Retail-Marktstudie 2012
2012, 498 Seiten, Paperback
668,75 €
Deutsche Architekten planen die drittgrößte Moschee der Welt in Algier, Fußballstadien für Weltmeisterschaften, Bürotürme und öffentliche Gebäude überall auf der Welt. Doch so unterschiedlich die Projekte sind: Gibt es eine "Baukultur made in Germany", die Bauherren und Investoren schätzen und mit der Planer internationale Wettbewerbe gewinnen? Ja, sagen Branchenvertreter. Weil Architekten nicht nur die schillernden Einzelgebäude planen, sondern auch das Umfeld einbeziehen und in Sachen Nachhaltigkeit eine Vorreiterrolle einnehmen. Und weil sie u.a. für das stehen, was "made in Germany" aussagt: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Gründlichkeit.
Bild: KSP Jürgen Engel Architekten
Allein die Grunddaten sind gewaltig: 1,042 Mrd. Euro sind für den Bau der Großen Moschee von Algier in Algerien veranschlagt, für deren Pläne KSP Jürgen Engel Architekten, Frankfurt, und das Darmstädter Ingenieurbüro Krebs und Kiefer verantwortlich sind. Ab Anfang 2012 wird die Djamaa el Djazair gebaut. Wenn sie voraussichtlich Mitte 2016 fertig ist, bietet ein Gebetssaal bis zu 37.000 Menschen Platz, ein 256 m hohes Minarett wird das höchste der Welt sein. Der gesamte Komplex mit etwa 400.000 m2 Bruttogrundfläche (BGF), zu dem Einrichtungen wie ein Museum, Kultur- und Konferenzzentrum, Bibliothek und theologische Hochschule gehören, wird bis zu 120.000 Menschen am Tag aufnehmen können.
Kein Wunder also, dass Architekt Jürgen Engel, geschäftsführender Gesellschafter des Büros, die Moschee neben der chinesischen Nationalbibliothek in Peking und dem Kunstmuseum von Tianjin zu den wichtigsten Bauten seines Büros zählt. Es sei ein sehr strenger Entwurf zu einem modernen Gebäudekomplex geworden, der den nordafrikanischen Typus einer Moschee "sehr konsequent abbildet", sagt Engel. Die Architektur sei modern und abstrakt, gleichzeitig aber zeige sie die Verbindung zur islamischen Kultur.
Warum sich ein deutsches Architekturbüro bei internationalen Wettbewerben durchsetzt? Sicher nicht allein aufgrund der architektonischen Gestaltung, die, "wenn man es verallgemeinern will, im Ausland als rationaler und strenger, aber auch technisch versierter wahrgenommen wird", so Engel. Auch Axel Bienhaus, Mitglied der Geschäftsleitung und Partner bei Albert Speer & Partner (AS&P), hält deutsche Architektur "für einen Tick nüchterner", aber im Ausland hochgeschätzt: "Eine Architektur frei von funktionalen Bedürfnissen des Kunden ist nicht unbedingt Sache der deutschen Architekten." Auch wenn, so Roland Dieterle, Chef des Büros Spacial Solutions, Architektur dadurch als "zu wenig signifikant, zu wenig repräsentativ oder arm angesehen" wird.
Also scheint es auch die detaillierte und zuverlässige Arbeit zu sein, mit der deutsche Planer punkten können. Immerhin sei der spätere Zweck des Gebäudes "wesentlicher Bestandteil der Planungen", so Engel. "Das ist nicht überall so." Im Ausland nehme man deutschen Planern ab, dass sie ihren Job "bis zum Ende gut machen". So sieht es auch Bienhaus: Die klassischen deutschen Tugenden Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Gründlichkeit sowie eben die Planungskultur und die gute Ausbildung zeichneten deutsche Architekten aus.
