melder zu sensibilisieren. Wir wollen das in den Fokus rücken."

So weit wie Gall preschen derzeit noch nicht einmal die Vertreter von Hekatron in ihren öffentlichen Äußerungen vor. "Ziel ist es zunächst, mehr Informationen und bessere Daten zu bekommen", erklärt Hekatrons Vertriebsleiter Rudolph. Er meint, Kohlenmonoxid sei deutlich gefährlicher als Rauch, "weil es für den Menschen schwieriger wahrzunehmen ist". Und jetzt gebe es zudem diesen gefährlichen Trend, sich Schwedenöfen in die Wohnungen zu bauen. "In der Folge wird es sicher auch wieder Vorfälle geben." Sein Unternehmen hat sich jedenfalls vorbereitet. Zu Jahresbeginn hatten sie bei Hekatron noch keinen CO-Melder für den Heimgebrauch im Sortiment. Das hat sich geändert, Kostenpunkt: 50 Euro. Wer will das schon gegen Menschenleben aufrechnen.

Ein Beitrag aus dem RECHERCHE-NETZWERK DER IZ

Im Rahmen eines Kooperationsprojekts arbeiten das Investigativteam der Welt und die Fachredaktion der Immobilien Zeitung zusammen. Vorliegendes Thema wurde von Robin Göckes (IZ) und Anette Dowideit (Welt) betreut und erscheint mit unterschiedlichen Schwerpunkten in beiden Medien. Die Welt erzielt pro Ausgabe eine Reichweite von 660.000 Lesern.

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