IMMOBILIEN ZEITUNG – AKTUELLE AUSGABE

Immobilien Zeitung vom 26.03.2009

Energiegewinnung

Braunes Gold: Wärme aus Abwasser

Auf der Suche nach Energiespendern jenseits von Öl und Gas ist man auf eine Brühe gestoßen, der bislang gemeinhin kein großer Wert zugeschrieben wird: Abwasser. Am Yachthafen in Speyer hat die Steber Wohnbau nun mit dem Bau von 40 Eigentumswohnungen begonnen, die mit Energie aus dem Kanal auf Temperatur gebracht werden sollen.

Die 80 qm bis 262,5 qm großen Einheiten mit einer Gesamtwohnfläche von 5.700 qm entstehen am Südende des Hafens in fünf viergeschossigen Stadtvillen. Das Investitionsvolumen beträgt ca. 12 Mio. Euro, die Wohnungen verkauft Steber zu Preisen zwischen 2.250 Euro/qm und 2.600 Euro/qm.
Die benötigte Energie für Heizung und Warmwasser wird über einen etwa 100 m entfernt gelegenen Abwasserkanal und eine 140 qm große solarthermische Anlage gewonnen. Energielieferant sind die Stadtwerke Speyer, mit denen die Steber Wohnbau einen Contractingvertrag über 20 Jahre abgeschlossen hat. Das in Rheinland-Pfalz ers­te Energieprojekt dieser Art, von dem es auch deutschlandweit allenfalls eine handvoll gibt, so Rüdiger Kleemann, Leiter des Fachbereichs Wärme-Service bei den Stadtwerken, basiert auf einem Energiekonzept des Steinbeis-Transferzentrums für Energietechnik in Stuttgart sowie der beiden in der Schweiz ansässigen Unternehmen Ryser-Ingenieure und eam.

Kostenvorteil kommt mit der Zeit

Bei den Berechnungen kam man auf insgesamt etwa 370 MWh, die pro Jahr benötigt werden; aus dem Kanal sollen 320 MWh, von den Dächern 80 MWh kommen. Die Energiegewinnung aus Abwasser funktioniert im Groben folgendermaßen: Dem Kanal mit seiner im Schnitt etwa 15 Grad lauen Brühe wird über einen rund 100 m langen Tauscher Wärme entzogen. Eine in jedem Haus installierte Wärmepumpe erhöht nochmals das Temperaturniveau. Die solarthermische Anlage heizt das Wasser auf und unterstützt die Pumpen in den kalten Wintermonaten.

Den Stadtwerken zahlt der Käufer einer 120-qm-Wohnung bei einem jährlichen Wärmeverbrauch von 9.000 kWh 10,57 Euro/qm im Jahr für Heizung und Warmwasser. Damit liegen die Kosten derzeit zwar nur geringfügig unter denen, die mit der Kombination Gasbrennwertkessel und Solaranlage entstehen würden, sagt Rüdiger Kleemann. Längerfristig sieht er durchaus einen Vorteil: Mit einem Großteil der Kosten wird die von den Stadtwerken getätigte Investition reingeholt. „Nur 25% der Kosten sind verbrauchsabhängig und Steigerungen des Energiepreises unterworfen“, erklärt der Fachbereichsleiter. Nach oben mit den Kos­ten geht es entsprechend der Entwicklung des Preises für Strom, der zum Betrieb der Wärmepumpen benötigt wird. Kleemann rechnet damit, dass der Strompreis in den nächsten Jahren um im Schnitt etwa 5% teurer wird, der volatilere Gaspreis jedoch deutlich stärker anzieht. „Mit der Zeit rechnet sich das Wärmekonzept für die Käufer immer mehr.“ Auch der Umwelt kommt die Art der Energiegewinnung zugute: So wird der Primärenergiebedarf der fünf Häuser um mehr als 40% gegenüber dem Heizen mit einer herkömm­lichen Anlage gedrückt.

Teure Technik

Dass es bislang nur wenige Projekte dieser Art gibt, liegt an den hohen Investitionskos­ten. Auf etwa 500.000 Euro kommen die Stadtwerke für das Energiekonzept der Neubauten am Yachthafen, 100.000 Euro davon übernimmt die Steber Wohnbau, Fördermittel wurden in Aussicht gestellt. Teuer sei vor allem die neue Technik des Wärmetauschers und dessen nachträglicher Einbau in den Abwasserkanal.
Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt sieht in der Wärmegewinnung aus Abwasser großes Zukunftspotenzial. In einem Anfang des Jahres veröffentlichten Ratgeber für Bauträger und Kommunen heißt es, das Abwasser enthalte genügend Energie, um 2 Mio. Haushalte in Deutschland mit Wärme zu versorgen. Tausende Standorte eigneten sich; besonders günstig seien die Voraussetzungen beispielsweise bei Wohnsiedlungen in der Nähe von großen Abwasserkanälen oder Kläranlagen. (cr)

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