Diese Eigenschaften sind "Segen und Fluch zugleich", sagt Roland Dieterle, der auch Professor an der Fakultät für Architektur und Gestaltung an der Hochschule für Technik Stuttgart ist. Nachteile seien z.B. höhere Kosten und dass "in vielen Teilen der Welt lieber in Beton und Stahl und möglichst wenig in Brainwork investiert" wird.
Und da kann ein bisschen Werbung nicht schaden: Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesbauministerium, nutzte Anfang November die Eröffnung des deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale in São Paulo dazu: "Die deutschen Planer gehören zu den besten weltweit. Sie können weltweit dazu beitragen, die dynamische Entwicklung in Stadtentwicklung und Infrastruktur zu gestalten." Unter dem Titel "Baukultur made in Germany" wurden dort neben den Beiträgen aus 14 weiteren Ländern gut einen Monat lang 20 national und international realisierte Projekte deutscher Planer gezeigt. Dazu zählten zum Beispiel das Cape Town Stadium in Kapstadt (gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner), das sanierte und zum Teil neu gebaute Zentraldepot des Albertinum Dresden (Staab Architekten), die Erweiterung der Europäischen Investitionsbank Luxemburg (ingenhoven architects) sowie Empfangsgebäude, Gewächshäuser und Forschungszentrum im Botanischen Garten Schanghai (Auer+Weber+Assoziierte).
Bild: gmp, Spacial Solutions, AS&P
Was alle Projekte gemeinsam haben? Sie stünden für nachhaltiges Bauen und klimaspezifische Lösungen, so Bomba. Die Qualität deutscher Architektur- und Ingenieurbaukunst sei heute untrennbar mit dem Thema verbunden, sagt auch Gabriele Seitz, Projektleiterin beim Netzwerk Architekturexport der Bundesarchitektenkammer (BAK). Darüber hinaus seien deutsche Architekten im Ausland gefragt, wenn es um Spezialisierungen wie Bauen im Bestand, Hotel- oder Stadionbauten und die Gestaltung öffentlicher Plätze gehe.
Michael Frielinghaus, Präsident des Bunds Deutscher Architekten, betrachtet die Arbeit deutscher Planer als umfassende Gesamtaufgabe: Sie beziehen das Umfeld ein und streben ein Ergebnis an, "das auf den Ort und dessen Geschichte eingeht". Außerdem würden sie hierzulande im Idealfall das Projekt von der ersten Skizze bis zum fertigen Gebäude begleiten. Das sei zum Beispiel in angelsächsischen Ländern nicht der Fall, wo sie meist als reine Designer nicht mehr für die konstruktive Umsetzung zuständig seien, sondern "mit der Hülle quasi den gestalterischen Puderzucker über ein Gebäude streuen sollen. Ganz nach dem Motto: Machen Sie es ein bisschen chic". Und nicht nur bei uniformierten Vorort-Wohnsiedlungen, sondern auch beim Planen von Wolkenkratzern stelle sich die Frage, ob eine Globalisierung der Architektursprache gewünscht sei. Gerade in Städten wie Dubai oder Schanghai, die sich in kurzer Zeit sehr schnell entwickelt haben, werde oftmals ohne Bezug zum Ort gebaut. Da sei es eine städtebauliche Grundsatzfrage, ob man viele spektakuläre Einzelbauten wolle oder Gebäude, die in einem städtebaulichen Kontext zueinander stehen. Gerade beim zweiten Punkt setzten deutsche Architekten Maßstäbe, so Frielinghaus.
Wenn es darum geht, was deutsche Architekten auszeichnet, greifen Branchenvertreter gern das Modewort "Nachhaltigkeit" vor allem im Bezug auf ressourcen- bzw. energiesparendes Bauen und die lange Nutzbarkeit der Gebäude auf. Im Gegensatz z.B. zu den Amerikanern, die diese Worthülse in erster Linie fürs Marketing nutzten, seien die deutschen Standards denen vieler anderer Länder weit voraus, sind sich Bienhaus, Dieterle, Engel und gmp-Partner Hubert Nienhoff einig. Und wenn Schwellenländer begännen, über nachhaltige und energiesparende Bauweise nachzudenken "ist das eine Chance für uns", sagt Engel.
