IMMOBILIEN ZEITUNG – AKTUELLE AUSGABE
Immobilien Zeitung vom 15.01.2009
Stuttgart
Das Jahr wichtiger Weichenstellungen für Großprojekte
Das neue Jahr startet unter schwierigen Voraussetzungen. Die Finanzkrise wirft ihre Schatten auch auf die Stuttgarter Immobilienlandschaft. Gerade für geplante Großprojekte wird dieses Jahr zur Nagelprobe. Es wird sich zeigen, ob der Optimismus im Südwesten anhält.
In Bezug auf die Gesamtsituation sei die konjunkturelle Lage analog zu den augenblicklichen Temperaturen schockgefroren, konstatiert Arnim E. Kogge, Leiter Private Banking beim Bankhaus Ellwanger & Geiger mit Blick auf das Finanzsystem. Bernd Unterberger, Leiter der Stuttgarter Angermann-Niederlassung, sieht ein Hauptproblem darin, dass "die Banken trotz staatlicher Unterstützungszusagen immer noch nicht finanzieren" und damit sicher geglaubte Zusagen an Investoren wieder auf dem Prüfstand stehen.
Das mit 5,1 Mrd. Euro größte und teuerste Projekt im Land, das Stadtentwicklungs- und Bahnprojekt Stuttgart 21, scheint bisher von der Krise relativ wenig betroffen. Die Finanzierungszusagen von Bund, Bahn und Land stehen, Ende Januar soll die Finanzierungsvereinbarung unterschrieben werden, auch wenn kritische Stimmen nach wie vor von Mehrkosten in Millionenhöhe ausgehen. Für gute Stimmung sollen auch Werbemaßnahmen sorgen, für die von der Stadt 1 Mio. Euro bereitgestellt werden. Erste Bohrungen für das Bahnprojekt haben bereits begonnen. Ob allerdings der ursprüngliche Zeitplan nach den vielen Verzögerungen noch eingehalten werden kann, ist fraglich.
Baustart für Büro- und Wohngebäude im Plan
Die zentralen Grundstücke des ersten Baugeländes von Stuttgart 21 hinter dem Hauptbahnhof sind bereits seit Monaten an Investoren verkauft, und die Architektur- sowie die Baupläne liegen größtenteils vor. Stuttgarts Baubürgermeister Matthias Hahn ist "mit der Entwicklung insgesamt sehr zufrieden". Krönung und Herzstück des Geländes wird die Bibliothek 21, für die der Grundstein Anfang November 2008 gelegt wurde. Damit sind die Bauarbeiten im Zeitplan.
Um aus der großen Brache ein lebendiges Stadtviertel zu machen, müssen auch die weiteren Bauvorhaben den Zeitplan einhalten. Eines der zentralen Grundstücke liegt neben der geplanten neuen Bibliothek. Fay Projects, Frankfurt am Main, und Gero Real Estate, Bellheim, wollen auf einem 4.160 qm großen Grundstück bis Mitte 2010 ein sechsgeschossiges Bürogebäude erstellen, das im Erdgeschoss Flächen für Einzelhandel und Gastronomie bietet. Mit dem Bau soll planmäßig noch im Frühsommer begonnen werden. Ebenfalls planmäßig diesen Sommer will der Münchner Projektentwickler Reiß & Co. die Bauarbeiten für die Pariser Höfe starten. Auf rund 7.500 qm entsteht mit 250 Mietwohnungen auf 23.500 qm der erste Wohnraum auf dem Gelände, dazu ein Büroriegel auf 6.300 qm Bruttogeschossfläche. "Das Bauvorhaben ist zementiert", so Geschäftsführer Oliver Reiß. Der gesamte Gebäudekomplex soll an einen Investor verkauft werden und über diesen in einen Immobilienfonds eingehen.
Ein Blickfang für Stuttgart 21 soll das Hochhaus an der Ecke Heilbronner und Wolframstraße mit dem projektierten Baubeginn 2010 werden. Doch noch kann die Schwäbische Wohnungs AG keine Auskunft geben, ob die 60-Mio.-Euro-Investition ein Fünf-Sterne-Hotelturm wird oder ein Wohnhochhaus.
