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Projekte | 16.08.2018

Aus IZ33/2018, S. 24

Von Martina Vetter

In diesem Artikel:

Koreanische Investmentbanker investieren in alte Kasernen

Quelle: Dolphin Trust, Urheber: Robert Raithel
Gruppenbild vor dem Rathaus: Im grauen Anzug Bürgermeister Arne Raue, rechts neben ihm Charles Smethurst, neben dem wiederum Kim HakJu, Generaldirektor von Shinhan Investment, steht.

Quelle: Dolphin Trust, Urheber: Robert Raithel

Jüterbog. Wenn zwei hochglanzpolierte, schwarze VIP-Busse mit getönten Scheiben in einer Kleinstadt im Südosten Brandenburgs auftauchen, sorgt das für einiges Aufsehen. Erst recht aber ziehen die Insassen der beiden VIP-Busse beim Aussteigen die Blicke auf sich. Denn Besucher aus Asien verirren sich nicht allzu oft in das durchaus geschichtsträchtige Städtchen mit stolzen mittelalterlichen Bauwerken und riesigen Kasernenanlagen aus der Zeit Kaiser Wilhelms. Die Kasernen sind der eigentliche Grund des ungewöhnlichen Besuchs. Die Asiaten haben in einen Teil der schon lange leer stehenden Militärgebäude investiert, die Projektentwickler Dolphin Trust für 90 Mio. Euro revitalisieren will.

Die Dramaturgie des Programms ist gut durchdacht und das Ziel ist klar: Die aus Seoul, Singapur und Schanghai stammenden Investmentbanker, die für die koreanische Shinhan Investment Corporation das Geld institutioneller Anleger unter anderem in Jüterbog investiert haben, sollen am Ende keinen Zweifel daran haben, ob es die richtige Entscheidung war, ein kleines Vermögen in marode Kasernenanlagen in einer brandenburgischen Kleinstadt zu stecken. Im Jüterbog II genannten Stadtteil, der einst die Garnison der heute gut 12.000 Seelen zählenden Gemeinde war, will Charles Smethurst, Gründer und Geschäftsführer von Dolphin Trust, Hannover, ein neues Stadtviertel mit 400 Wohnungen, Schule, Supermarkt und vielen Freizeitangeboten schaffen. Er setzt bei dem Angebot auf Zuzügler aus der Hauptstadt, die von Jüterbog aus in etwa 50 Minuten mit dem Auto und in einer dreiviertel Stunde per Bahn zu erreichen ist.

Dass die Zugverbindung von Pendlern offenbar gerne genutzt wird, ist an dem gut gefüllten, riesigen Parkplatz zu erkennen, auf dem an diesem Wochentag im Sommer die Autos dicht an dicht gereiht sind. "Wir haben die Flächen gerade erweitert", erzählt Arne Raue, der umtriebige Bürgermeister von Jüterbog, den Besuchern aus Ostasien später beim Termin im Rathaus. Nicht nur Neu-Jüterboger gehören demnach zu den Pendlern, auch schon länger ansässige Bewohner arbeiten meist außerhalb. In Jüterbog selbst sieht es mit Jobs recht mau aus. Doch aus Raues Perspektive betrachtet, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht: Außer Berlin seien auch Leipzig und Halle gut erreichbar. Nach Halle gebe es sogar einen S-Bahnanschluss. Die anderthalb Stunden Fahrt für eine Strecke erwähnt Raue nicht.

"Jüterbog lag schon immer strategisch günstig", sagt Raue und beeindruckt seine asiatischen Gäste bei seinem Vortrag im Saal des altehrwürdigen Rathauses mit Details aus der Geschichte der Stadt, die im Mittelalter nicht nur ein wichtiger Handelsplatz war, sondern auch ein bedeutendes religiöses Zentrum. Eine Führung durch die historische Innenstadt von Jüterbog, das mit Backsteingotik vom Feinsten aufwarten kann, haben die Gäste aus Asien schon hinter sich. Fast alle Häuser in der Innenstadt sind restauriert und in gepflegtem Zustand, nur abseits der Touristenpfade finden sich noch einige halb zerfallene alte Häuser. Doch dort werden die asiatischen Besucher nicht hingeführt. Sie bekommen an diesem strahlenden Sommermorgen die ebenso strahlende Seite der Stadt gezeigt. Das mittlerweile zum Kulturzentrum umgebaute Kloster gehört dazu und natürlich das prachtvolle Rathaus mit der imposanten Fassade, dessen Geschichte im 13. Jahrhundert als Kaufhaus und Gerichtsgebäude begann.