Das scheinen auch andere Architekturbüros so zu sehen. So gehören auch für AS&P neben "dem gestalterischen Anspruch" Nachhaltigkeit und Energieeffizienz zu wichtigen Aspekten der Arbeit. Weil diese zu Boom-Zeiten in Dubai keine Rolle spielten, habe sich das Büro dort bewusst nicht an Projekten beteiligt. "Wir bauen keine Palmen ins Wasser", sagt Bienhaus. Anders sei das mittlerweile zum Beispiel in Saudi-Arabien. Dort baut AS&P in der Altstadt der Hauptstadt Riad ein Gerichtsgebäude für 39,5 Mio. Euro (57.000 m2 BGF), bei dem die etwa 60 cm tiefe Kalksandsteinfassade des knapp 45 m hohen Kubus in der Altstadt die Sonneneinstrahlung vermindert. Das Ziel: Unter anderem mit Hilfe einer tieferen Planung und den entsprechenden Mehrkosten soll eine abschließend höhere Qualität des Gebäudes erreicht werden.
Auch im Stadionbau setzen deutsche Architekten und Ingenieure Maßstäbe, wenn es darum geht, die hohen Anforderungen an Konstruktion und Atmosphäre dieser Bauwerke zu erfüllen, so Frielinghaus. Aber auch die Aspekte Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Gründlichkeit seien gefragt, wenn es darum gehe, Fifa-Richtlinien und Zeitpläne einzuhalten, sagt Nienhoff. gmp hat 20 im Bau befindliche oder fertiggestellte Stadien geplant und sieht sich in diesem Bereich als weltweit erfolgreichstes Architekturbüro. War das Thema Nachhaltigkeit bei drei gmp-Stadien in Südafrika (Port Elizabeth, Kapstadt und Durban) ein wichtiger Aspekt, ist es bei den dreien in Brasilien (Manaus, Belo Horizonte und Brasilia) "eine zentrale Aufgabe". Auch für die WM in Katar im Jahr 2022 werden zwölf Stadien neu bzw. umgebaut (Baukosten etwa 3,7 Mrd. USD). Hier hat sich AS&P für die Planung von acht Arenen mit einem Vorentwurf beworben und rechnet sich gute Chancen aus, einige Zuschläge zu bekommen. Zentrale Herausforderungen: Rückbau auf ein nach der WM angemessenes Maß an Zuschauerplätzen und das Herunterkühlen der Außentemperatur von über 40 Grad mit Hilfe von Solarthermie auf maximal 27 Grad.
Ob nun Stadion oder Bürohochhaus oder Wohnimmobilie: Hochwertige Architektur ist "mit normalen Budgets zu machen", sagt Dieter Becken, gelernter Maurer, studierter Architekt, Bauingenieur und Projektentwickler aus Hamburg (siehe "3 Fragen an" auf dieser Seite). Darüber hinaus seien Gebäude mit einer anspruchsvollen Architektur auf lange Sicht besser zu verkaufen und auch an Mieter zu vermarkten. "Außerdem ist man darauf stolzer." Eine richtig verstandene Nachhaltigkeit schließe darüber hinaus einen Renditeverzicht aus, so Dieterle, auch wenn ein optimiertes Produkt "unweigerlich mit einem erhöhten Planungs- und Überwachungsaufwand verbunden ist". Aber auch hier gebe es den Hang, lieber in teure Materialien als in Planungsarbeit zu investieren.
