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| 21.10.1999

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Aus IZ22/1999, S. 13

Von tp

In diesem Artikel:

Baubegleitende Qualitätssicherung: Schutz vor den "Zukleisterern" Milliardenschäden durch Pfusch am Bau / Ursache liegt oft schon in der Planung

Frankfurt am Main (tp) - Milliardenschäden entstehen jedes Jahr durch Pfusch am Bau. Der Grundstein dafür wird meist schon in der Planung gelegt. Eine baubegleitende Qualitätssicherung könnte einen en [...]

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Frankfurt am Main (tp) - Zahlreiche Ursachen für die mangelhafte Bauqualität in Deutschland benennt Prof. Dr. Rupert Springenschmid im IZ-Gespräch. Neben mangelhaften Fachkenntnissen kritisiert er auch die Regelungswut am Bau.

Immobilien Zeitung: Wir haben in Deutschland und Europa für alle technischen Belange des Bauens ein ausgefeiltes Regelwerk. Wie erklären sich vor diesem Hintergrund die enormen Bauschäden in Milliardenhöhe pro Jahr?

Prof. Dr. Rupert Springenschmid: Für alle technischen Belange des Bauens gibt es DIN-Normen, die für die Ausführung und Prüfung oft so verbindlich sind wie die Gesetze oder die Straßenverkehrsordnung. Während die Normen früher eher einfach und kurz gehalten waren, wird heute der Umfang der Normen und anderer technischer Regelwerke, die am Bau eingehalten werden müssen, immer größer. Selbst wenn man sich auf die wichtigsten Teile beschränkt, ist der Berg von Regeln kaum mehr zu überblicken. Die europäischen Normen, an denen man seit mehr als zehn Jahren arbeitet, werden allmählich fertig und eingeführt, was in vielen Bereichen eine gwaltige Umstellung auf ein noch umfassenderes Normenwerk bedeutet.

IZ: Heißt das, daß die Normen-Masse die Schäden erst begünstigt, die sie eigentlich vermeiden will?

Springenschmid: Das ist ein wichtiger Aspekt. Ein anderer ist, daß Normen die Sache von Kommissionen sind, denen Vertreter der beteiligten Länder und Berufsfelder angehören. Während in anderen Staaten die Normenarbeit und damit verbundene Reisekosten vom Staat getragen werden, werden in Deutschland kaum Mittel von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt - und das bei einem jährlichen Bauvolumen von rund 360 Mrd. DM! Unabhängige Sachverständige, zum Beispiel von Hochschulen, sind daran meist nur am Rande beteiligt. Mit einem Wort: Wir brauchen einheitliche, für alle Bundesländer gültige Normen, an deren Festlegung unabhängige Sachverständige mitwirken müssen, die dafür vom Staat bezahlt werden.

IZ: Eine erhebliche Rolle bei der Zunahme der Baumängel spielt Ihrer Ansicht nach der Preis- und Zeitdruck am Bau.

Springenschmid: Bei der Bauausführung durch die Firmen des Bau- und Ausbaugewerbes hat der überzogene Wettbewerb, den wir seit einigen Jahren haben, zu einem ähnlichen Anstieg der Fehler und Mängel geführt. Gut ausgebildete Bauhandwerker und einigermaßen auskömmliche Preise waren bisher eine wichtige Grundlage für solides Bauen. Wenn heute deutsche Facharbeiter wegen der hohen Tariflöhne entlassen werden müssen und Kolonnen aus Niedriglohnländern - meist fachlich viel weniger qualifiziert - im Einsatz sind, bringt dies ein erhöhtes Fehlerrisiko. Darüber hinaus brauchen diese Kolonnen eine viel intensivere Überwachung. Wenn für eine Wohnhausdecke eine portugiesische Firma die Schalung errichtet, Polen die Eisen verlegen und ein Team, in dem sich die Vielfalt der Sprachen des Orients widerspiegelt, den Beton einbaut, ist dies vielleicht billiger. Ein Beitrag zur Qualitätssteigerung ist dies sicher nicht.

IZ: Welche Mängel und Fehlerquellen gibt es denn außer den genannten?

Springenschmid: Neben vorsätzlichen "Einsparungen" spielen heute Fehler durch mangelhafte Fachkenntnisse und unzureichende Überwachung eine noch größere Rolle. Eine Qualitätssicherung, wie sie in der Industrie üblich ist, muß auch auf Baustellen die Regel werden, obwohl sie auf den vielen oft kleinen Baustellen viel schwerer durchzuführen ist. Auch haben wir am Bau sich immer wieder ändernde Produktionsvorgänge und oft auch Arbeiten, die auf das Wetter abgestimmt werden müssen. Qualitätssicherung darf sich aber nicht auf das Ausfüllen von Protokollen beschränken, sondern erfordert hochqualifizierte Ingenieure mit einem Blick dafür, Fehler, noch bevor sie entstehen, zu erkennen und zu vermeiden.

IZ: Aus Brüssel ist zu hören, daß künftig auch die Architekten und Ingenieure in den Wettbewerb mit einbezogen werden sollen. Was bedeutet dies für die Planer und Bauträger?

Springenschmid: Bei der Planung zu sparen, einem besonders preisgünstigen Architekten Entwurf und Detailplanung zu übertragen, der aber zu wenig Erfahrung hat und den Aufgaben nicht gewachsen ist, kann Ursache großer Mängel sein, die oft nicht mehr behebbar sind. Bisher wurden Architekten und Ingenieure nach einer einheitlichen Honorarordnung bezahlt. In jüngster Zeit glauben sogenannte Wettbewerbshüter in Brüssel, man müsse auch die Architekten und Ingenieurbüros in den Wettbewerb einbeziehen, ihre Honorare drücken oder die Aufträge gleich dem Billigsten geben. Sie übersehen dabei, daß es sich um "geistige Leistungen" handelt, bei denen es schon immer einen harten Wettbewerb über die Qualität der Leistung gab. Sie dürfen aber nicht noch zusätzlich einem Preiswettbewerb unterliegen. Wer würde sich schon mit seiner Blinddarmentzündung an den Billigstbieter unter den Krankenhäusern wenden? Schließlich werden Häuser nicht für morgen gebaut, sondern für Generationen. Die Bewohner müssen auch nach 50 oder 100 Jahren noch zufrieden sein - eine Herausforderung an Weitblick und Schöpfungskraft des Planers.

IZ: Herr Prof. Springenschmid, wir bedanken uns für das Gespräch.