IMMOBILIEN ZEITUNG – AKTUELLE AUSGABE
Immobilien Zeitung vom 19.03.2009
Mipim 2009: Nachhaltigkeit
Es bewegt sich viel, doch immer noch zu wenig
Nicht nur der zum zweiten Mal vergebene Mipim-Award für Green Buildings, auch verschiedene Konferenzen und Ausstellerinitiativen zeigten, dass die internationale Immobilienmesse sich des Dauerthemas Nachhaltigkeit wirklich annimmt.
Warum müssen wir das Rad immer wieder neu erfinden? Diese fragende Bilanz zog die Britin Liz Peace in Cannes. Ein Jahr nachdem sich im Frühjahr 2008 erstmals gut 20 nationale und internationale immobilienwirtschaftliche Verbände an einem Tisch versammelt hatten, um gemeinsame Berichtsmethoden und Standards hinsichtlich nachhaltiger Gebäude zu erarbeiten, fand sich die illustre Runde am Vorabend der diesjährigen Mipim wieder zusammen.
Vieles hat sich in manchen Ländern getan, viele Wünsche bleiben offen. Peace ist ungeduldig, sie will mehr Taten sehen. Ihr ist noch zu viel "heiße Luft" im Spiel, es wird ihr zu viel konferiert statt angepackt. Sie fasst sich dabei als Vertreterin der British Property Federation an die eigene Nase, an die der Partnerverbände, an die der nationalen Regierungen, an die der EU, und auch die UN nimmt sie nicht aus. "Wie erreichen wir ein Maß an internationaler Zusammenarbeit, die die politischen Führungen bislang nicht zustande bringen?"
Nachhaltigkeit wird Pflicht
Peter Verwer zeigt sich überzeugt, dass auch die derzeitige dramatische Finanz- und Wirtschaftskrise das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr "wegdrücken" kann. Man könne fast sagen, das Gegenteil sei der Fall: "Gebäudeeffizienz ist wieder ein Thema." Der australische Immobilien- und Nachhaltigkeitsfachmann ist sich in dieser Hinsicht mit Frank Billand, Vorstand der Hamburger UI Real Estate, einig. Letzterer sprach in Cannes davon, die Krise provoziere und bestärke neue Werte – "Sustainability statt Yield". Langfristig angelegte Investments, wie sie sein Haus tätige, erforderten zwangsläufig Nachhaltigkeit.
Billand fordert, dass schon bald Nachhaltigkeit als konkreter, messbarer Faktor in die Immobilienbewertung eingeht. Auch Verwer sieht hohe Dynamik. Man werde eine neue Stufe erklimmen. Jetzt gehe es um "Nachhaltigkeit 2.0". Nachhaltigkeitsreports und -bilanzen seien eng an unternehmerische Verantwortung gekoppelt, ihre Bedeutung nehme zu. "In weniger als zehn Jahren werden sie selbstverständlich sein."
Als sei in Sachen nachhaltiger Gebäude nicht noch genug zu tun, warf der Australier – im Gleichklang mit dem Singapur-Chinesen Goh Chye Boon und dem US-Amerikaner Richard Rosan – ein viel umfassenderes Zukunftsthema auf. Vereinfacht gesagt: Es geht nicht mehr nur um Gebäude, sondern um Städte und damit um nachhaltige Infrastruktur und Lebensumstände.
Vom Einzelgebäude zur Stadt
Die Entwicklung der Weltbevölkerung, die dramatische Urbanisierung in vielen Weltregionen, die Umwälzung von Arbeitsverhältnissen und der fehlende Wohnraum wirft dabei vielerorts gänzlich andere Fragen auf als hierzulande. In den USA wird die absehbare Bevölkerungsentwicklung die der Babyboomer-Jahre in den Schatten stellen, sagt Rosan, und zum Beispiel einen ungeheueren Wohnraumbedarf mit sich bringen. Doch wie und wo wird man wohnen? Er spricht von Mobilitätskosten für Metropolenbewohner (z.B. eine Familie), die höher sein können als die Wohnkosten. Und er nannte noch eine unglaubliche Zahl bezüglich künftiger Agglomerationen: Zwei Drittel des entsprechenden Gebäudebestands von 2050 sind heute noch gar nicht gebaut!
Verwer verwies eindringlich auf das Fehlen ökonometrischer Tools, die für die Planung, die Errichtung und das Leben in "grünen Städten" unerlässlich seien. Vereinfachend gesagt: "Es gibt noch kein LEED-,
Breeam-, Green-Star-Zertifikat für Städte."