Klärung offener Fragen drängt mit Blick auf Stuttgart 21
Keinen Aufschub verträgt auch die Frage, ob die geplanten Einzelhandelsflächen auf dem Areal realisiert werden oder nicht. 50.000 qm stehen zur Diskussion. Bewerber für das voraussichtlich auf drei Gebäude aufgeteilte Einkaufszentrum sind die Strabag Real Estate und ECE Projektmanagement. Der vor zehn Jahren aufgestellte Bebauungsplan stößt im Gemeinderat auf Widerstand. Insbesondere, da das geschätzte 600-Mio.-Euro-Projekt Kaufkraft aus der Innenstadt abziehen wird, so die Überzeugung von Citymanager Hans H. Pfeifer. Um dem entgegenzuwirken, will die Stadt die Stellplätze auf 1.200 statt die von den Projektentwicklern geforderten 2.400 begrenzen. Stuttgart 21 sollte mehr Wohnen, mehr Büros und weniger Handel erhalten, fordert nicht nur die FDP-Fraktion im Gemeinderat.
Mehr Wohnungen und Büros, dafür weniger Handel
Denn auch in der angestammten City sind große Handelsprojekte in Planung. Am südlichen City-Ring wird ein ganzes Stadtquartier aufgemöbelt. Projektentwickler Sepa plant eine 24.000 qm große Shoppingmall, dazu jeweils 10.000 qm für Wohnungen und Büros. Am terminierten Baubeginn Ende 2009 hält das Unternehmen fest.
Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster sucht nachdrücklich nach einem Kompromiss für das Da-Vinci-Projekt von Projektentwickler Breuninger, Stuttgarter Platzhirsch bei Mode, und dem Finanzministerium. Von den städtebaulich umstrittenen 55.000 qm sollen 36.000 qm Bruttogeschossfläche für Büros der Ministerien zur Verfügung stehen. Auf den restlichen Flächen will Breuninger Einzelhandel und ein Fünf-Sterne-Hotel errichten. Noch scheint es über die Baumassen zu keiner Einigung gekommen zu sein. Soll der Zeitplan (Baubeginn 2011) eingehalten werden, müsste noch dieses Frühjahr ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden.
Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Bad Cannstatt sollen im Rahmen einer städtebaulichen Neuordnung Wohnungen, ein Science-Center zum Thema Mobilität und mit vier Hotels unterschiedlicher Kategorien Deutschlands größter Hotelpark entstehen, für den mit einer Investitionssumme von rund 100 Mio. Euro gerechnet wird. Die Bagger sollen noch dieses Frühjahr anrücken, um nicht nur den erwarteten 12 Mio. Parkbesuchern pro Jahr Unterkünfte zu bieten. Alle Hotels sollten parallel gebaut werden. Doch am Start ist vorerst nur die Intercontinental Hotel Group mit Holiday Inn und Express by Holiday. Für ein Vier-Sterne-Hotel und das Boardinghouse stehen die Investoren noch nicht fest.
Weitere Planungen auf dem insgesamt 22 ha großen Areal sind ins Stocken geraten. Das Mobilitäts-Erlebniszentrum der Stadt wird neu ausgeschrieben. Ebenfalls erneut ausgeschrieben werden soll ein Architektenwettbewerb, um eventuell noch den ursprünglichen Zeithorizont mit Baubeginn 2010 einzuhalten. Für das von der Daimler AG geplante Erlebniszentrum in Nachbarschaft zur Mercedes-Benz-Welt möchte das Unternehmen eine eigene Straße gebaut wissen, womit man bei der Stadt noch Probleme hat.
Verzögerungen gibt es auch bei der Neuordnung am Killesberg auf dem ehemaligen Messegelände. Der Baubeginn des Orderzentrums für Mode, des Stadtteilzentrums und der Wohnungen ist um ein halbes Jahr auf diesen Herbst verschoben worden. Der österreichische Investor Franz Fürst führt dafür gegenüber der Immobilien Zeitung nicht die Finanzkrise ins Feld, sondern die schwierige Abstimmung für das Gesamtkonzept, das nur im Gleichschritt wirtschaftlich begonnen werden könne. (dl)