Rund um den Rathausplatz scheint die kleinstädtische Welt noch in Ordnung. Es gibt einen Frisör, einen Fleischer, ein Geschäft, das Lebensmittel aus der Region verkauft, kleine Boutiquen und gleich mehrere Eisdielen. Letztere zielen offenbar auf die Touristen ab, die im Sommer die Stadt besichtigen: Jüterbog ist nicht nur wegen seiner zahlreichen Baudenkmäler, sondern auch als Station des Fläming Skate ein touristischer Anziehungspunkt. Der 2001 fertiggestellte Fläming Skate ist ein 230 km langes Wegesystem mit idealen Bedingungen für Skater oder Radler, das durch die Wiesen und Wälder des Landkreises Teltow-Fläming führt.

Quelle: Dolphin Trust, Urheber: Robert Raithel
Symbolischer Spatenstich in der kaiserlichen Artillerieschule ...

Quelle: Dolphin Trust, Urheber: Robert Raithel

Auffallend sind im Stadtzentrum aber nicht nur die überproportional vorhandenen Eisdielen, sondern auch die Geschäfte, die Produkte wie Hörgeräte oder Rollatoren verkaufen. Dafür gibt es offenbar Bedarf: Allein der Fußweg vom Bahnhof ins Zentrum führt an drei Pflegeeinrichtungen vorbei. "Ja, es gibt viele alte Menschen in Jüterbog", sagt Bürgermeister Raue. Aber die Stadt sei gerade dabei sich zu verjüngen. "In den letzten fünf Jahren sind drei neue Kitas gebaut worden, zwei weitere sind in Planung. Auch drei Grundschulen gibt es", zählt Raue auf: "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und unsere Kinder müssen nicht in Containern unterrichtet werden." Wer neue Bewohner in seine Stadt locken will, muss etwas zu bieten haben. Das weiß auch Raue.

Die Möglichkeit, günstig zu bauen, habe in den letzten Jahren junge Familien nach Jüterbog gelockt. Nach Jahren des Bevölkerungsverlusts konnten seit 2011 wieder neue Bewohner gewonnen werden, darunter auch Berliner, die sich in Jüterbog den Traum von einem günstigen Eigenheim erfüllt oder eine preiswerte Wohnung gemietet hätten. Indiz für die gewachsene Nachfrage ist der Anstieg der Grundstückspreise. Vor ein paar Jahren habe man noch für 40 bis 50 Euro/m² ein Stück Land für ein Eigenheim ergattern können. "Inzwischen kostet der Quadratmeter 90 bis 95 Euro", sagt Raue. Demnächst wolle die Stadt eine 7 ha große Fläche in der Nähe der Bahn erwerben, um Grundstücke für ein weiteres Wohngebiet vorhalten zu können. "In den alten Eigenheimgebieten sind alle Flächen weg", sagt Raue stolz.

Was der Bürgermeister erzählt, ist Musik in den Ohren der Gäste. "Sie sehen, wir gehen durch die Decke", schließt Raue enthusiastisch sein Plädoyer im ehrwürdigen Rathaussaal ab. Dass der Bürgermeister gut Wetter macht, ist verständlich. Die Geldgeber hinter dem Entwickler Dolphin Trust könnten schließlich das schaffen, was in den bald 30 Jahren nach der Wiedervereinigung noch nicht gelungen ist, nämlich den in weiten Teilen ausgestorbenen Militärstandort in Jüterbog II, wieder in ein lebenswertes Quartier zu verwandeln. Nach dem Abzug der Sowjetarmee gingen in Jüterbog nämlich die Lichter aus und bis heute stehen viele der einst stolzen Militärbauten auf dem riesigen Areal leer.

Ein wenig dick trägt der Bürgermeister dabei aber auf. Ein Blick in die Bevölkerungsstatistik der Stadt zeigt, dass das Einwohnerplus seit 2011 mit etwas mehr als 200 Menschen eher bescheiden ausfällt. Zwar ist in der gleichen Zeit in den Stadtteilen der Kernstadt auch die Zahl der Geburten gestiegen, doch die hohe Sterberate kann dieses Plus bislang nicht ausgleichen. Den Prognosen zufolge wird sich das bis 2030 nicht ändern, was auch dem hohen Anteil an über 65-Jährigen in der Kernstadt von Jüterbog geschuldet ist, der in den nächsten zwölf Jahren von derzeit um die 40% auf fast 50% steigen wird. Im Klartext heißt das, Zuwanderung wäre die einzige Chance, den Schrumpfungsprozess der Stadt aufzuhalten.