Allerdings sind deutsche Architekten wohl nicht so sehr darauf erpicht, ihre Qualitäten in die Welt zu tragen: Es sind grundsätzlich zu wenige mit Auslandsengagement, meint BDA-Präsident Frielinghaus. Gabriele Seitz geht davon aus, dass sich etwa 5% der deutschen Büros im Ausland engagieren. Das 2001 gegründete Netzwerk Architekturexport (NAX) hat sich zum Ziel gesetzt, den Auslandsexport zu fördern. Eine gerade erst abgeschlossene Umfrage unter den gut 40 NAX-Mitgliedern hat die bevorzugten Ziel-Länder der Büros betrachtet: Am interessantesten sind für sie China (34%) und Osteuropa (33%), gefolgt von Indien (19%). Der Nahe Osten, Nodafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate kommen zusammen auf 16%.
Demgegenüber seien z.B. amerikanische, kanadische und japanische Architeken "immer stark im Export tätig gewesen. In Deutschland ist das nicht der Fall", so Engel. Als eine Begründung dafür sieht er die unterschiedliche Größe der Büros: Sie verfügten in den genannten Ländern zum Teil über 800 bis 2000 Mitarbeiterund somit "über ganz andere Möglichkeiten, sich im Ausland gegen Konkurrenz durchzusetzen, als deutsche Büros". Hierzulande zähle KSP Jürgen Engel mit 250 Mitarbeitern inklusive der Auslandsstandorte zu den größten. Es schein wohl auch typisch deutsch zu sein mit den eigenen Qualitäten nicht unbedingt hausieren zu gehen.
Herr Becken, gibt es in Deutschland noch mutige Bauherren, oder nimmt die Sucht der Geldgeber nach Rendite auf Kosten der Architektur zu?
Bild: Becken Holding
Große und spektakuläre Gebäude haben entweder öffentliche Bauherren wie Städte, Bahn und Post oder private Investoren gebaut. Denken Sie nur an die wunderschönen Rathäuser, Bahnhöfe, Wohn- und Gewerbeimmobilien, die im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurden. In den letzten 20, 30 Jahren haben wir aber ein Riesenproblem, weil diese traditionellen Bauherren wegfallen. Der öffentlichen Hand fehlen bis auf einige Ausnahmen das Know-how, das Geld und die politische Rückendeckung. Private Bauherren ziehen sich zurück, weil sich vor allem bei der Finanzierung die Sicherheitsansprüche verändert haben. In den 80er und 90er Jahren gab es von den Banken nahezu 100% Fremdkapital, heute sind es 60% bis 70%. Wenn man keine Rendite von 6% bis 7% nachweisen kann, klettern die Eigenkapitalanforderungen auf weit über 50%. Für Projekte wie den Berliner Bogen, für den wir 2003 den Mipim-Award gewonnen haben, würde ich heute nicht einen Cent mehr von den Banken bekommen.
Welche Konsequenzen hat das für die deutsche Architektur?
Die Häuser werden einheitlicher, es gibt weniger Experimente. Projekte wie die Elbphilharmonie oder das Doppel-XX-Haus wird es in Zukunft kaum mehr geben, da Politik und auch die private Seite nicht mehr bereit sind, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Auch die Architektur unserer Projekte ist heute weniger spektakulär als die von vor zehn Jahren.
Ist anspruchsvolle Architektur denn grundsätzlich teurer als das Standard-Programm?
Gute Architektur ist mit einem normalen Budget möglich. Voraussetzung dafür ist, dass man sich darüber Gedanken macht, was gute Architektur ausmacht. Ein erster Schritt dorthin ist, gute Architekten über entsprechende Wettbewerbe zu finden.
Die Werte in Klammern geben die Anzahl der gefundenen Suchtreffer wieder.

Weitere aktuelle Stellenanzeigen finden Sie im Jobportal der Immobilien Zeitung unter IZ-Jobs.de.
| Mo | Di | Mi | Do | Fr | Sa | So |
|---|---|---|---|---|---|---|
Tel. 0611 / 97 32 6 - 0
Fax 0611 / 97 32 6 - 31
info@iz.de