Und natürlich auch noch keines der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB), kann man hinzufügen. Das noch sehr junge deutsche Nachhaltigkeits-Label wagte in Cannes den ersten Schritt an die internationale Immobilienöffentlichkeit. Die Nachfrage nach dem Zertifizierungssystem sei im Ausland schon da, berichtete Geschäftsführer Christian Donath. Gleichwohl: Auf der Mipim und auch bei der Lektüre der offiziellen Messe-Publikationen wie den täglichen Mipim News hat man weiterhin den Eindruck, es gebe nur die Buchstabenkombinationen LEED oder Breeam. DGNB ist ein unbekanntes Kürzel. Umso lobenswerter ist die Initiative, sich auf das Mipim-Parkett zu wagen. Donath stand Rede und Antwort, und er hatte aus Stuttgart eine druckfrische Informationssbroschüre zum DGNB-Siegel mitgebracht – "First English Edition March 2009".
Deutsche Planer sind dabei
Die Stuttgarter waren nicht allein. Den vom Bundeswirtschaftsministerium ge-sponserten, im Vergleich zur Vorjahrespremiere wesentlich attraktiveren Gemeinschaftsstand German-Pavilion nutzten rund zwei Dutzend Aussteller als Plattform. Insbesondere Architekten, Ingenieurbüros und Planer – darunter einschlägige Adressen wie Gerber Architekten, Buchholz McEvoy und Enco Energy Consulting – warben mit ihrem "grünen Know-how".
Unter den ausländischen Architekturbüros zeigten die Italiener als Green-Tower-Visionäre unübersehbar Flagge. JMSchivo & Associti aus Rom und das in Bologna ansässige Büro des diesjährigen Gewinners des Green-Building-Awards, Mario Cucinella, stehen dafür als prominente Beispiele.
Dem nachhaltigen Planen, Bauen und Betrieb zeigten sich im Palais des Festivals mehr ausgestellte Projekte verpflichtet denn je. Immobilien in Schanghai und Lyon, in Paris, Manchester und Dublin waren zu sehen. Aus Deutschland konnte nicht nur UI Real Estate einschlägige Objekte vorweisen. Hamburg hätte als künftige "Green City" mehr wuchern können. Am Münchner Messestand wurde das Auron-Projekt von Accumulata und LBBW Immobilien gezeigt. Als planende, beratende und steuernde Nachhaltigkeits-Experten spielte die Drees-&-Sommer-Mannschaft auch in diesem Jahr ihren gewohnten (und gefragten) Part.
Einen Schritt weiter als all die Einzelprojekte, denen hier und da für eine gewisse Zeit durchaus Leuchtturm-Charakter zukommen kann, sind anderenorts schon Metropolen und Regionen. Neben geografisch sehr entlegenen Projekten wie der chinesischen Tianjin Eco-City taten sich insbesondere nordeuropäische Gemeinschaftsstände hervor. Egal ob der von Stockholm oder der der länderübergreifenden Öresund-Region mit Kopenhagen und Malmö, sie präsentierten sich in Cannes als Pioniere nachhaltiger Stadt-, Regional- und Wirtschaftsentwicklung. Die Skandinavier gehen voraus. Wäre vor wenigen Jahren denkbar gewesen, dass eine Stadt sich auf der international führenden Immobilienmesse als attraktiven Standort anbietet – und dafür als ein wichtiges Argument den fairen Handel mit Dritte-Welt-Ländern ins Feld führt? Göteborg tut es.
Die Bewirtschaftung fehlt
Hier schließt sich auch ein anderer Kreis. Es mehren sich die Stimmen, die die Mittel sowie die Art und Weise der Nutzung und der Bewirtschaftung von Immobilien umfassender berücksichtigt sehen wollen, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Chris Hiatt, Jones Lang LaSalle, redete diesem Anliegen das Wort und forderte universell einsetzbare Systeme der Performance-Messung, der Dokumentation und des Reportings.
Noch selten zeigen sich FM-Dienstleister auf der Höhe der Nachhaltigkeitsproblematik. In Cannes, wo nur wenige (und darunter keine deutschen) FM-Unternehmen anzutreffen sind, hat die österreichische first facility die Nase vorn gehabt. Mit einem auf nachhaltigen Gebäudebetrieb zielenden Leistungsportfolio – inklusive einer jungen Sustain-Consulting-Schwester – positionieren sich die Wiener für eine, wie sie sagen, kommende „grüne Immobilienwelt“. (ae)