Immerhin gibt es Grund dazu, Raues optimistischer Darstellung von Jüterbogs Zukunft zu folgen: Rückblickend betrachtet hat sich Jüterbog positiver entwickelt, als prognostiziert wurde. Vor allem die Stadtteile der Kernstadt, zu denen auch Jüterbog II zählt, sind gewachsen. Allerdings hat sich der ehemalige Soldatenstadtteil alles andere als zu einem Vorzeigeviertel entwickelt, denn in den alten Plattenbauten, mit denen das Viertel unter den Sowjets erweitert wurde, leben vor allem Menschen, die sich teure Wohnungen nicht leisten können, was dazu beigetragen hat, dass sich Jüterbog II zum sozialen Brennpunkt entwickelte. Für Teile von Jüterbog II und die Gegend rund um den Bahnhof gibt es inzwischen ein Quartiersmanagement. Doch auch davon werden die Gäste von der Shinhan-Gruppe an diesem Tag nichts erfahren.

Stattdessen präsentiert ihnen der von Dolphin Trust mit den Planungen für das neue Stadtquartier beauftragte Architekt Kai-Uwe Schott vom Leipziger Büro Mann & Schott die Vision 2040 für Jüterbog II. Bis dahin sollen 400 Wohnungen in den wieder instand gesetzten denkmalgeschützten Gebäuden und Neubauten entstanden, die komplette Infrastruktur für den Stadtteil gebaut und Freizeitangebote wie ein Waldbad geschaffen worden sein, die auch Skater und Radler vom vorbeiführenden Fläming-Skate anlocken sollen.

Etwas mehr als 311.000 m² Grund mit 32 ehemaligen Kasernengebäuden, die etwa 60.000 m² Nutzfläche bieten, hat Dolphin Trust dafür von der Brandenburgischen Boden erworben. Und ginge es nach Smethurst, könnten weitere Flächen hinzukommen. "Wenn ich nur ein Haus hätte, würde sich kein Mensch für Jüterbog interessieren. Aber wenn ein ganzer Stadtteil entwickelt wird, sieht das anders aus", erklärt er. Im Angebot hätte die Brandenburgische Boden, die für die Vermarktung ehemaliger Armeestandorte zuständig ist, jedenfalls genug Flächen, um das angedachte Stadtquartier zu erweitern. Etwa 800.000 m² stehen noch zum Verkauf. Bisher ist nur ein kleiner Teil der Liegenschaften veräußert, saniert und neu genutzt worden. Weit größer fallen die Flächen aus, die abgerissen und renaturiert worden sind.

Quelle: Dolphin Trust, Urheber: Mann & Schott Architekten
... und die Planungen für ein neues Stadtquartier, das bis 2040 entstehen soll.

Quelle: Dolphin Trust, Urheber: Mann & Schott Architekten

Wie es vor Ort aussieht, erfahren die fernöstlichen Besucher schließlich nach dem offiziellen Termin im Rathaus. Doch bevor es mit den schwarzen VIP-Bussen zu einem symbolischen Spatenstich im Theatersaal der ehemaligen kaiserlichen Artillerieschule geht, steht die Besichtigung eines frisch sanierten Kasernengebäudes in der Tauentzienstraße 27 an, wo die AWO Potsdam eine Sozialstation mit 60 Wohnungen betreibt. Der ausgebrannte Dachstuhl des Seitenflügels sei ein "Bild des Grauens" gewesen, erzählt die Pflegedienstleiterin. Davon ist nichts mehr zu sehen. Helle Räume und lichte Treppenhäuser mit Decken im Stil gotischer Spitzbögen empfangen die Gäste und eine großzügige Gemeinschaftsterrasse ist auf dem Seitenfügel mit dem ausgebrannten Dachstuhl entstanden.

Den Besuchern aus Asien das restaurierte Kasernengebäude Baujahr 1898 zu zeigen, bevor es zur Artillerieschule geht, ist ein kluger Schachzug. Von der einst prunkvollen Ausstattung dieses Bauwerks ist nach Jahrzehnten des Leerstands nämlich nichts übrig geblieben. Über der Bühne des früheren Theatersaals sind Teile der Decke eingestürzt und die Natur hat schon begonnen, sich den Raum zurückzuerobern. Gleich neben der Bühne ist ein Sandhaufen aufgeschüttet und ein paar Spaten stehen bereit. Ein seltsam unwirkliches Szenario, doch die Gäste lächeln höflich. "Der symbolische Spatenstich fand hier statt, um die gute Zusammenarbeit bei diesem Projekt zwischen Shinhan Investment und Dolphin Trust zu verdeutlichen", erklärt die Sprecherin des Entwicklers.

Bis tatsächlich gebaut wird, werden indes noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Bislang laufen lediglich die Abstimmungen für die Planungen mit der Stadt und Baurecht muss erst noch geschaffen werden. "Man kann aus dieser alten Bausubstanz etwas Fantastisches machen und es gibt auch Nutzer dafür", zeigt sich Bürgermeister Raue überzeugt. "Die Hauptstadt greift in Größenordnungen nach dem Umland", ergänzt er dann noch, als wolle er die leisen Zweifel, die durch die Ruine geistern, vertreiben.

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