IMMOBILIEN ZEITUNG – AKTUELLE AUSGABE
Immobilien Zeitung vom 14.05.2009
Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz
Keine Angst vor der Hyperinflation
Wirtschaftsforscher sind sich in Sachen Konjunkturprognosen meist merkwürdig einig – auch dann, wenn sie danebenliegen. Zu denen, die sich vom Mainstream gerne mal unterscheiden, zählt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Er rechnet in Deutschland 2009 mit einem Wirtschaftswachstum von -3%. Das klingt nur halb so schlimm wie die -6%, die andere Häuser und die Bundesregierung einplanen. Wir sprachen mit Heise über die Konjunktur, die Gefahren einer Inflation und die Aussichten für die Immobilienwirtschaft, neue Subventionen zu bekommen.
Immobilien Zeitung: Herr Heise, warum sehen Sie die Konjunkturaussichten in Deutschland weniger schwarz als andere?
Michael Heise: Ich bin nicht euphorisch, aber ich halte die aktuell verbreiteten Untergangsszenarien für übertrieben. Warum? Ich glaube, es wird zum Beispiel zu wenig beachtet, dass weltweit Konjunkturpakete im Umfang von etwa 3% des Weltsozialprodukts aufgelegt worden sind. Zudem sind die Rohstoffpreise massiv gefallen. Das ist in seiner Bedeutung für Deutschland ungefähr so, wie die Mehrwertsteuer um drei oder vier Prozentpunkte zu senken. Und nicht zuletzt: Auch Konjunkturprognosen können prozyklisch sein. So waren die meisten Marktforscher Anfang 2008 sehr optimistisch, obwohl es schon negative Indikatoren wie den hohen Ölpreis oder die schwache US-Konjunktur gab. Wenn jetzt all die Prognostiker, die die Krise nicht vorausgesehen haben, sagen, nach einem Abrutschen um 6% in diesem Jahr sei erst ab Mitte 2010 mit einer Erholung der Wirtschaft zu rechnen, sind Zweifel daran angebracht, dass das genau so sein wird. Die Wirtschaft könnte in Form eines zyklischen Rückpralls auch schneller wieder Fuß fassen.
"Für Subventionen sehe ich in Zukunft keinen Spielraum mehr"
IZ: Die Konjunkturpakete mögen hilfreich sein, zurück aber bleiben auch horrende Staatsschulden. Rechnen Sie damit, dass sich der Staat in den nächsten Jahren über eine galoppierende Inflation zu entschulden versucht?
Heise: Nein, ich glaube nicht, dass wir eine beschleunigende Inflation bekommen. Eine Hyperinflation ohnehin nicht. Dem werden die Zentralbanken entgegenwirken. Eine Inflation ist ein ganz gefährliches Spiel. Sie vernichtet Vermögen und Vertrauen der Leute, die dann weniger konsumieren würden. Die Frage wird sein, wie man von den Schulden runterkommt, ohne der Wirtschaft Schaden zuzufügen.
IZ: Und die Antwort?
Heise: Ohne Wirtschaftswachstum wird es nicht gehen.
IZ: Das heißt es schon seit Jahrzehnten. Fakt aber ist doch, dass kaum einer mehr glaubt, die Schulden würden jemals getilgt. Das hat in vergangenen Boomzeiten nicht funktioniert, warum sollte es dann jetzt plötzlich klappen?
Heise: Weil der Handlungsdruck immer gigantischer wird. Öffentliche Investitionen, Sozialleistungen und Subventionen werden zurückgefahren werden müssen. Auf der anderen Seite müssen alle Möglichkeiten ergriffen werden, Wachstum zu stimulieren. Dazu gehört eine Steuerreform, die Konsum und Beschäftigung anregt, und wir müssen mehr auf Technologie, Innovation, Qualifikation und Bildung setzen.
IZ: Die Immobilienverbände trommeln vor der Bundestagswahl für vielerlei zusätzliche Subventionen: Sonderabschreibungen bei der energetischen Gebäudesanierung, Ersatz für die Eigenheimzulage, eine großzügigere Verschonungsregelung bei der Erbschaftsteuer und mehr Geld aus dem zweiten Konjunkturpaket. Alles ohne Chance?
Heise: Ich sehe für so etwas in Zukunft keinen Spielraum mehr. Der entscheidende Korrekturmechanismus im System werden nur noch die Preise sein.
IZ: Das heißt konkret?
Heise: Konkret heißt das: Wenn es zum Beispiel keinen Ersatz für die Eigenheimzulage gibt und die Nachfrage zurückgeht, werden die Preise für Wohnungen mit großer Wahrscheinlichkeit sinken. Im Zuge des Preisrückgangs entsteht wieder mehr Nachfrage.
IZ: Oder es wird weniger gebaut.
Heise: Den Bau von Wohnungen sollten wir nun wirklich nicht subventionieren. Anders als in den USA hat es in Deutschland keinen Einbruch beim Wohnungsbau gegeben.
IZ: Worauf wird sich die Bauindustrie in den nächsten Jahren denn am meisten stützen?
Heise: Hauptstabilisator werden mit Blick auf die Konjunkturpakete der Bau und die Instandsetzung öffentlicher Gebäude und Infrastruktur sein. Im Wohnungsbau erwarte ich nur leichte Rückgänge, während der gewerbliche Bau stark unter der Rezession leidet. Da wird voraussichtlich deutlich weniger investiert.
IZ: Herr Heise, danke fürs Gespräch.
Das Interview führte Bernhard Bomke.

