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Unternehmen | 14.01.2016

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Aus IZ01-02/2016, S. 11

Von Christoph von Schwanenflug

In diesem Artikel:

Große Kunst: Weltbild halbiert sein Filialnetz

Bild: IZ
Einer der wenigen Weltbild-Läden, die auf Lesensart umgestellt wurden. Inzwischen sind alle Geschäfte von Lesensart zu.

Bild: IZ

Weltbild hat sein Filialnetz rücksichtslos gestutzt. Unter der Ägide des kunstsinnigen Düsseldorfer Investors Droege griff die Buchkette dabei zu merkwürdigen Methoden: Der Mann fürs Grobe k [...]

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Von 220 auf 87 - Chronik des Filialabbaus bei Weltbild

10. Januar 2014: Die Verlagsgruppe Weltbild meldet beim Amtsgericht Augsburg Insolvenz an. Medienberichten zufolge sind die Gesellschafter, darunter zwölf katholische Bistümer, nicht mehr bereit, die Verluste zu tragen. Weltbild führt bundesweit rund 220 Buchhandlungen, hauptsächlich Weltbild und Jokers. Diese werden in einer gemeinsamen Gesellschaft namens DBH Buch Handel mit der Firma Hugendubel gehalten. Insolvenzverwalter von Weltbild wird Arndt Geiwitz, bekannt als Insolvenzverwalter des Drogeriemarkts Schlecker.

Februar 2014: Das Erzbistum München-Freising sowie Banken geben Weltbild je 10 Mio. Euro Kredit (Quelle: Süddeutsche Zeitung), um das Filialgeschäft zu stützen. Hugendubel und Weltbild trennen sich, indem Weltbild seine Filialen aus der DBH Buch Handel löst.

21. Februar 2014: Insolvenzverwalter Geiwitz hat Weltbild neu strukturiert. Die Filialen werden in die Gesellschaft Weltbild Plus eingebracht, für die ein Schutzschirmverfahren beantragt wird.

28. April 2014: Weltbild Plus verkündet die Schließung von 53 von 220 Filialen. 293 Mitarbeiter, darunter 114 geringfügig Beschäftigte, sind betroffen. Letztere erhalten eine Abfindung, die Festangestellten können in eine Beschäftigungsgesellschaft wechseln, die ihnen u.a. bis zu einem Jahr 90% bis 100% ihres bisherigen Nettoeinkommens sichert. Die Gewerkschaft Verdi lobt: "Die gute Ausstattung wäre nicht möglich gewesen, hätte die Kirche ihre finanziellen Zusagen nicht eingehalten."

12. Mai 2014: Geiwitz verkündet den Verkauf von Weltbild an die Münchner Beteiligungsgesellschaft Paragon Partners.

16. Juli 2014: Geiwitz informiert die Öffentlichkeit, dass Weltbild nicht an Paragon, sondern an das "Familienunternehmen Droege Group" aus Düsseldorf verkauft werde. Über die Zukunft "rund 20 weiterer defizitärer Verkaufsstellen" werde verhandelt, so Geiwitz.

10. Oktober 2014: Das Closing der Transaktion wird verkündet. Droege übernimmt 60% von Weltbild, Geiwitz 40%. Er vertritt im Beirat von Weltbild die Interessen der Gläubiger. Kapitalerhöhung von 20 Mio. Euro. Der bisherige Droege-Manager Sikko Böhm wird einer der drei Geschäftsführer von Weltbild. Sein Ressort: "Projekte und Effizienz".

10./11. Februar 2015: Die Geschäftsführung von Weltbild, der Betriebsrat sowie je ein Vertreter von Droege und Geiwitz treffen sich in einem Hotel in Weimar, um über den Verkauf von 67 Filialen an die Buchhandlung Lesensart Rüdiger Wenk zu beraten. Bernhard Ludwig Winkelhaus von einer Firma namens GUO Unternehmensberatung in Berlin stellt ein Konzept vor, wie die Zukunft von Lesensart aussehen soll. Das Konzept klingt einem Teilnehmer zufolge "schlüssig". Rückwirkend zum 1. Februar 2015 wird der Verkauf des Geschäftsbetriebs der Filialen an Lesensart beschlossen.

3. März 2015: Weltbild gibt den Verkauf der 67 Filialen an Lesensart bekannt. 85 Filialen bleiben bei Weltbild. "Für Weltbild heißt es nun, volle Kraft voraus", sagt Weltbild-Geschäftsführer Patrick Hofmann.

Mai und Juni 2015: Die ersten Lesensart-Filialen schließen. Nur wenige Geschäfte werden sichtbar von Weltbild auf Lesensart umgestellt. Die meisten Vermieter stimmen dem Eintritt von Lesensart in die Weltbild-Mietverträge nicht zu. In diesen Fällen muss Weltbild als Hauptmieter weiter die Mieten bezahlen, stellt diese dann aber Lesensart in Rechnung.

26. Juni 2015: Der Lesensart-Betriebsrat bittet in einem offenen Brief Weltbild-Geschäftsführer Patrick Hofmann, Droege-Vorstand Walter P.J. Droege sowie Arndt Geiwitz um Hilfe. Die neuen Eigentümer hielten sich "zu keiner Zeit" an das im Februar vorgestellte Konzept. Der Lesensart-Betriebsrat schreibt an die Filialleiter, sie sollten sich hüten, Filialen gemäß den Konditionen von Wenk/Winkelhaus zu kaufen. "Vorsicht - Privatinsolvenz droht!!!", heißt es in dem Warnbrief.

22. Juli 2015: Die Buchhandlung Lesensart Rüdiger Wenk meldet beim Amtsgericht Münster Insolvenz an. Die Firma betreibt noch rund 55 Filialen. Zum Insolvenzverwalter wird Ulrich Zerrath bestellt.

1. Oktober 2015: Das Insolvenzverfahren gegen Lesensart wird eröffnet. Lesensart hat noch etwa 40 Geschäfte.

Oktober 2015: In einem Interview mit dem Börsenblatt verteidigt Weltbild-Geschäftsführer Sikko Böhm den Lesensart-Deal. "Das Konzept hat nicht nur uns überzeugt, sondern auch die Arbeitnehmervertreter und die Mitarbeiter." Mitarbeiter von Lesensart bekommen einen schlechteren Sozialplan als die Weltbild-Mitarbeiter rund ein Jahr zuvor: maximal 80% des letzten Gehalts, höchstens vier Monate. Unlängst wurde auf fünf Monate verlängert.

30. November 2015: Das letzte Lesensart-Geschäft wird geschlossen.

10. Dezember 2015: Weltbild hat inklusive Jokers bundesweit 87 Filialen - 133 weniger als rund zwei Jahre zuvor. cvs