IMMOBILIEN ZEITUNG – AKTUELLE AUSGABE
Immobilien Zeitung vom 11.03.2010
Wohnen in Rostock
Neue Wohnungen auf alten Gleisen
Zehn Minuten Fußweg von der Innenstadt entfernt wächst auf dem alten Güterbahnhof Friedrich Franz Rostocks größtes neues innerstädtisches Wohngebiet. Rund 60 Mio. Euro fließen entlang der alten
Gleise.
Als Reinhard Köster und Jan-Peter Nissen den ausgemusterten Rostocker Güterbahnhof mit 70.000 qm Fläche 2006 kauften, war dem Diplomingenieur und dem Juristen klar: Die Erlangung von Baurecht, die Abstimmung mit dem Denkmalschutz und all das, was Projektentwickler und Investoren zu Genüge kennen, braucht Zeit. Um das gekaufte und bezahlte Areal nicht "durchfüttern" zu müssen, kreierten die beiden auf 7.000 qm einen Parkplatz für die Innenstadt. 3 Euro kostete die Stellfläche am Tag.
Doch die Tage dieser Zwischenfinanzierung sind schon gezählt. Die Entwicklung der Bahnbrache zu einem innerstädtischen Quartier mit Wohnungen im Industriedenkmal, ergänzenden Neubauten und Senioreneinrichtungen sowie einem Supermarkt mit Parkdeck gewinnt an Fahrt.
Auch drei Mal verkaufen können
Bereits Anfang 2008 hat der Güstrower Pflegeheimbetreiber Lars Wutschke das alte Bahnhofsgebäude von Nissen und Köster erworben. Er investierte 3,3 Mio. Euro in eine Seniorenwohnanlage, die Anfang 2009 eröffnete.
Im alten Abfertigungsgebäude des Güterbahnhofs hat das Duo als Eigentümer der Firma Wohnpark Rostock Lofts und Reihenhäuser realisiert. Die Häuser mit 160 qm Nutzfläche plus Garage kosteten 250.000 Euro. Die Lofts mit bis zu 450 m2 Fläche waren ab 320.000 Euro zu haben. Beide bis Juni 2009 fertiggestellten Angebote "hätten wir auch das zweite und dritte Mal verkauft gekriegt", sagt Nissen.
Im Sommer 2010 sollen die nächsten Schritte erfolgen. Die Grundstückseigentümer erwarten Baurecht für den historischen Lokschuppen auf dem Gelände. "Die Sache eilt", sagt Nissen, "das Dach hat ein Loch. Das darunterliegende Gebäude wird davon nicht besser."
Schön zum selber einziehen
Vier Wohnungen, zwischen 250 und 320 qm groß, sollen im historischen Lokschuppen wachsen. Verkauft werden hier keine fertigen Zuhause, sondern nur die Grundstücke, die Hülle und das Baurecht. Trotzdem kann das Unternehmen dafür 170.000 Euro pro Einheit oder 175 Euro/qm kassieren. Die Preise sind ambitioniert, obwohl die Immobilienpreise in der Stadt im vergangenen Jahr gestiegen sind.
So schön, dass man es fast behalten möchte, wird das denkmalgeschützte alte Stellwerkshäuschen nach der Sanierung sein. Interessenten gebe es bereits mehrere, sagt Nissen, der glatt selber einziehen würde, kriegte man in einer Zweizimmerwohnung bloß eine ganze Familie unter.
Ergänzend zu den Bauten im historischen Bestand kommen neue Wohnungen. Mit gut 120 Unterkünften entsteht der Löwenanteil des Projekts im klassischen drei bis vier Stockwerke zählenden Geschosswohnungsbau. Errichtet werden die Häuser von einer Rostocker Wohnungsgenossenschaft und einem privaten Unternehmen, das hier Mietwohnungen realisieren will. Spätestens im April will Jurist Nissen diese Investoren zum Notar schleppen.
Ambitionierte Preise
Gleichzeitig wachsen auf der Freifläche rund um den historischen Lokschuppen sieben zweigeschossige Stadtvillen, drei Mehrfamilienhäuser und drei Doppelhäuser. Die Stadtvillen auf je 1.000 qm Grund werden für 160 bis 180 Euro/qm verkauft. "Damit geht es ab 350.000 Euro pro Wohnung los", erklärt Nissen. Ein zweigeschossiges Mehrfamilienhaus teilt sich in vier Wohnungen mit je 108 qm Wohnfläche, die die beiden Investoren für 230.000 Euro einschließlich Carport unter Rostocker Familien bringen wollen. Die drei geplanten Doppelhäuser mit ihren zusammen sechs Einheiten werden für 250.000 Euro offeriert.
Rund um das hübsche kleine Stellwerkshäuschen ist das so genannte Stellwerkquartier mit fünf zweigeschossigen Einfamilienhäusern auf 600 bis 1.000 qm Grundstück vorgesehen. 175 Euro/qm möchten die Wohnpark-Eigner dafür nehmen.
Anfang 2011 soll mit den Bauten begonnen werden, Ende 2011 können die Möbelwagen vorfahren.
Zeitgleich ergänzt wird das Wohnungsangebot durch ein Geschäftshaus mit Supermarkt und Parkdeck auf dem 7.000 qm Grund, das derzeit noch durch Parkgebühren ein wenig zur Zwischenfinanzierung beiträgt.
Familien und Landflüchtlinge
Der Kindergarten, den jedes neue Wohngebiet braucht, soll am 1. Januar 2011 in Betrieb gehen. Die Baugenehmigung für den 1 Mio. Euro teuren Bau für 100 Kinder ist beantragt, die Fördermittel werden fließen und mit dem Institut für Lernen und Leben ein Betreiber gefunden, bestätigt der Grundstückseigentümer.
Gefragt sind die Wohnungen und Häuschen in zentraler Lage von Familien mit Kindern, von Ehepaaren und von Senioren, die früher einmal auf dem Lande gebaut haben und sich jetzt zurück in die Stadt sehnen. Beliebt sei der Küstenort auch als Altersruhesitz, heißt es beim Immobilienverband Deutschland IVD.
Bis Ende März alles verkaufen
Tatsächlich gehört Rostock zu den wenigen Städten in Ostdeutschland, die in den letzten Jahren beständig gewachsen sind. Aktuell leben etwas über 200.000 Menschen in der Hansestadt, und auch künftig wird es Prognosen zufolge weitere Zuzüge geben. Laut statistischen Berechnungen der Stadt wird die Zahl der wohnungsnachfragenden Haushalte im innerstädtischen Bereich bis 2015 um 12,8% zunehmen. "50% der kleinteiligen Bebauung ist fest reserviert", sagt Nissen, "gemeldet haben sich alles Leute, die dann auch unterschreiben." Da diese Hälfte durch Mundpropaganda ohne aktive Vermarktung platziert werden konnte, ist der Güterbahnhofsbesitzer ebenfalls fest davon überzeugt, Ende März das ganze Areal verkauft zu haben. (gg)

